Strombörse EEX Licht aus in Leipzig?

Der deutsche Energiemarkt EEX in Leipzig erwägt offenbar eine Fusion mit seinem französischen Konkurrenten Powernext. So soll die größte Strombörse Europas entstehen - zulasten Leipzigs: Das EEX-Herzstück könnte dabei nach Paris verlegt werden. Doch kurz vor der bitteren Entscheidung formiert sich Widerstand.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Leipzig hat ein Problem. In wenigen Tagen schon droht die Vorentscheidung zu fallen, ob die ostdeutsche Großstadt die bisher dort ansässige Strombörse European Energy Exchange (EEX) zumindest teilweise verlieren wird. Denn deren Management strebt offenbar eine Fusion mit der französischen Börse Powernext an - und im Zuge dessen soll anscheinend der Spotmarkt, das Herzstück des größten Stromhandelsplatzes Europas, nach Paris wandern. Die Chancen, das zu verhindern, stehen nicht gut.

Nach Informationen von manager-magazin.de tagt der Aufsichtsrat der deutschen Strombörse schon am Freitag dieser Woche und berät über die Fusion. Sollte dann Einigkeit herrschen, wäre die Verlagerung zentraler Bestandteile der Leipziger Strombörse EEX wohl besiegelt - zur Verblüffung vieler Energiemarktexperten. "Deutschland ist die künftige Strom- und Gasdrehscheibe für ganz Europa", wendet beispielsweise Peter Terium gegenüber der "Financial Times Deutschland" ein, Chef der Handelssparte des Essener Energieriesen RWE . "Rund 50 Prozent der Gesamtstrommenge, die derzeit in Europa gehandelt wird, entfällt auf den deutschen Stromhandel." Was solle die Börse dann in Paris?

Zudem zählt ausgerechnet der französische Energiemarkt zu den besonders abgeschotteten in Europa. "Warum sollte man ausgerechnet dort das Symbol für den freien und liberalisierten europäischen Energiehandel errichten, die größte und bedeutendste Strombörse Europas ", fragt ein Mitarbeiter der Bundesnetzagentur hinter vorgehaltener Hand, die den Energiemarkt in der Bundesrepublik zunehmend kontrolliert. Die EEX selbst will dazu nicht Stellung nehmen, ebenso wenig Powernext.

Auch wirtschaftlich scheint die Leipziger zumindest auf den ersten Blick nichts in eine schnelle Fusion mit der französischen Powernext zu treiben. "Die EEX, der führende Energiehandels- und Clearing-Platz in Kontinentaleuropa, konnte ihre Ertragslage erneut überdurchschnittlich ausbauen", berichteten die Leipziger selbst noch Ende Juli stolz über ihr Geschäft in der ersten Jahreshälfte. Mittlerweile sind an der EEX rund 170 Marktteilnehmer aktiv, und zwar nicht nur Energieversorger, sondern auch Ölkonzerne, Banken und andere Finanzanbieter sowie Industrieunternehmen.

"Im Spotmarkt wird anteilig mehr Umsatz über die Börse gemacht als im deutschen Anleihemarkt über die Deutsche Börse", ergänzt Thomas Niedrig, Leiter Short Term Position Management bei RWE Trading und somit für die Optimierung der Handelspositionen und des Kraftwerkseinsatzes des Essener Unternehmens verantwortlich.

Paris kein Symbol für freien Handel

Paris kein Symbol für freien Handel

"In dieser Situation besteht kein Grund, wichtige Geschäftsteile der Börse mit der Pariser Börse Powernext zu fusionieren und das an Umfang und Bedeutung zentrale Geschäft des Spotmarktes zukünftig über Paris abzuwickeln. Die im Spotmarkt gebundenen Arbeitsplätze würden doch nach Paris verlagert werden", wandte dann auch die sächsische Grünen-Landtagsabgeordnete Antje Hermenau in einer dringlichen Anfrage gegenüber der Landesregierung ein. Die sah allerdings keine Dringlichkeit gegeben und blieb eine Antwort schuldig. Dafür steht die Landesregierung jetzt selbst unter Druck.

