Müllers Welt Ökonomischer Patriotismus

Deutschland wird die Herausforderungen der Globalisierung nur meistern, wenn wir ein neues Selbstbewusstsein entwickeln, das uns zusammenhält. Gelingt dies nicht, wird unsere wirtschaftliche Erholung bald an Grenzen stoßen. Diskutieren Sie mit!

Wir Deutschen haben Probleme mit unserer nationalen Identität. Deshalb haben wir Schwierigkeiten, in der Ära der Globalisierung zu bestehen – ökonomisch, sozial, kulturell.

Das ist die Kernthese meines Buches "Wirtschaftsfaktor Patriotismus". Als es erschien, war der deutsche Aufschwung nur schwach sichtbar, und die Fußballweltmeisterschaft hatte die deutschen Städte noch nicht in Schwarzrotgold getaucht.

Anderthalb Jahre ist das her. Und auf den ersten Blick scheint es, als habe sich seither viel verändert: Deutschland erlebt einen Aufschwung wie seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr; Manager und Unternehmer sind voller Selbstbewusstsein und Zuversicht; Wirtschaft und Staat rücken etwas näher zusammen, um sich gegen unerwünschte Übernahmeversuche aus durch staatlich beeinflusste Unternehmen zu schützen; und Politiker wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) fordern gar mehr "unternehmerischen Patriotismus", ohne dass jemand laut aufschreien würde.

Sind die Deutschen dabei, ein neues Selbstbewusstein zu entwickeln, das uns als Gesellschaft zusammenhält? Werden wir auch künftig in der Lage sein, die Herausforderungen der Globalisierung zu meistern? Sind wir gar auf dem Weg, eine normale Nation zu werden?

Ich habe ernste Zweifel. Trotz Aufschwungs ist unsere nationale Identität nach wie vor brüchig. Wir haben große Schwierigkeiten mit unserem Zusammenhalt als Nation. Und deshalb fürchte ich, dass die derzeitige wirtschaftliche Erholung bald an Grenzen stoßen wird, ganz unabhängig von den Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise.

Kühne Thesen, meinen Sie?

Lehnen wir uns mal einen Moment zurück und fragen uns, was Globalisierung bedeutet. Ich will hier drei Dimensionen herausgreifen, die ich für besonders wichtig erachte.

Herausforderungen der Globalisierung

Herausforderungen der Globalisierung

Erstens: Globalisierung heißt, dass Gesellschaften von Sesshaften – Nationen, wenn man so will – verstärkt um international mobile Produktionsfaktoren konkurrieren. Um Kapital, qualifizierte Beschäftigte, Know-how. Volkswirtschaften, die in der Lage sind, viele dieser hochproduktiven Faktoren dauerhaft an sich zu binden, können mehr Wohlstand ansammeln, auch für die Sesshaften, die immobilen Bürger.

Zweitens: Globalisierung heißt, dass Gesellschaften in der Lage sein müssen, sich rasch und flexibel auf Veränderungen einzustellen. Früher, vor 1990, war die Welt ein überschaubarer Ort, an dem nur reiche Demokratien miteinander im ökonomischen Wettbewerb standen, an dem der Westen politisch als Block zusammengeschweißt war, an dem Veränderungen eher gemächlich abliefen.

All das hat sich gründlich geändert. Regionale Kriege, weltweite Terrorgefahr, Finanzkrisen, aggressiv expandierende Konzerne aus Schwellenländern – die Welt und die Wirtschaft stecken in einem raschen Wandel, der viele überraschende Verwerfungen auslöst. Stabilität und Normalität sind brüchige Konzepte geworden. Nationen, die in der Lage sind, sich den Veränderungen als Kollektiv, als Gesellschaft zu stellen, können den Wandel besser ertragen als solche, die die Anpassungslasten zur vornehmlich privaten Angelegenheit erklären.

Drittens:Globalisierung heißt, dass Gesellschaften in der Lage sein müssen, die Verlierer des Wandels aufzufangen. Strukturwandel, Standortwettbewerb und technologischer Wandel lassen die Chancen unter den Bürgern auseinanderdriften. Für die einen wird das Leben unsicherer und karger, für die anderen öffnen sich neue Optionen und Einkommensquellen. Gesellschaften, denen es trotz dieser neuen Differenzen gelingt, die Solidarität der Gewinner mit den Verlierern zu erhalten, die es schaffen, möglichst viele Bürger auf die Gewinnerseite zu holen, werden die glücklicheren und die stabileren sein – und mutmaßlich auch die ökonomisch erfolgreicheren.

Machen wir uns nichts vor: Deutschland steht in diesen drei Disziplinen nicht gut da.

