O'Neill "Dann hat Deutschland ein Problem"

Für Jim O'Neill liegen auch nach der deutlichen Zinssenkung durch die Fed weiterhin alle Hoffnungen in Sachen Krisenabwehr auf der US-Notenbank. Im Gespräch mit manager-magazin.de erklärt der Chefvolkswirt von Goldman Sachs außerdem, warum Keynes noch immer aktuell ist und warum der deutsche Aufschwung auf wackligen Beinen steht.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Banken stehen derzeit immer wieder in den Schlagzeilen. Sei es, weil ihre Kunden Kapital abziehen, sei es, weil sie offenbar in die falschen Märkte investiert haben. Ist diese Entwicklung nun eigentlich von der Stimmung getrieben oder von den Fakten? Die Fakten wie der sieche US-Immobilienmarkt lagen ja schon lange auf dem Tisch.

O'Neill: Gute Frage. Die Immobilienblase ist nun tatsächlich geplatzt und das mit Vorankündigung. Nun erst scheint man allerdings bereit zu sein, diese Fakten auch wahrzunehmen. Vielleicht war die Wahrnehmung also vorher von der positiven Stimmung geprägt, wie nun von der negativen.

mm.de: Haben wir also eine echte Bankenkrise?

O'Neill: Nein, ich würde es nicht als echte Krise bezeichnen. Große Banken zum Beispiel haben keinerlei Probleme, sich zu finanzieren, wie ich aus Gesprächen immer wieder höre. Für mittelgroße Banken ist es allerdings schwierig geworden. Viele haben es über Jahre versäumt, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Und nun muss alles in einem Monat geschehen. Das schafft natürlich einen gewissen Druck. Für solche Banken dürfte die Krise, wenn wir sie denn einmal so nennen wollen, noch andauern.

mm.de: Die ersten Experten scheinen sich ja schon um die Versorgung der Wirtschaft mit Liquidität zu sorgen. Und entsprechend wurden die Wachstumsprognosen für das europäische Wirtschaftswachstum ja schon gesenkt.

O'Neill: Das ist richtig. Es hängt vieles vom Handeln der Fed ab. Wenn sie auch mittelfristig angemessen reagiert und die Zinsen noch einmal um 50 Basispunkte senkt wie zuletzt, dann bleibt alles in Ordnung.

Das deutsche Jobwachstum

mm.de: Die OECD hat unter anderem auch die Aussichten für Deutschland gesenkt. Dabei hatten sich die Politiker gerade an den Aufschwung gewöhnt.

O'Neill: Ja, aber der ist in allererster Linie exportgetrieben. Sehen Sie, die bloße Tatsache, dass Deutschland Exportweltmeister ist, ist in meinen Augen eher gefährlich als hilfreich. Denn es verlässt sich damit sehr auf den US-Konsumenten. Fällt der aus, hat Deutschland ein Problem. Also muss die Binnennachfrage den drohenden Ausfall kompensieren.

mm.de: Ist das ein Wunder - immerhin sagt die Regierung ja immer lauter, wie wichtig die private Altersvorsorge inzwischen ist?

O'Neill: Ich weiß es nicht. Aber in der Vergangenheit wurden über eine Million neuer Jobs geschaffen. Das ist eine ganze Menge. Nur im Binnenkonsum scheint nichts anzukommen.

mm.de: Kann die deutsche Regierung das ändern?

O'Neill: Ja, das könnte sie. Wenn das so weitergeht, sollte sie vielleicht darüber nachdenken, Konsum steuerlich zu fördern. Immerhin wurden auch die Unternehmen jahrelang gefördert.

mm.de: Nachfrageförderung, das klingt nach Keynes, dem etliche Experten die Realitätsnähe absprechen.

O'Neill: Keynes, warum nicht. Das sollte man pragmatisch sehen. Funktioniert die Binnennachfrage nicht, dann gibt es früher oder später Probleme. Und auf den US-Konsumenten können wir uns künftig nicht mehr verlassen. Das zeigen einige Indikatoren, die bislang recht zuverlässige Ergebnisse ablieferten, zum Beispiel die sich füllenden Lager in den Staaten. Und die USA machen 30 Prozent der Weltwirtschaftsleistung aus, die US-Konsumenten 70 Prozent des dortigen Bruttoinlandsprodukts. Die deutsche Wirtschaft muss ihre Abnehmer also anderswo finden.

mm.de: Am liebsten im eigenen Land?

O'Neill: Genau. Der deutsche Konsument muss die Brieftasche öffnen. Eine andere Kompensationsmöglichkeit besteht im Export von Gütern nach Russland und China. Dort entwickeln sich bekanntermaßen große Mittelschichten, und genau die muss eine Wirtschaft anpeilen. Der Autohersteller GM zum Beispiel verkauft in Russland gut 80 Prozent der Menge Autos, die sie in Deutschland absetzen. Nun wollen die Amerikaner auch vor Ort produzieren. Das wäre ein Weg auch für Deutschland.

