Müllers Welt Zeit für eine Kulturrevolution

Schön, dass endlich über eine Einwanderungsoffensive geredet wird. Aber machen wir uns nichts vor: Eine Kultur, die so unattraktiv ist wie die deutsche, dass sie nicht mal ihre eigenen Leute im Land halten kann, braucht sich über Zuwanderung gar keine Gedanken zu machen.

Vorige Woche saß ich neben einem kongolesischen Topmanager im Flugzeug. Nennen wir ihn Mr. M. Er ist gebildet, kultiviert, vielsprachig, er trägt Maßanzüge und Rolex, und er macht den Eindruck, als verstünde er was vom Geschäft.

Leider arbeitet Mr. M. nicht für eine deutsche Firma, sondern für einen US-Konzern, der mit Mr. M.’s Hilfe groß ins Afrika-Geschäft eingestiegen ist, um Rohstoffe und Agrarprodukte von dort auf die ressourcenhungrigen Weltmärkte zu lenken. Ein Megamarkt, auf dem die Deutschen bislang bestenfalls eine Nebenrolle spielen.

Warum? Weil uns solche Leute fehlen – weil Leute wie Mr. M. gar nicht auf die Idee kommen, Deutschland als Ort ihrer Produktivitätsentfaltung zu wählen. Natürlich lebt Mr. M. in Dallas, nicht in Düsseldorf. Natürlich hat er seine Ausbildung in Paris genossen, nicht in Paderborn.

Ich erzähle die Geschichte von der Begegnung mit Mr. M., weil sie in die derzeit warm laufende Diskussion um die Einwanderungspolitik passt. Sie zeigt, dass die hiesige Debatte von vollkommen falschen Grundannahmen ausgeht.

Hier sind drei Thesen:

Erstens: Einwanderung ist selbstverständlich höchst wünschenswert. Wir sollten uns für die Leistungsfähigen und die Leistungswilligen aus aller Welt öffnen. Nicht nur, weil wir eine alternde und schrumpfende Bevölkerung sind, sondern insbesondere auch, weil die Globalisierung für die Mobilisierung eben jener Leistungsfähigen und –willigen gesorgt hat – Gesellschaften, die die mobilen Produktivitätsträger nicht an sich binden können, laufen in ernsthafte Probleme.

Soweit bin ich völlig einverstanden mit der Basisanalyse der derzeitigen Einwanderungsdebatte. Die Bundesregierung will den Arbeitsmarkt für osteuropäische Ingenieure öffnen, EU-Kommissar Franco Frattini will eine europäische "Blue Card" für Einwanderer aus Drittländern, um Hochqualifizierte nach Europa zu locken.

Aber das reicht natürlich bei Weitem nicht aus.

Gesetzesänderungen genügen nicht

Zweitens: Gesetzesänderungen genügen nicht – nötig sind Kulturänderungen. Die jetzigen Initiativen setzen stillschweigend voraus, vor unseren Grenzen stünden Millionen von Menschen, die nur darauf warteten, Einlass gewährt zu bekommen. Deutschland als gelobtes Land? Europa als Fluchtpunkt aller Träume? Nun ja.

Die Zeiten sind längst nicht mehr so wie Anfang der 90er Jahre, als Jahr für Jahr Hunderttausende Asylbewerber nach Deutschland kamen. Inzwischen gilt das Gegenteil: Die Nettoeinwanderung liegt deutlich unter 100.000 Personen im Jahr, Tendenz weiter fallend, weit unter dem langjährigen Durchschnitt (in den ersten Nachkriegsjahrzehnten betrug die Nettozuwanderung im Schnitt 200.000 Personen jährlich). Das gilt erst recht für die heiß begehrten Hochqualifizierten: Die Zuwanderer der letzten zehn Jahre waren zu 18 Prozent Hochschulabsolventen, die davor sogar nur zu 10 Prozent.

Kaum ein westliches OECD-Land zieht so wenig Akademiker an. In Frankreich und den USA liegt der Akademikeranteil unter den Migranten um 50 Prozent höher, in Schweden und Großbritannien gar doppelt so hoch. Gerhard Schröders "Greencard" für IT-Fachkräfte, wir erinnern uns, war ein Flop – die versprochenen "Computer-Inder" gingen anderswo hin oder fanden im eigenen Land einen guten Job. Der Wettbewerb um die Köpfe wird härter, auch Schwellenländer sind inzwischen Konkurrenten.

Dass Deutschland, leider, weitgehend Computer-Iinder-frei ist, zeigt: Eine vorsichtige Öffnung des Arbeitsmarkts, verbunden mit begrenzten Aufenthaltsgenehmigungen, bringt nichts. Wer Menschen nach Deutschland holen will, muss ihnen die Entfaltungsmöglichkeiten bieten und eine langfristige Lebensperspektive. Kulturelle Attraktivität ist eine Grundvoraussetzung für Einwanderung. Offene Gesellschaften sind erfolgreicher im weltweiten Wettbewerb um Menschen. Daher die Migrationserfolge der angelsächsischen Länder.

Defizite in puncto kulturelle Attraktivität

Drittens: Deutschland hat große Defizite in Sachen kulturelle Attraktivität. Die deutsche Gesellschaft vermag nicht mal, ihre eigenen Bürger im Land zu halten. In den vergangenen Jahren wanderten jeweils 150.000 Menschen aus. Ein Fünftel der Bundesbürger würde gern auswandern, in der Gruppe der unter 30-Jährigen ist es sogar ein Drittel, so eine aktuelle Allensbach-Umfrage. Und das in Zeiten, da Deutschland den kräftigsten Aufschwung seit 1990 erlebt.

Eine Umfrage, die wir voriges Jahr bei manager-magazin.de-Lesern im Ausland durchgeführt haben, offenbart die Beweggründe der neuen deutschen Auswanderer: Ja, es geht um den angeknacksten Glauben an die dauerhafte Leistungsfähigkeit dieser Gesellschaft. Aber die Abstoßungsreaktionen, die Deutschland offenbar hat, gehen tiefer.

Die häufigste Antwort auf die Frage nach den Faktoren, die die Leute ins Ausland trieben, war diese: Wir können uns im Ausland besser entfalten, das gaben 81 Prozent an. Das ist die kulturelle Dimension. Offenheit, Lockerheit, Optimismus, Fehlertoleranz, gute Laune – keine deutschen Stärken.

Eine Kultur, die offenkundig für die eigenen Einwohner so unattraktiv ist, braucht sich über Zuwanderung gar keine großen Gedanken zu machen.

So lange wir nicht lernen, eine wirklich offene Gesellschaft zu sein, so lange werden wir international umworbene Köpfe nicht an uns binden können. Zeit für eine Kulturrevolution.

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