Wirtschaftskriminalität Teure Sorglosigkeit

Mehr als sechs Milliarden Euro kosten die Unternehmen jedes Jahr Betrug, Bestechung oder Unterschlagung. Nach Ansicht der Beratungsfirma PwC könnten die Firmen einen Teil dieser Verluste sparen - indem sie konsequenter vorgehen, zum Beispiel in den BRIC-Ländern.
Von Rita Syre

Frankfurt am Main – Fast jedes zweite deutsche Unternehmen hat in den vergangenen beiden Jahren mit Unterschlagung, Korruption und anderen Wirtschaftsstraftaten zu tun gehabt. 49 Prozent der von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) sowie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg befragten 1.166 Unternehmen in Deutschland sehen sich im Zeitraum 2005 bis 2007 als Opfer von Wirtschaftskriminalität. Im Zeitraum 2003/2004 waren es rund 46 Prozent.

Global betrachtet sich 43 Prozent der Gesellschaften als Opfer, während es vor zwei Jahren noch 45 Prozent waren. PwC und die Universität Halle-Wittenberg haben insgesamt 5428 Unternehmen in 40 Ländern telefonisch interviewt. Den Gesamtschaden, der den deutschen Firmen durch Wirtschaftsstraftaten weltweit entstanden ist, schätzen die Experten auf rund 6,1 Milliarden Euro pro Jahr. Vergleichszahlen legten PwC und die Universität nicht vor, da die Hochrechnung erstmals durchgeführt wurde.

Die Differenz zu der Anfang des Monats vom BKA vorgelegten Schadenshöhe von rund 4,3 Milliarden Euro erklärt Professor Kai Bussmann von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg damit, dass er auch die mit Wirtschaftskriminalität verbundenen Managementkosten in Höhe von 1,75 Milliarden Euro eingerechnet hat. Er betont, dass die gut sechs Milliarden Euro eine "Untergrenze" sind. Das Dunkelfeldvolumen sei voraussichtlich wesentlich höher.

Jede dritte Straftat wird nicht angezeigt

Schäden von mehr als 100 Millionen Euro wie beispielsweise bei Siemens sind in der Studie nicht enthalten. Bussmann führt die gestiegene Schadenssumme auch auf die gestiegene Sensibilität in den Unternehmen für wirtschaftskriminelles Handeln zurück, so dass mehr Straftaten aufgedeckt werden. Allerdings zeigen die Unternehmen auch ein Drittel der Straftaten nicht an. "Aus Angst vor Reputationsschäden und Aktienkursverluste neigen Unternehmen dazu, Delikte von Topmanagern nicht anzuzeigen", sagt Salvenmoser.

Der Professor für Strafrecht und Kriminologie hat bei der Befragung herausgefunden, dass die Unternehmen umso schwerer von Wirtschaftskriminalität betroffen sind, je größer sie sind. So beläuft sich der durchschnittliche wirtschaftliche Schaden bei einem Unternehmen mit mehr als 5000 Mitarbeitern auf knapp sieben Millionen Euro, während der Schaden bei Firmen mit weniger Beschäftigten im Schnitt bei knapp 1,5 Millionen Euro liegt.

Vorsicht in BRIC-Ländern

Vorsicht in Schwellenländern

Nach wie vor am häufigsten gibt es die Delikte Unterschlagung und Betrug. Rund 33 Prozent der Unternehmen haben solche Straftaten aufgedeckt. Am zweithäufigsten nennen die betroffenen Gesellschaften Fälle von Produktpiraterie und Industriespionage. Der Anteil der Betroffenen stieg von 13 Prozent auf 18 Prozent. Korruptionsschäden mussten 10 (zuvor 9) Prozent der Firmen verbuchen.

Besonders hoch ist das Kriminalitätsrisiko in China, Russland, Indien, Indonesien, Brasilien, Mexiko und der Türkei. In diesen Schwellenländern sei der Schaden je Delikt dreimal größer als im weltweiten Vergleich, sagte Salvenmoser. Die Schäden belaufen sich einschließlich der Managementkosten zur Schadensregulierung auf fast 4,4 Millionen Euro pro Unternehmen, während die Schäden in den übrigen Ländern durchschnittlich 1,6 Millionen Euro erreichen.

Es sei erstaunlich, so Salvenmoser, dass angesichts des fast drei Mal so hohen finanziellen Schadens je Delikt in Schwellenländern deutsche Unternehmen dort "sorgloser" agieren als ausländische Wettbewerber.

"Kommissar Zufall" deckt Wirtschaftsstraftaten am häufigsten auf. In 67 Prozent der Fälle wurden die Handlungen durch zufällige Hinweise aufgedeckt. "Die Sensibilität in den Unternehmen ist zwar gestiegen, aber 47 Prozent der Firmen planen in den nächsten beiden keine besonderen Veränderungen bei ihren Kontrollmaßnahmen", kritisiert Steffen Salvenmoser von PwC.

Nur 12 Prozent der befragten Gesellschaften haben neue Kontrollmaßnahmen eingefügt und 31 Prozent bestehende Maßnahmen verstärkt. In Gesamtwesteuropa haben sich 35 Prozent der Befragten als maßnahmeresistent erwiesen, während 17 Prozent neue Maßnahmen implementiert und 39 Prozent verstärkt haben. "Deutsche Unternehmen hinken im internationalen Vergleich bei der Prävention nach wie vor hinterher", urteilt Salvenmoser.