Das unlenkbare China

mm.de: Wird die Lage also zu rosig eingeschätzt?

O'Neill: Absolut. Axel Weber sprach neulich noch von den sehr guten Aussichten und der Stabilität der EU. Ich sehe das anders.

mm.de: Vielleicht ein psychologischer Kunstgriff des Bundesbankpräsidenten, um die Märkte zu beruhigen?

O'Neill: Ich hoffe es.

mm.de: Hat die Krise, wenn es überhaupt eine ist, denn auch eine gute Seite?

O'Neill: Ich denke schon. Denn die Bewertungen von Risiken waren lange völlig außer Sicht geraten. Jetzt wurde deutlich, wie wichtig sie sind.

mm.de: Wenn die USA schwächeln und Europa vielleicht auch, welche Trends können Anleger dann nutzen?

O'Neill: Die Urbanisation. China zum Beispiel will in den nächsten 15 Jahren 150 Millionen Menschen urbanisieren. Das ist eine wahre Mammutarbeit. Die braucht Zeit und in der Umsetzung auch viele Rohstoffe. Darum ist es ja so populär, in die BRIC-Länder zu investieren. Normalerweise sind diese Schwellenländer die ersten, die im Falle einer Krise fallen. Heute ist das nicht der Fall, anders als 1998 bei der LTCM-Krise.

mm.de: Kann China diese Entwicklung denn überhaupt steuern?

O'Neill: Nein, das ist kaum möglich. Die Zentralbank hat vor ein paar Tagen die Zinsen erhöht, aber ich denke, das Wachstum geht weiter. Das sind genau die Themen, die Anleger (an der Börse; Anmerkung der Redaktion) spielen können. Stellen Sie sich vor, die USA geriete in Probleme, während China schwächelt - das wäre eine schwierige Situation.

mm.de: China wird aber auch immer wieder ein eher lässiger Umgang mit der Corporate Governance vorgeworfen.

O'Neill: Wir sollten uns nicht einbilden, die Chinesen oder auch die Inder schulmeistern zu können. Klüger wäre es, sie in Gremien wie den G7 und so weiter besser einzubinden und dort Themen wie Corporate Governance zu diskutieren. Es ist offensichtlich, dass unterschiedliche Kulturen unterschiedliche Vorstellungen von Corporate Governance haben. Aber China deswegen in die Ecke zu stellen, wäre ein Fehler. China braucht uns nicht, bereits jetzt fließen erhebliche Handelsströme an uns vorbei und das kann noch mehr werden.

Schwindender politischer Spielraum

mm.de: Sind die Europäer stark genug, politisch gegenzuhalten?

O'Neill: Nein, die Europäer müssen kräftiger auftreten und sich klarmachen, dass sie so groß wie Amerika sind. Viele Dinge werden in Europa noch mit dem alten, nationalbezogenen Maßstab gemessen.

mm.de: So wie Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy?

O'Neill: Ein interessanter Fall. Auf der einen Seite will er nationale Champions schaffen. Ich denke, das ist ein Fehler. Die europäischen Champions, das wäre der richtige Weg. Auf der anderen Seite kämpft er gegen das Brüsseler Diktat der Begrenzung der Neuverschuldung. Das halte ich für richtig, denn dieses Kriterium beraubt die Regierungen ihres Gestaltungsspielraums.

mm.de: Ist dieser Gestaltungsspielraum in der Vergangenheit eigentlich gewachsen oder gesunken?

O'Neill: Ich denke, gesunken; Steuerpolitik, das bleibt die Hoheit des Staates.

mm.de: Sollte sich England dann nicht stärker einbringen?

O'Neill: Wissen Sie, England hat zwei Vorteile. Zum einen die Zeitzone. Zum anderen die Sprache. Ich bin ja das, was ich bin, auch weil ich Engländer bin.

mm.de: Nehmen wir einmal an, die Signale der Fed werden vom Markt nicht geschätzt und das Wachstum der US-Wirtschaft kommt ins Stocken - könnte sich Europa von einer dann drohenden Rezession abkoppeln?

O'Neill: Die Welt ist global und vernetzt. Auch wir würden Probleme bekommen, wenn die USA in eine Rezession schlittert. Es liegt nun bei der Fed. Aber die hat sich in den vergangenen 20 Jahren immer als sehr agil erwiesen.

mm.de: Sie empfahlen schon die BRIC-Staaten und N11, was kommt danach?

O'Neill: Ich denke viel über Afrika nach. Sehen Sie, die Regierung Nigerias kündigte neulich an, die Inflation bekämpfen zu wollen und hat dazu die Währung neu bewertet. Das Ganze hat sie in ungewöhnlicher Form als Rap-Video verfilmt, um es der Bevölkerung nahe zu bringen. Als ich das hörte, dachte ich - wow, das ist Globalisierung. Aber grundsätzlich ist sowas noch Zukunftsvision, aktuell fehlt es solchen Ländern vor allem an Vertrauen, und oft ist die eigene Geschichte dem Land im Weg.