Müllers Welt Stark durch die Krise

Das Ende der Deal-Ökonomie: Warum die Verspannungen am Finanzmarkt der realen Wirtschaft nützen könnten. Und warum deutsche Unternehmen dafür gut gerüstet sind. Diskutieren Sie mit!

Vor ziemlich genau einem Jahr traf ich mich zu einem langen Gespräch in der Bar eines Londoner Hotels mit einem einflussreichen Investmentstrategen. Der Mann ist Anfang 60, seit Jahrzehnten im Geschäft, heute berät er arabische Anleger. Wir tranken Mineralwasser, es war eine nüchterne Unterhaltung.

Was passiert, fragte ich ihn, wenn die Schulden, die die westliche Welt aufgehäuft hat, plötzlich nicht mehr tragbar erscheinen? Werden sich die gigantischen globalen Ungleichgewichte dann eruptionsartig zurückbilden? Was wird aus Amerika, was wird aus dem Dollar? Was ist, wenn auf einmal diese globale Woge von Liquidität bricht, auf der die Weltwirtschaft seit Langem surft?

Wir diskutierten also ein Szenario, das von der heutigen Wirklichkeit nicht weit entfernt ist.

"Wissen Sie", sagte der Stratege, "ich glaube, wir werden eine Rückkehr des Geldes in die reale Wirtschaft erleben. Wenn die Finanzmärkte austrocknen, kehren die Unternehmen zurück zu ihrem eigentlichen Geschäft. Sie werden investieren, statt zu dealen. Und das wird das Wachstum in Europa beflügeln."

Ich habe lange über diese These nachdacht. Inzwischen glaube ich, dass da was dran ist. Die aktuelle Kreditkrise könnte tatsächlich zu einer Renaissance der realen Wirtschaft führen – und damit langfristig das Wachstum anheben.

Die Argumentation geht so: In den vergangenen Jahren haben die westlichen Volkswirtschaften eine seltsame Zurückhaltung erlebt. Die Unternehmen waren beim Investieren äußerst verhalten, während in einigen Ländern, in Kontinentaleuropa, vor allem aber in den asiatischen Schwellenländern die Ersparnisse der Bürger stiegen und stiegen.

Das Resultat dieser Konstellation war eine Sparschwemme – eine "Savings Glut", wie der heutige US-Notenbank-Gouverneur Ben Bernanke formulierte. Einem weltweiten Überangebot an Ersparnissen stand ein relativer Mangel von Investitionsmöglichkeiten gegenüber.

Das ist der Stoff, aus dem Finanzmarktblasen sind.

"Dem technischen Fortschritt eine Schneise schlagen"

Entsprechend zogen die Kurse für bestehende Vermögenswerte an. Die Welt wurde Zeuge einer gigantischen Kredit-Hauspreis-Aktien-Anleihen-Rohstoff-et-cetera-Kursblase. Auch Unternehmen beteiligten sich an dem Spiel, übernahmen andere Firmen – sie wuchsen durch Akquisitionen, statt auf altmodische Art ihre Anlagen zu erweitern und neue Technologien zu entwickeln.

Ökonomisch gesprochen: Die Deal-Ökonomie der vergangenen Jahre berührte vor allem die Bestandsgrößen (bestehendes Kapital), weniger die Stromgrößen (Investitionen) der Volkswirtschaft. Verglichen mit früheren Aufschwüngen ist der derzeitige Konjunkturzyklus eine investitionsarme Veranstaltung.

Die derzeitige Kreditkrise könnte dieses Spiel beenden. Kreditfinanzierte Firmenkäufe sind schwieriger geworden. Das Volumen der Buy-outs durch Private-Equity-Gesellschaften ist seit August zusammengeschmolzen.

Unternehmen, die expandieren wollen, dürften deshalb verstärkt auf organisches Wachstum setzen – auf Investition und Innovation.

In der aktuellen Ausgabe des manager magazins sind mein Kollege Michael Kröher und ich der Frage nachgegangen, ob diese neue Konstellation zu einem Wiederanziehen der Innovationen beitragen könnte. Und die Ergebnisse sind ermutigend: Im Angesicht der Kreditkrise, obendrein ernüchtert von den nicht immer erfolgreichen Akquisitionen und Standortverlagerungen der vergangenen Jahre setzen offenkundig mehr und mehr Firmen darauf, aus eigener Kraft zu expandieren – und zwar in Deutschland.

Es sei an der Zeit, dem "technischen Fortschritt eine Schneise zu schlagen", sagt der deutsche Physiknobelpreisträger Theodor Hänsch in unserem Report über die "Produkte von morgen". "Die deutsche Wirtschaft, die Gesellschaft scheinen uns reif dafür."

Zeit durchzustarten.

Gelder sind vorhanden, gerade in Deutschland. Hiesige Unternehmen sind finanzstark wie lange nicht mehr und deshalb gegen die Kreditkrise relativ gut abgeschirmt. Nach Berechnungen der Investmentbank Morgan Stanley übertreffen hiesige Kapitalgesellschaften ihre europäischen Wettbewerber in puncto Innenfinanzierungsquote (einbehaltene Gewinne plus Abschreibungen) bei Weitem. Mittel, aus denen sich das eine oder andere Investitionsprojekt finanzieren lässt.

Die Unternehmen würden "investieren, statt zu dealen. Und das wird das Wachstum in Europa beflügeln", hatte mir der Stratege in London erzählt. Klingt plausibel. Ob die Prophezeiung wahr wird? Wir werden sehen.

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