Samstag, 21. September 2019

Gesundheitssystem Draußen im Feld

Es ist relativ still geworden um das deutsche Gesundheitswesen. Doch die Ruhe trügt: Der Gesundheitsmarkt steht Kopf. Und die Ärzte, die den Reformeifer der Bundesregierung ausbaden müssen, sind sauer.

Es geht heiß her in Deutschlands Arztpraxen. Die Ärzte sind angehalten, den Patientinnen und Patienten die Gesundheitsreform zu erklären. Genau die Reform, die im politischen Berlin entgegen allen ärztlichen Empfehlungen beschlossen wurde.

Thomas Werner, Vorsitzender der Geschäftsführung von GlaxoSmithKline Deutschland, trat dem Unternehmen 1997 bei. Zuvor war der Chemiker Geschäftsführer der Bristol-Myers Squibb Deutschland GmbH.
Es ist die achte Reform in acht Jahren in einem ohnehin durch zahlreiche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien überregulierten Bereich. Bei dem Versuch, den Markt für Gesundheit in den Griff zu bekommen, ist in den vergangenen Jahren wenig unversucht geblieben. Deutschland ist im internationalen Vergleich bei der Regulierungsdichte nach vorne gerückt, die medizinische Versorgung hat sich dabei jedoch verschlechtert.

Viele der Regelungen betreffen beispielsweise Arzneimittel und haben damit Einfluss auf das tägliche Verschreibungsverhalten der Mediziner. Heute zählen wir mehr als 40 Einzelregelungen, mit denen die Reformpolitiker den Arzneimittelbereich zu steuern versuchen: Von A wie Ausgabenvolumen über F wie Festbeträge, R wie Rabattverträge bis zu Z wie Zielvereinbarungen ist alles dabei, was den, der überbordende Bürokratie mag, in Partylaune versetzt.

Bei den Ärzten, draußen im Feld, ist die Stimmungslage hingegen extrem gereizt, von Party keine Spur: Das Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) brachte einen Preisstopp, eine Absenkung der Festbeträge für Medikamente, einen generellen Zwangsrabatt von 10 Prozent im generikafähigen Markt und die Einführung einer Bonus-Malus-Regelung, mit denen die Ärzte an die Kandare der Krankenkassen genommen werden sollen. In diesem Jahr (mit dem Wettbewerbsstärkungsgesetz) folgten dann: die Kosten-Nutzen-Bewertung, Erstattungshöchstgrenzen und die fachärztliche Zweitmeinung vor dem Einsatz spezieller (und deshalb häufig teurer) Medikamente.

Viele Ärzte, mit denen ich rede, stellen sich mittlerweile die Sinnfrage. Früher einmal angetreten, um Patienten optimal zu therapieren, fühlen sie sich nun am Gängelband der Politik. Aus "optimal therapieren" sei längst "maximal erlaubte Therapie" geworden, sagte mir ein niedergelassener Arzt. Frust macht sich breit.

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