Peter Löscher Der stille Revoluzzer

Sein Start als Siemens-Chef verlief holprig. Nun hat Peter Löscher große Reformen angekündigt. Die Umsetzung steht noch aus, doch bereits jetzt genießt der zurückhaltende Österreicher Ansehen bei Analysten und Gewerkschaftern. Am Montag ist er 100 Tage im Amt - und könnte schon bald auf Widerstände stoßen.

München/Hamburg - Klaus Kleinfeld liebte wolkige Worte. Innovationen, so predigte der damalige Siemens-Chef einst auf einer Pressekonferenz, seien "unser Lebenselixier" und "Teil unserer Genstruktur". Gerne sprach er über Megatrends, über Mobilität und Wasserversorgung, über Gasturbinen und Windräder.

Kleinfeld hat Siemens  auf Profitabilität getrimmt, sein Reformprogramm "Fit for 2010" gilt bis heute. Menschen aus Kleinfelds Umgebung bezeichnen ihn als direkt und gewinnend. Dennoch: Das Image des ungestümen Jungspunds, der seine Rolex auf Fotos vorsichtshalber übermalen ließ, ist er nie losgeworden. "Kleinfeld zeigte viel Enthusiasmus, aber wenig Tiefgang", sagt ein Analyst.

Ganz anders Kleinfelds Nachfolger. Peter Löscher ist keine zwei Monate älter als Kleinfeld, tritt jedoch auf wie ein Mann aus einer anderen Zeitrechnung. Vorsichtig, abwägend, verbindlich. "Für die Arbeitnehmerseite hat er das erforderliche offene Ohr", sagt Dieter Scheitor, IG-Metall-Funktionär und Siemens-Aufsichtsrat. In den ersten Wochen seiner Amtszeit hat Löscher den Traditionskonzern nicht gleich auf den Kopf gestellt, das behagt dem Gewerkschafter: "Er schlägt das richtige mittlere Reformtempo ein."

Doch mit Ablauf der 100-tägigen Schonfrist steigen die Erwartungen an den Siemens-Chef. Vergangene Woche hat Löscher bereits seine Umbaupläne skizziert: Wie von vielen erwartet, will er den Konzern auf drei Kernbereiche fokussieren: Infrastruktur/Industrie, Energie und Medizintechnik. Die jeweiligen Spartenchefs, die Ende November ernannt werden sollen, rücken in das höchste Führungsgremium ein. Letztlich wird das Topmanagement wohl verkleinert, alt gediente Spitzenkräfte müssen um ihren Posten bangen.

"Glaubhafte personelle Konsequenzen"

"Glaubhafte personelle Konsequenzen"

Der bisher so sanfte Peter Löscher könnte vielen im Konzern unangenehm werden – zumal er auch die Macht der Landesfürsten beschneiden will. Die operativen Bereiche haben Vorfahrt vor den Regionalgesellschaften, betont der Siemens-Chef. Das war auch bisher schon so, doch nun fordert Löscher mehr Disziplin. Für Finanzmarktexperten stellt sich nun die Frage: Hat Löscher, der erste Siemens-Chef ohne Hauskarriere, ausreichend Rückendeckung? Findet er genügend Mitstreiter, um den Konzern umzubauen?

Fest steht: Löscher plant keinen Umbau im Hauruckverfahren. Den genauen Zuschnitt der Kernbereiche sollen zunächst Arbeitsgruppen auf einer Führungskräftekonferenz Mitte Oktober in Berlin debattieren. Löscher will seine Topleute an der Neuausrichtung mitwirken lassen. Von ihrer Expertise möchte er profitieren - und sich gleichzeitig eine breite Basis für seine Reformpläne schaffen.

Ein bärbeißiger, rechthaberischer Dogmatiker ist Löscher jedenfalls nicht. Gelegentlich mag er innerlich brodeln. Nach außen bleibt der 1,95 Meter große Manager jedoch stets gelassen. Löscher sucht regelrecht nach abweichenden Meinungen. Bei seinen Reisen - ob in die USA, nach Österreich, Indien, China oder Japan - hat er stets Kunden getroffen, die bisweilen die Trägheit des Technologieriesen beklagten. Von jungen High Potentials ließ er sich Verbesserungsvorschläge unterbreiten. Löschers nächste Reisen führen ihn nach Russland und in die Golfregion - und stets trifft der Vorstandschef Siemensianer aus verschiedenen Hierarchieebenen.