Deutschland hat viel aufzuholen

Deutschland hat viel aufzuholen

Sind wir in der Lage, mobile Faktoren zu halten? Nein. "Deutschland blutet aus", wie wir im vorigen Jahr titelten. Die Jüngeren, die überdurchschnittlich Guten gehen. 150.000 Bundesbürger gehen Jahr für Jahr. Jeder fünfte Bundesbürger würde gern das Land verlassen, unter den unter 30-Jährigen jeder dritte, so eine aktuelle Allensbach-Umfrage. Trotz Aufschwungs. Hochqualifizierte Ausländer zieht es kaum hierher.

Wer von Ihnen daran interessiert ist, warum es Deutsche ins Ausland zieht, lesen Sie die Ergebnisse unserer Umfrage "No Direction Home"; es ist der bislang einzige aktuelle empirische Hinweis auf die Beweggründe, Pläne und Erfahrungen der neuen deutschen Auswanderer. Soviel an dieser Stelle: Nicht nur ökonomische Gründe (Jobs, Einkommen) treiben die Leute außer Landes, sondern letztlich kulturelle (die häuftigste Begründung lautete: "Ich kann mich im Ausland besser entfalten".)

Sind wir in der Lage, uns als Gesellschaft rasch auf veränderte Bedingungen einzustellen? Nein. Weil ein patriotischer Comment fehlt, sind die Eliten in Politik, Wirtschaft, Verwaltung kaum in der Lage, gemeinsam wegweisende Entscheidungen zu treffen. Typisch, dass auch die Große Koalition nicht fähig ist, große Veränderungen durchzusetzen. Die Sozialsysteme belasten immer noch den Faktor Arbeit. Deutschland hält an alten Zöpfen in der Bildungspolitik fest (Lehre, dreigliedriges Schulsystem…), während andere Länder in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten ihre Systeme komplett reformiert haben und immer mehr Akademiker ausbilden. Im Zusammenspiel mit der Auswanderungswelle ergibt sich der aktuell viel beklagte Mangel an Hochqualifizierten, der längst zur Wachstumsbremse geworden ist.

Sind wir in der Lage, den Verlierern des Wandels die Solidarität der Gewinner anzubieten? Ja, noch. Noch funktionieren die sozialen Netze halbwegs. Im internationalen Vergleich sind die Einkommen der Deutschen relativ gleich verteilt, jedenfalls nach Steuern, Abgaben und Transfers. Obwohl die Markteinkommen auseinanderdriften, gleicht der Sozialstaat einiges aus. Die immer relativ gleichmäßige Verteilung der Nettoeinkommen ist ein Vorteil Deutschlands. Die Frage ist, ob das so bleiben wird. Die Minderheit der Bürger, die noch mit ihren Beiträgen und Steuern die Sozialsysteme finanzieren, fühlt sich tendenziell übervorteilt. Wer viel Geld hat, verabschiedet sich gern ins steuergünstigere Ausland (siehe "erstens").

So gesehen ist eine stabile nationale Identität ein Wirtschaftsfaktor, der erst zum Tragen kommt, seit die Grenzen offen sind und die Globalisierung in vollem Gange ist.

Müssen wir patriotischer werden?

Und jetzt? Müssen wir patriotischer werden?

Schwierig. Nationale Identität fußt auf nationaler Geschichte, und die ist für Deutsche nach wie vor eine Bürde, die wir nicht so einfach abschütteln können oder sollten. Wegen unserer grausamen Vergangenheit, wegen "Drittem Reich", Holocaust und Zweitem Weltkrieg haben wir Schwierigkeiten, uns ohne Vorbehalte zum Deutschsein zu bekennen und entsprechend als Nation zu handeln.

Zum Schluss ein vorsichtig optimistischer Ausblick: Die wirtschaftliche Gesundung, so sie noch einige Zeit anhält, könnte das emotionale Fundament der Bundesrepublik stärken.

Für uns Deutsche ist die Nation ein eher rationales Konzept. Es fußt auf dem Versprechen des "Wohlstands für alle". Deshalb war die Bundesrepublik vor 1990 ein stabiles und bei den Bürgern populäres System. Wir sind eine Wirtschaftsnation. Das Deutsche Reich 1871 entstand aus dem Deutschen Zollverein.

Erst die ökonomische Integration, dann die staatliche Einheit – nach diesem Muster ging auch die Wiedervereinigung mit der DDR vonstatten.

Wenn Deutschland das Wohlstandsversprechen nicht einlösen kann, dann bricht das nationale Selbstwertgefühl zusammen. Die Gesellschaft ist dann kaum noch handlungsfähig. Deshalb hat die Anpassungskrise in Deutschland anderthalb Jahrzehnte gedauert, viel länger als in anderen westlichen Ländern.

Entsprechend könnte der jetzige Aufschwung der Beginn einer emotionalen Gesundung sein. Aber auch soviel ist klar: Der Weg dahin ist noch weit.

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