Airbus "Nicht ausreichend optimiert"

Mitte Oktober liefert Airbus den ersten A380 aus - doch ob die Produktion des Superjumbos problemlos weiterläuft, bleibt unklar. Die Kosten könnten höher liegen als geplant, sagt Luftfahrtexperte Klaus-Heiner Röhl gegenüber manager-magazin.de. Außerdem sei die zweijährige Verspätung kaum aufzuholen. Darunter leiden auch andere Modelle.

mm.de: Herr Röhl, der Flugzeugbauer Boeing  musste unlängst den Erstflug seines Langstreckenflugzeugs 787 Dreamliner verschieben. Grund zur Schadenfreude für den Erzrivalen Airbus?

Röhl: Eine gewisse Genugtuung wird man bei Airbus schon verspüren. Die Risiken sind enorm angestiegen, weil Boeing nicht mehr so viel selbst macht. Der US-Konzern hat die Fertigung völlig umstrukturiert und Aufträge an Zulieferer abgegeben, die Aufträge kostengünstiger bearbeiten können. Einige Systemzulieferer haben sich dabei überschätzt - ihre Fähigkeiten waren nicht so groß wie zunächst gedacht.

mm.de: Ähnlich wie der US-Konkurrent will auch Airbus künftig Kosten senken, indem Aufträge verstärkt an externe Lieferanten abgegeben werden. Zudem stehen die Werke in Nordenham, Varel, Augsburg und Laupheim zum Verkauf. Drohen mittelfristig ähnliche Probleme wie bei Boeing?

Röhl: Man muss zunächst sehen, dass die Schwierigkeiten bei Boeing längst nicht die Dimension der Airbus-Probleme mit dem A380 erreichen. Airbus liefert seinen Großraumflieger mit fast zweijähriger Verspätung aus und muss dafür Kosten in Höhe von mehreren Milliarden Euro tragen. Dagegen ist die Erstflugverschiebung bei Boeing derzeit noch vergleichsweise harmlos - die Verzögerungskosten liegen hier bisher bei geschätzten 500 Millionen Euro.

Ein Systementwickler wie Boeing muss seine Lieferanten, die auf der ganzen Welt verteilt sind, im Prozess sehr sorgfältig begleiten. Die Kontrolle über Liefertreue und der zeitliche Ablauf des Gesamtprojekts müssen gewährleistet sein. Boeing hingegen hat in einigen Fällen zu spät steuernd eingegriffen - und hat seine Zulieferer erst dann mit zusätzlichem Personal unterstützt, als die Verspätungen bereits feststanden. Das alles sind absehbare und zukünftig vermeidbare Fehler.

"Gleichbleibende Verspätung"

mm.de: Nach mehrfachem Aufschub wird Airbus die erste Maschine des A380 am 15. Oktober an Singapore Airlines ausliefern. Gehen Sie davon aus, dass inzwischen alle Probleme behoben sind - und die Serienproduktion zügig weitergehen kann?

Röhl: Jetzt ist zunächst einmal sichergestellt, dass der mehrfach verschobene Erstlieferungstermin eingehalten werden kann. Die bisherige Produktionsplanung für die kommenden Jahre sieht aber nicht vor, dass die verlorene Zeit vollständig aufgeholt wird. Es sieht momentan so aus, als müssten sich nicht nur Erst- und Zweitkunde, sondern alle A380-Kunden mit einer gleichbleibenden Verspätung begnügen.

Frühere Fehler wie beispielsweise bei der Verkabelung wurden zwar behoben. Der Fertigungsprozess ist allerdings noch nicht ausreichend optimiert, um die Produktion deutlich hochzufahren. Die große Frage ist auch, ob die Produktionskosten pro Flugzeug tatsächlich so niedrig sein werden, wie Airbus sich das erhofft. Sollte jeder Flieger einen höheren Aufwand als geplant verursachen, würde die Gewinnschwelle für den A380 erst später erreicht.

mm.de: Auch beim Airbus A350 XWB gibt es Probleme, das Konkurrenzmodell zum Boeing Dreamliner kommt frühestens 2013 auf den Markt. Zudem wurde der Erstflug für den Militärtransporter A400M verschoben, das Projekt des Großraumfrachters A380F auf Eis gelegt. Was läuft hier falsch?

