McKinsey-Studie Die Qual mit dem Qualm

Bis zu 31 Prozent des CO2-Ausstoßes lassen sich bis 2020 reduzieren - ohne bedrohliche Einbußen bei Wirtschaft und Bevölkerung. Das ist das Ergebnis einer McKinsey-Studie. Das 40-Prozent-Ziel der Bundesregierung sei jedoch allenfalls mit gewaltigen Investitionen erreichbar. Oder mit dem Ausstieg aus dem Atomausstieg.

Berlin/Hamburg - 31 Prozent, sagen die Autoren, seien "anspruchsvoll, aber machbar". Die Zahl bezieht sich auf die Treibhausgasreduzierung in Deutschland, und zwar bis 2020 gegenüber 1990. Einbußen für Wirtschaftswachstum und Lebensqualität seien dabei nicht zu befürchten - sogar am Ausstieg aus der Kernenergie könne man in diesem Szenario festhalten. Das ist das zentrale Ergebnis einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey, erstellt im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Titel: "Kosten und Potenziale zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen in Deutschland".

26 Prozentpunkte ließen sich sogar gänzlich ohne zusätzliche Vermeidungskosten realisieren, heißt es laut Studie - "oder mit weitgehend verkraftbaren Kosten von 20 Euro je Tonne CO2". Weitere 5 Prozentpunkte resultierten aus einem Energiemix, für den die Politik bereits die Weichen gestellt habe.

Um die Treibhausgase erheblich zu reduzieren, sind der Studie zufolge noch nicht einmal großartige Innovationen notwendig. "Ich halte denkbare Fortschritte beim Klimaschutz bis 2020 schon mit herkömmlicher Technik für immens", sagt Frank Mattern, Deutschland-Chef von McKinsey. "Allerdings brauchen wir für die weitere wesentliche Verbesserung einen Technologievorsprung in Richtung Abscheidung und Speicherung von CO2."

Das Problem: Sobald das Ziel erhöht wird, auf mehr als 31 Prozent, ist die CO2-Vermeidung laut Studie nur mit sehr teuren Maßnahmen zu erreichen - "und hat möglicherweise negative Folgen für Wachstum und Wirtschaftsstandort." Um dies zu vermeiden, schlagen die Studienautoren vor, bestehende Kernkraftwerke länger laufen zu lassen. BDI-Präsident Jürgen Thumann regt an, die Laufzeit der bestehenden 17 Atomkraftwerke um zehn Jahre bis 2030 zu verlängern. Dadurch ließen sich 7 bis 8 Prozentpunkte bei der CO2-Emissionsreduzierung erreichen - ohne weitere Investitionen.

Erhebliche Kosten für Hausbesitzer

Erhebliche Kosten für Hausbesitzer

Bis 2030 wird möglicherweise auch die Technologie spruchreif, die McKinsey-Chef Mattern anspricht: Das so genannte Carbon Capture and Storage, die Abtrennung und Lagerung von CO2, beispielsweise unter der Erde. Damit ist laut Studie eine Treibhausgasreduktion um mehr als 40 Prozent gegenüber 1990 denkbar - "allerdings zu Kosten von bis zu 50 Euro je Tonne, die für viele Industrien eine Beeinträchtigung der Wettbewerbsfähigkeit bedeuten."

Das größte Sparpotenzial sieht McKinsey in Wohngebäuden sowie gewerblichen und öffentlichen Immobilien. Als mögliche Maßnahmen empfehlen die Studienautoren Wärmedämmung, innovative Heizungsanlagen, effiziente Elektrogeräte und Lüftungsanlagen sowie Beleuchtungssysteme. Die Modernisierung lohnt sich, sagen die Forscher: "Da diese Investitionen zum Teil erheblich Energie einsparen, sind knapp 90 Prozent davon wirtschaftlich."

Bei der Renovierung von Wohnhäusern plädiert McKinsey für den sogenannten Sieben-Liter-Standard - einen Energieverbrauch von 70 Kilowattstunden oder sieben Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr. Problematisch ist, dass Besitzer alter Häuser gewaltige Summen investieren müssten, um ihre Immobilien auf den entsprechenden Stand zu bringen.

Das zeigt eine Modellrechnung der Studienautoren: 77.000 Euro sollte der Eigentümer eines freistehenden, seit 1975 unsanierten Einfamilienhauses mit 120 Quadratmeter Wohnfläche einkalkulieren - für reguläre Instandsetzung und eine neue Heizung. Hinzu kommen weitere 16.500 Euro für Wärmedämmung, höherwertige Fenster und Modernisierung der Heizungsanlage, wenn der Hausbesitzer wirklich den Sieben-Liter-Standard erreichen will. Ein teurer Spaß, der sich jedoch immerhin nach 15 Jahren rechnet.

Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit?

Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit?

Erhebliche Kosten drohen auch der Industrie. Unternehmen können CO2-Emissionen laut McKinsey reduzieren, indem sie beispielsweise ihre Antriebssysteme verbessern oder Treibhausgase gezielt abfangen. Die Industrie muss ihre Energieeffizienz steigern, um ihre Ausstöße überhaupt konstant halten zu können - geht man von einem anhaltenden Produktionswachstum aus.

Knapp zwei Drittel der technisch möglichen Verbesserungen seien wirtschaftlich, hat McKinsey errechnet - weitere Maßnahmen würden bis zu 20 Euro pro Tonne CO2-Vermeidung kosten. Die Autoren der Studie warnen: "Je nach Energieintensität kommen auf einzelne Branchen wie etwa Stahl oder Zement erhebliche Belastungen zu und gefährden deren Wettbewerbsfähigkeit." Schließlich stiegen auch die Preise für Strom und Brennstoffe.

Für die Energiewirtschaft schlägt McKinsey den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien wie Windkraft und Biomasse vor. Kostenpunkt: durchschnittlich 30 Euro je Tonne CO2-Vermeidung. Damit verschiebe sich der Energiemix in Deutschland bis 2020 erheblich, so die McKinsey-Kalkulation: Für jeweils ein Viertel des Stroms sorgten künftig erneuerbare Energien, Stein- und Braunkohle. Erdgas trage ein Fünftel bei. Die Emissionen der Energiewirtschaft könnten gegenüber dem heutigen Stand um 20 Prozent gesenkt werden - bei gleichzeitigem Ausstieg aus der Atomenergie.

Im Transportbereich trägt der Studie zufolge allein die Optimierung von Benzin- und Dieselmotoren in Pkw zu acht Megatonnen CO2-Vermeidung bei - das ist knapp ein Drittel des gesamten Sparpotenzials im Transportsektor. Weitere 14 Megatonnen können durch den verstärkten Einsatz von Biokraftstoffen vermieden werden.

Insgesamt untersuchte McKinsey Kosten und Potenziale von rund 300 Einzelmaßnahmen zur Vermeidung von CO2-Emissionen. Mehr als 70 Unternehmen und Industrieverbände waren daran beteiligt.

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