RAG Der lila Riese

Das Ruhrgebiet hat einen weiteren Großkonzern. Die Essener RAG bündelt ihre gewinnträchtigen Sparten in der neuen Firma Evonik, will an die Börse und mit der alten Kohlevergangenheit nichts mehr zu tun haben. Konzernchef Werner Müller trimmt Evonik auf das "ökonomische Megathema Nummer eins".
Von Karsten Stumm

Essen - Als sich die drei Fanfaren-Bläser heute im Hofgarten der Konzernzentrale von den Mitarbeitern der RAG wegdrehten und sich der Büro-Hochhauswand gegenüber zuwandten, fiel dort der Vorhang vor dem verhüllten neuen Namenszug der Firma: Die ehemalige Essener Ruhrkohle hat sich heute umbenannt. Ab sofort heißt die Firma Evonik Industries - und die Angestellten im Hof hatten binnen weniger Sekunden einen neuen Arbeitgeber. "Wir alle sind jetzt bei Evonik Industries beschäftigt", hörten sie ihren Chef Werner Müller per Lautsprecher zu ihnen sprechen.

Die neue Zeitrechnung des Unternehmens wurde von unzähligen Kamerateams und Hörfunkberichterstattern begleitet, Müller selbst präsentierte seine neue Evonik gleich mit dem kompletten Vorstand - und zwar als Mannschaft. Die komplette Führungsriege des Unternehmens marschierte in ähnlichen dunklen Anzügen, hellen Hemden und lilafarbenen Krawatten auf, der neuen Konzernfarbe. Und über allen prangte das neue Emblem der Evonik, ein verschwurbeltes, eingekreistes "E", natürlich in Lila.

"Ich begrüße Sie, meine Damen und Herren, erstmalig bei der Evonik Industries AG", sagte Müller schließlich. Mit dem neuen Namen beginnt eine neue Ära der Unternehmensgeschichte."

Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister und jetzige Evonik-Chef glaubt an die Zukunft seiner Firma als Hightech-Unternehmen. Neben den Geschäftsfeldern Energie und Immobilien biete vor allem die Chemie große Wachstumschancen. "Wir wollen den Konzern auf den ökonomischen Megatrend Nummer eins ausrichten: die Steigerung und Verbesserung der globalen Energieeffizienz", sagte Müller.

Dies gelte etwa in der Solarindustrie, für die der Konzern eine bahnbrechende Technik entwickelt und mit Solarworld ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet habe. "Mittelfristig werden wir einen hohen dreistelligen Euro-Betrag investieren, um unsere Position in diesem Markt auszubauen", kündigte der ehemalige RAG-Chef an.

Rund 120 Journalisten notierten, wie viel Wert er heute auf die Änderung seines Unternehmens legte. Die neue Evonik nehme Milliarden Euro schwere Hochtechnologiemärkte ins Visier, nichts sollte mehr an die alte Kohlefirma RAG erinnern. "Mittelfristig werden wir 1000 Arbeitsplätze in Hochtechnologieindustrien schaffen, die längst an Asien verloren schienen. Unsere Forschungserfolge werden die Arbeitsplätze nach Deutschland zurückholen."

Geldzufuhr erwünscht

Geldzufuhr erwünscht

Dafür allerdings benötigt der Konzern Geld. "Wir können zwar etwa 1,5 Milliarden Euro investieren", sagte Müller zu manager-magazin.de, "aber wir haben mehr gute Ideen als wir allein zu finanzieren vermögen. Ich kann mir deshalb eine baldige Kapitalerhöung vorstellen, unter Umständen auch noch vor dem geplanten Börsengang im Juni kommenden Jahres. Darüber allerdings entscheidet die RAG-Stiftung."

Denkbar sei zudem, dass eine erste Tranche des Unternehmens von etwa 25 Prozent an einen oder mehrere Investoren vorab verkauft würden. Darüber berate die RAG-Stiftung bereits, die auch den Börsengang organisieren soll.

"Wenn wir es schaffen, möglichen Investoren zu verdeutlichen, dass wir jetzt ein politikfreies Unternehmen voller guter Produktideen sind, kommt so vielleicht mehr als durch den kompletten Anteilsverkauf an der Börse für uns herum", sagte Müller weiter zu manager-magazin.de

Der Milliardenerlös aus dem geplanten Börsengang soll in die neue Kohlestiftung fließen, die den subventionierten Steinkohlebergbau bis voraussichtlich 2018 weiterführen und anschließend die Ewigkeitslasten aus dem Stiftungsvermögen tragen soll. Der traditionsreiche Name RAG wird künftig nur noch der deutsche Steinkohlebergbau führen. Zu den Folgekosten nach dem Auslaufen der Kohleförderung zählen Aufwendungen für das Abpumpen von Gruben- und Grundwasser, für Bergschäden und Pensionsleistungen.

Evonik Industries ist nach eigenen Angaben in mehr als 100 Ländern aktiv und erwirtschaftete im vergangenen Jahr mit mehr als 43.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 14,8 Milliarden Euro sowie ein Vorsteuerergebnis (Ebit) von 1,2 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr dieses Jahres lief es bereits erheblich besser.

"Das Ebit für die ersten sechs Monate beläuft sich bei einem Umsatz von 7,6 Milliarden Euro auf 788 Millionen Euro und liegt damit 26 Prozent über dem Vergleichswert des Vorjahres. Das Nachsteuerergebnis sprang sogar um 137 Prozent auf 715 Millionen Euro. Wir sind die neue Kraft", sagte Müller.

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