Energiemarkt Die Elektro-Lokomotive

Die Rhein-Ruhr-Region hat sich zum wichtigsten Energiehandelsplatz Deutschlands entwickelt. Jetzt will auch Eon sein Geschäft so schnell wie möglich dort bündeln - während die Branche insgesamt in schwierigeres Fahrwasser geraten ist: Die Gewinne im Stromhandel sinken. Und nun droht den Händlern auch noch die Europäische Union.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Leipzig hätte es schaffen können. Immerhin hat dort die deutsche Energiebörse EEX ihren Sitz, und die hat sich in den vergangenen Jahren im Stromgroßhandel zum führenden Marktplatz in Kontinentaleuropa entwickelt: 2006 wurden 20 Prozent des deutschen Stromverbrauchs über die EEX am Spotmarkt gehandelt, am Terminmarkt waren es etwa 25 Prozent. Der an der EEX festgestellte Preis gilt inzwischen sogar als Referenzgröße für viele Handelsprodukte.

Doch Leipzig gibt im deutschen Energiemarkt nicht den Takt vor. Die wichtigsten Entscheidungen fallen tief im Westen: Die Rhein-Ruhr-Region hat sich zum entscheidenden Energiezentrum der Republik entwickelt. Und vielleicht sogar Europas.

Deutschlands Energieriese Eon  hat jetzt entschieden, sein gesamtes Energiehandelsgeschäft am Firmensitz in Düsseldorf zu bündeln. Große Unternehmensteile ziehen so beispielsweise aus München an den Rhein. Ob CO2-Zertifikate, Gas, Kohle, Öl oder Strom, der komplette Handel wird in der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt gesteuert. "Düsseldorf wurde in einem intensiven Auswahlprozess unter zahlreichen möglichen Städten als Standort gewählt", sagt Eon-Chef Wulf Bernotat.

Anfang 2008 soll es losgehen, etwa 450 Händler, Risikomanager Analysten und andere Experten werden dann im Rheinland ihren Dienst aufnehmen - und ihren Dienstsitz damit nur wenige Autominuten entfernt haben von dem ebenfalls brandneuen Handelszentrum des zweitgrößten deutschen Stromkonzerns, der Essener RWE .

An der Altenessener Straße, unweit der längst stillgelegten Zeche Victoria Mathias in Essens Innenstadt, war vor wenigen Tagen die Grundsteinlegung für das Großprojekt. Bis Ende 2008 wird dort unter anderem ein 2900 Quadratmeter großer und sieben Meter hoher Handelsraum gebaut werden, in dem rund 250 Mitarbeiter auf RWE-Rechnung und die ihrer Großkunden Energieprodukte handeln sollen. Da kommt einiges zusammen: Allein im vergangenen Jahr hat RWE rund 1250 Terrawattstunden Strom gehandelt, das ist mehr als das Doppelte des Jahresverbrauchs in Deutschland. Die Düsseldorfer Konkurrenten von Eon schafften im gleichen Zeitraum 425 Terrawattstunden.

Schwere Verwerfungen befürchtet

Schwere Verwerfungen befürchtet

Zu allem Überfluss aus Leipziger Sicht siedeln sich mittlerweile auch immer mehr internationale Energiefirmen im Rheinland an und konzentrieren dort insbesondere ihren Energiehandel. Statkraft Markets beispielsweise, der deutsche Handelsableger des Norwegischen Staatskonzerns Statkraft, hat sein Düsseldorfer Büro mittlerweile zum Handelscenter für ganz Europa ausgebaut. Und unlängst eröffnete die britische Centrica , eine der großen vollständig privatisierten Energiefirmen Europas, ihre Deutschland-Niederlassung ebenfalls in Düsseldorf. Auch dort soll es jetzt bald losgehen, sagen Marktkenner.

Allesamt blicken allerdings in eine schwierigere Zukunft als wohl noch im vergangenen Jahr gedacht. Die Gewinne im Handel scheinen nicht mehr so sicher, wie noch vor Monaten. Deutschlands Branchenprimus Eon beispielsweise musste zuletzt sogar leichte Einbußen verkraften: Das Stromgeschäft des Unternehmens litt nach eigenen Angaben nicht zuletzt unter niedrigeren Erlösen des Stromhandels. Denn Deutschlands Strommarkt, der größte und liquideste Europas, ist mittlerweile auch der mit den größten Preisschwankungen. Und nicht immer haben die Händler und ihre Analysten den richtigen Riecher. Oder zumindest nachträglich eine gute Erklärung dafür, die hilft, beim nächsten Mal bessere Handelspositionen einzugehen.

Genau in dieser Phase kommt auf die Branche ein neues Problem zu: Der Energiekommissar der Europäischen Union (EU), der Lette Andris Piebalgs, will per Gesetz für mehr Durchblick beim Handel auf den Energiegroßmärkten sowie mit Strom- und Gasderivaten sorgen. Die Händler sollen künftig ihre nationale Regulierungsbehörde bis Ende des jeweils kommenden Werktages genau über Preise und Laufzeit vieler ihrer Geschäfte informieren, so die Vorstellung des Brüsseler Beamten.

Das aber, schrieben jüngst die aufgescheuchten Branchenverbände, könnte weitere "unbeabsichtigte negative Folgen wie etwa eine Verringerung der Liquidität und erhöhte Volatilität haben". Wie soll man noch strategisch handeln, wenn man seine Positionen aufdecken muss, sagt ein Händler hinter vorgehaltener Hand.

Den Brief an den EU-Kommissar, der manager-magazin.de vorliegt, haben deshalb nicht nur die Europäische Vereinigung der Energiehändler (Efet) unterzeichnet, sondern auch der Verband der Londoner Investmentbanken (Liba). Und vier weitere Verbände dazu.