Frankreichs heilige EADS-Beteiligung

Röhl: Alle Ingenieure, die man zusätzlich in die A380-Entwicklung stecken musste, fehlen jetzt natürlich bei anderen Projekten. Die Frage ist nun, ob man die Engpässe in der Entwicklungskapazität mithilfe zusätzlicher Ingenieure auffangen kann - solche Fachkräfte gibt es momentan aber kaum am Arbeitsmarkt.

Airbus müsste also eher den Entwicklungsprozess verschlanken und verstärkt Zulieferer für größere Segmente einbeziehen. Einige russische Firmen beispielsweise sind momentan nicht ausgelastet und verfügen über gute Ingenieure.

mm.de: Der Airbus-Mutterkonzern EADS  hat auch unter Machtgeplänkeln zwischen deutschen und französischen Politikern zu leiden. Die Bundesregierung sähe gern den Rückzug des Großaktionärs Frankreich, der im Gegensatz zu Deutschland direkt an EADS beteiligt ist. Im Gespräch ist eine sogenannte Goldene Aktie: Beide Länder sollen sich aus dem Tagesgeschäft heraushalten, dafür aber ein Vetorecht bei strategischen Fragen erhalten. Eine adäquate Lösung?

Röhl: Dem Staatseinfluss auf Industrieunternehmen über Goldene Aktien und ähnliche Instrumente steht das Institut der deutschen Wirtschaft gewöhnlich sehr kritisch gegenüber. EADS ist aber eines der wichtigsten Rüstungsunternehmen in Europa und deshalb als Ausnahmefall zu betrachten. Der staatliche Schutz der Rüstungsindustrie über Goldene Aktien ist eine durchaus gängige Methode. Deshalb könnte man im Fall EADS eine Ausnahme machen.

Andererseits besteht die Frage, ob Frankreich seine Beteiligung an EADS überhaupt aufgeben möchte. Ich befürchte, dass das Land seiner industriepolitischen Tradition eher treu bleiben und seine 15 Prozent behalten möchte. Umso wichtiger könnte dann eine Goldene Aktie für Deutschland sein.

Konkurrenz aus China und Russland

mm.de: Während Airbus und Boeing mit hauseigenen Problemen zu kämpfen haben, bilden sich neue Flugzeugbauer in den Schwellenländen. Der neue Airbus-Chef Thomas Enders hat bereits vor Konkurrenz aus China, Russland oder Brasilien gewarnt - das Duopol Airbus/Boeing werde möglicherweise nicht bestehen bleiben. Was bedeutet das für die Branche?

Röhl: im Bereich der Kurzstreckenflugzeuge - beispielsweise dem A319 oder der Boeing 737 - erleben wir bereits eine lebhafte Konkurrenz zu den größten Regionalfliegern von Embraer. Der brasilianische Flugzeugbauer ist aber auch das einzige Unternehmen, das Airbus und Boeing auf dem Weltmarkt die Stirn bieten kann. Unternehmen aus Russland oder China waren bisher am Markt hingegen wenig erfolgreich.

Die Russen planen jetzt einen Regionalflieger, der bereits Bestellungen aus Italien erhalten hat. Ob sie das Modell tatsächlich auf den Markt bringen, bleibt abzuwarten. In China werden inzwischen wesentlich mehr Ingenieure ausgebildet als in Europa - deshalb ist langfristig sicher auch von dieser Seite mit Konkurrenz zu rechnen. Auf mittlere Sicht wird es aber vor allem neue Kooperationen geben. Ausländische Zulieferer werden immer größere Segmente herstellen.

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