Nach Informationen von manager-magazin.de wird deshalb ein Staatssekretär der sächsischen Landesregierung an der vorentscheidenden Aufsichtsratsitzung der Leipziger Strombörse am Freitag teilnehmen. Sein Auftrag: das Schlimmste verhindern und Leipzig, wie auch immer, als Standort erhalten. Allein wird ihm das allerdings nicht gelingen.

Das Bundesland Sachsen hält selbst nur 3,7 Prozent der EEX-Anteile, indirekt zwar über die SachsenLB dicke 17,385 Prozent - doch die SachsenLB gehört mittlerweile der Stuttgarter LBBW. Allerdings besitzen die LVV Leipziger Versorgungsbetriebe weitere 5,7 Prozent der EEX-Anteile, die womöglich mit sanftem lokalen Druck gegen den Ausverkauf des Standorts Leipzig auf Kurs gebracht werden könnten. Und unter Umständen könnte den Leipzigern auch noch die skandinavische Energiebörse Nordpool zuhilfe kommen, die ebenfalls stattliche 17 Prozent der EEX-Anteile auf die Waage bringt.

Nach Meinung vieler Marktbeobachter dürften die Skandinavier kaum Interesse an einer großen konkurrierenden Energiebörse zu ihrem eigenen prosperierenden Handelsplatz Nordpool in Oslo haben. Gemeinsam mit dem Nordpool-Anteil an der EEX bekämen die Sachsen dann schließlich doch eine ernsthafte Blockademinderheit gegen die Fusion in dieser Form von 25 Prozent oder mehr der EEX-Anteile zusammen.

Das könnte mit etwas Glück sogar klappen. Denn speziell die Norweger, die maßgeblich mit hinter Nordpool stehen, sind gerade dabei, ihren Einfluss im europäischen Energiegeschäft kräftig auszubauen. Der staatliche norwegische Stromkonzern Statkraft beispielsweise hat erst vor wenigen Tagen einen Multimilliarden Euro schweren Beteiligungstausch mit der Düsseldorfer Eon  vereinbart, um an Kraftwerke in Kontinentaleuropa zu kommen. Dass in dieser Expansionsphase eine dominierende Konkurrenzstrombörse zu ihrem eigenen Energiehandelsplatz Nordpool aufgebaut werden soll, werden die machtbewussten Norweger sicher nicht gerne sehen.

Börsen unter Druck

Börsen unter Druck

Doch selbst wenn die schnelle und für Leipzig bittere Fusion kurzfristig aufgehalten werden könnte, scheint mittelfristig nicht viel an einer Konsolidierung der europäischen Energiebörsen vorbeizuführen. Für die Energiehandelshäuser ist es einfach teuer auf vielen kleinen Märkten gleichzeitig aktiv zu sein und dafür Gebühren bezahlen zu müssen. Schlimmer noch, der Einfluss der vielen kleinen Handelsplätze auf den Strommarkt scheint plötzlich zu schwinden, die Börsen verlieren an Attraktivität für den Handel.

Nur noch knapp 15 Prozent des gesamten Stromhandelsgeschäfts in Europa, so schätzen Experten, werden überhaupt über die Börsen abgewickelt. Den Großteil machen die Energiefirmen bereits jetzt unter sich aus - und dieser Brocken scheint immer größer zu werden. "Wir stellen eine enorme Verschiebung eindeutig zulasten des Börsenhandels fest", gab Hans-Bernd Menzel zuletzt zu, Vorstandsvorsitzender der European Energy Exchange.

"Zur Sorge gibt Anlass, dass mehr Kontrakte außerhalb des eigentlichen Börsenhandels und damit in einem deutlich weniger transparenten Raum geschlossen werden". Sein Fazit: "Maßnahmen zur Stärkung des Börsenhandels sind dringend notwendig", richtet Menzel. Es ist offenbar die Fusion mit Powernext, die außer ihm in Leipzig so kaum jemand will.

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