A380 Start mit zwei Jahren Verspätung

Seufzer der Erleichterung dürfte das EADS-Management am Montag ausstoßen. Endlich wird der erste Riesenairbus A380 an einen Kunden übergeben. Singapore Airlines will den Linienbetrieb zum Monatsende aufnehmen. Das Großprojekt hält den europäischen Luftfahrtkonzern seit Jahren in Atem.

Toulouse - Das ungeduldige Warten hat ein Ende: Nach zwei Jahren Verspätung kann das größte Verkehrsflugzeug der Welt durchstarten. An diesem Montag erhält Startkunde Singapore Airlines seinen ersten Airbus A380 mit dem blau-goldenen Emblem der asiatischen Fluglinie. Ende Oktober soll der Riesenvogel in den Liniendienst gehen. Von der feierlichen Übergabe am Standort Toulouse dürften sich Airbus und die Muttergesellschaft EADS  jedoch nicht nur eine werbewirksame Würdigung ihres Flaggschiffs erhoffen, sondern auch Ablenkung vom Skandal um mutmaßliche Insidergeschäfte sowie von Problemen bei der Umsetzung der Sparpläne.

Es war das ehrgeizige Milliarden-Projekt selbst, das wegen der Verspätungen zum Albtraum für Airbus wurde, der seine Werke europaweit verteilt hat. Der Luftfahrtkonzern EADS stürzte in eine tiefe Krise. Nun hat zudem ein Zwischenbericht der französischen Börsenaufsicht AMF den Verdacht genährt, die EADS-Führungsspitze sowie die Großaktionäre Lagardère  und Daimler  könnten mit Insiderwissen um Entwicklungsprobleme beim A380 lukrative Aktiengeschäfte gemacht haben.

Besonders Probleme mit Verkabelung und Software hatten Airbus im vergangenen Jahr derart aus dem Zeitplan gerissen, dass sich die Führungsspitze zu massiven Einschnitten gezwungen sah. "Power8" wurde das vor Jahresfrist verkündete Sparprogramm getauft. Die geplante Streichung von 10.000 Stellen vor allem in Deutschland und Frankreich rief erneut die politischen Spitzen in Berlin auf den Plan - was den Managern das Arbeiten nicht immer einfacher macht. Sechs Airbus-Werke sowie der EADS-Standort Augsburg sollen überdies den Eigentümer wechseln. Inzwischen stockt der Verkaufsprozess.

Doch aller Schwierigkeiten zum Trotz: Airbus ist im Konkurrenzkampf mit dem US-Erzrivalen Boeing  insgesamt gut aufgestellt. Die Auftragsbücher sind voll. Und auch Boeing musste kürzlich Verspätungen bei seinem Vorzeigeprojekt, dem 787 "Dreamliner" einräumen. Einmal mehr wird klar, dass der Bau eines neuen Flugzeug-Typen in dieser Dimension eine der großen industriellen Herausforderungen ist, bei der allein wegen der jahrelangen Entwicklungszeit mit Schwierigkeiten zu rechnen ist.

Meilenstein der Luftfahrt

Meilenstein der Luftfahrt

Wenn am Montag der A380 zur Erstauslieferung auf dem Toulouser Rollfeld präsentiert wird, richten sich die Kameras somit tatsächlich auf einen Meilenstein der Luftfahrt. Das doppelstöckige Großflugzeug steht im Rang der vor gut vier Jahrzehnten gestarteten Boeing 747, des ersten "Jumbo-Jet", oder des inzwischen spektakulär gescheiterten Überschallfliegers Concorde. Gut 800 Passagiere - bei nur einer Klasse - können im A380 effizient und kostengünstig transportiert werden. In der Grundausstattung mit drei Klassen hat der A380 555 Sitze, Erstkunde Singapore Airlines bringt indes nur 471 Passagiere unter, davon zwölf in Luxussuiten. Serienmäßig verfügt der Jet über eine Cocktail-Bar und eine Duty-Free-Lounge. Einige Airlines wollen ihren Kunden sogar Einzelsuiten mit Duschen anbieten.

Die Fluglinien freuen sich über niedrigere Treibstoff- und Wartungskosten. Und so sind ungeachtet des Ärgers über die Verspätung beim A380 die Fluggesellschaften wie Emirates, Qantas  oder Lufthansa  nicht abgesprungen. 189 Bestellungen und Optionen liegen heute vor. Wieviele Flugzeuge Airbus verkaufen muss, damit sich seine Milliarden-Investition am Ende gelohnt hat, steht nicht eindeutig fest.

Um mit dem Programm Gewinn zu machen, müsste Airbus laut Analysten rund 470 Jumbos verkaufen. Eine Marke, die nach Ansicht von Verkaufschef John Leahy kein Problem darstellt. Er rechne mit einem Potenzial von "weit mehr als 800 Maschinen", sagte er der Nachrichtenagentur AP in einem Interview. Man nehme jeden Kunden ins Visier, der derzeit eine Boeing 747 in seiner Flotte habe. "Wenn der A380 erst im Liniendienst ist, wird mein Job wesentlich einfacher", sagte der Verkaufschef.

Vorausgesetzt, Airbus kommt mit der Serienproduktion nach. Um die Pannen der Vergangenheit zu vermeiden, will Unternehmenschef Enders einzelnen Werken notfalls Arbeitsaufträge entziehen. "Wir brauchen Flexibilität über Ländergrenzen hinweg», betonte er im SPIEGEL-Interview. Er rechnet nach eigenen Angaben in den kommenden Wochen mit weiteren Bestellungen für das Großraumflugzeug, aber auch für den neuen Langstreckenjet A350, der 2013 auf den Markt kommen soll: "Das Spiel fängt gerade erst richtig an."

Allerdings muss sich noch zeigen, ob die zivile Luftfahrt das Konzept eines "Kreuzfahrtschiffes der Lüfte" (Leahy) honoriert, das nur wenige Großflughäfen ansteuern kann. Boeing setzt mit seiner deutlich kleineren 787 auf Direktflüge zu wesentlich mehr Zielen.

Die nächste große Herausforderung für Airbus ist nun der reibungslose Anlauf der Serienproduktion. Vier Flugzeuge im Monat sollen es werden. Weitere Verspätungen sind aber auch dabei nicht ausgeschlossen, wie Airbus-Chef Thomas Enders im SPIEGEL einräumt. Mit Entwicklungsfragen müssen sich die Ingenieure nun beim mittelgroßen Langstreckenflugzeug A350 beschäftigen. Das Konkurrenz-Projekt zum Boeing-Dreamliner ist eine weitere Großbaustelle für Airbus. Nach Kundenkritik musste eine erste Version bereits überarbeitet werden. Die Erstauslieferung ist für 2013 geplant - eine Herausforderung für Airbus, sein angekratztes Image aufzupolieren.

manager-magazin.de mit Material von dpa und ap

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