Bei aller Bereitschaft zum Zuhören: Unter Insidern herrscht kein Zweifel, dass Löscher auch knallhart durchgreifen muss. Die US-Börsenaufsicht SEC sitzt Siemens wegen der Korruptionsaffäre im Nacken - und erwartet Resultate. "Wenn man sich anschaut, wie das System Siemens funktioniert hat", sagt Aufsichtsrat Scheitor, "kann man sich kaum vorstellen, dass das alles ohne das Wissen der Führungsspitze geschehen ist." Schlussfolgerung des Gewerkschafters: "Man muss glaubhafte personelle Konsequenzen ziehen."

"Ungleichgewicht im Portfolio"

"Ungleichgewicht im Portfolio"

Im Konzern fürchtet man sich vor den Strafmaßnahmen der strikten US-Aufseher - schließlich sei der Fall Siemens der größte überhaupt in der Geschichte der SEC. Allerdings tut man sich bislang schwer, mögliche Folgekosten abzuschätzen, und sieht sich deshalb außerstande, entsprechende Rückstellungen zu bilden.

Jedenfalls sind weitere Änderungen im Vorstand zu erwarten - auch ohne konkrete Verfehlungen in der Schmiergeldaffäre. Es geht vor allem um die Signalwirkung: Siemens steht vor einem Generationswechsel. Davon werden vermutlich auch die Zentralvorstände Klaus Wucherer und Uriel Sharef betroffen sein. Die Verträge der beiden 63-jährigen Topmanager laufen am 31. März 2008 aus.

Auf Veränderungen im Konzern drängen auch die Finanzmärkte. Analysten verweisen auf ein "Ungleichgewicht im Portfolio" bei Siemens, und verlangen eine Konzentration auf rentable und strategisch bedeutende Bereiche. "Es ist angebracht, alles auf den Prüfstand zu stellen", sagt Siemens-Analyst Roland Pitz von Unicredit. Zur Disposition stehen beispielsweise die Gemeinschaftsunternehmen Fujitsu Siemens und Nokia Siemens Networks. Mit deren Entwicklung ist Löscher nach eigenem Bekunden ganz und gar nicht zufrieden. Es besteht erheblicher Sanierungsbedarf, langfristige Verträge verhindern jedoch einen schnellen Ausstieg.

Von welchen Assets soll Siemens sich also trennen? Diskussionen über die Gestaltung des Portfolios plant Löscher für die kommenden 14 Tage. Die renditeschwache Zugsparte TS will Löscher prinzipiell im Unternehmen behalten - ob zu 100 Prozent, bleibt jedoch unklar.

Auch die Lichttechniktochter Osram sowie Bosch Siemens Haushaltsgeräte (BSH) zählten Experten bislang zu den Wackelkandidaten im Siemens-Portfolio, doch beide betrachtet Löscher als hervorragend aufgestellte Unternehmen. Die IG Metall spricht gar von unverzichtbaren Bestandteilen, eine Trennungsaktion wäre mit der Gewerkschaft wohl nicht zu machen.

"Mit dem falschen Fuß gestartet"

"Mit dem falschen Fuß gestartet"

Den Verkauf der Autozuliefersparte VDO an Continental  haben die Arbeitnehmervertreter dem Vorstandschef gerade noch verziehen: "Vom Timing her kam der Verkauf etwas unglücklich", sagt IG-Metall-Funktionär Scheitor. "Wäre Herr Löscher bereits zwei oder drei Monate länger im Amt gewesen, hätte er das sicher besser beurteilen können." Die Hauptschuld am drohenden Jobabbau trägt nach Ansicht Scheitors jedenfalls nicht Löscher, sondern Conti-Chef Manfred Wennemer. Dennoch: Die Aktion hat einige IG-Metall-Vertreter irritiert.

Auch die Finanzmärkte hat Löscher schon einmal erschreckt. Ende Juli verkündete Siemens den Kauf des US-Diagnostikspezialisten Dade Behring - für einen stolzen Preis von rund fünf Milliarden Euro. Der Kurs der Siemens-Aktie brach daraufhin ein. Zusätzliche Verwirrung stiftete Finanzchef Joe Kaeser, der freimütig in einem Interview verkündete, Dade Behring sein "nun wirklich kein Schnäppchen" gewesen. "Löscher ist mit dem falschen Fuß gestartet", resümiert Andreas Willi, Analyst bei JP Morgan, "seither hat er jedoch die richtigen Signale gesetzt."

Löscher steckt in einer komplizierte Lage: Er soll Kleinfelds Strategie fortführen, und trotzdem möglichst alles besser machen. Er soll den Konzern umkrempeln, und dennoch die Tradition wahren. Dabei läuft ihm die Zeit davon. Egal, welche Reformen Löscher ergreift: Bis sich die Umbaumaßnahmen in den Bilanzen bemerkbar machen, wird nach Einschätzung von Analyst Willi noch mindestens ein Jahr vergehen: "Das wird eine langsame Story."