Autoprojekt Loremo Ehrgeizige Badewanne

Die IAA wird grün, haben die etablierten Autokonzerne beschlossen und präsentieren sich als Umweltvorreiter. Doch die Tüftler der Firma Loremo haben das Potenzial, ihnen die Schau zu stehlen. Ihr Auto soll sich mit zwei Litern Diesel begnügen und sieht trotzdem nicht aus wie eine Sparbüchse.

Hamburg/München - 1998 erschien das Drei-Liter-Auto von Volkswagen. Es galt als die Zukunft des Automobilbaus. Das ist lange her.

Eine Teststrecke irgendwo in der Nähe von München, in den letzten Augusttagen das Jahres 2007. Eine Handvoll Techniker rollt erwartungsvoll ein flaches, silbriges Gefährt vom Transporter und montiert Testgeräte. Der Motor startet mit einem vernehmlichen Nageln. Hochgeschwindigkeitsstrecke, Slalom-Parcours - der Wagen schlägt sich tapfer. Nach hundert Kilometern steht die entscheidende Messung an: Die Flunder hat zwei Liter verbraucht, die Crew ist erleichtert.

Automobile Fettsucht führte in die Sackgasse

Heute, knapp zehn Jahre nach dem VW Lupo TDI 3L, meinen die meisten Autoverkäufer mit "drei Liter" eher den Hubraum als den Verbrauch. Die Zukunft von Autos, deren Verbrauch in dieser Größenordnung liegt, scheint noch Jahre vor uns zu liegen. Seit dem still entschlafenen Drei-Liter-Lupo haben sich Industrie und Kundschaft auf verschwenderische Geländekolosse kapriziert, hoch aufragend wie schottische Burgen und auch fast so schwer. Autos wie der BMW X5 (ab 2,1 Tonnen Leergewicht), VW Touareg (ab 2,2 Tonnen) oder Mercedes GL (ab 2,3 Tonnen) lassen sich nicht mit drei Litern bewegen, eher schon mit zehn bis 15 Litern, je nach Motor.

"Das ist das Prinzip 'Supersize Me', mit dem sich die Autoindustrie in die Sackgasse chauffiert hat." Gerhard Heilmaier regt sich rechtschaffen auf, wenn es um das ewige Größer, Schwerer, Durstiger in der Autoindustrie geht. Ein Prinzip, das sich durch alle Fahrzeugklassen ziehe: So habe der erste Ford Fiesta 1976 noch 730 Kilo gewogen, das aktuelle Modell kommt auf 1,1 Tonnen.

Heilmaier hält die Zeit für gekommen, diese Spirale anzuhalten: "'Supersize Me' hat ausgedient." Ein Auto für vier Personen müsse nicht viel mehr als 500 Kilo wiegen, ein Spritverbrauch von 1,5 Litern sei möglich. Mancher in der Branche hält das für weltfremd. Schon der mickrige Drei-Liter-Lupo wurde mit viel Hightech abgespeckt. Und wehe, man montierte breitere Reifen, dann war Schluss mit dem Drei-Liter-Traum.

Einstieg in die Badewanne

Wenig Widerstand

Heilmaier war bei der Testfahrt Ende August dabei. Schließlich sitzt der frühere Unternehmensberater im Vorstand des werdenden Automobilherstellers Loremo. Zusammen mit den Autoingenieuren Stefan Ruetz und Uli Sommer hat er das Unternehmen gegründet mit dem Ziel, ein Auto zu bauen, das die Zwei-Liter-Verbrauchsgrenze nach unten durchschlagen soll.

Im Internet kann man sich das Konzept schon eine Weile ansehen. Auf dem Genfer Salon im Frühjahr 2006 präsentierten die drei ein Showcar. Modell Nummer zwei dient den Fahrtests und spätestens im neuen Jahr soll der erste echte Prototyp fertig sein, der alle optischen Finessen des Showcars mit den technischen Merkmalen von Wagen Nummer zwei vereint. Beide sollen ab Dienstag auf der IAA präsentiert werden - die Früchte von etwa zwölf Jahren Entwicklungsarbeit.

Loremo steht für "low resistance mobile", ein Wagen der wenig Widerstand bietet, wenig Luftwiderstand, wenig Rollwiderstand - wie gering der Kaufwiderstand der potenziellen Kundschaft sein wird, muss sich weisen. Die Insassen sollen zwar auf nichts Wesentliches verzichten, aber der Loremo wird in vielen Dingen anders sein als gewöhnliche Autos.

Einstieg in die Badewanne

Das beginnt mit dem Einstieg. Die Vordersitze erreicht man, indem man die Fronthaube samt Windschutzscheibe hochklappt. "Wie in einer Badewanne" nimmt man Platz, erläutert Heilmaier. Zwei weitere Passagiere steigen durch die Heckklappe und sitzen Rücken an Rücken mit Fahrer und Beifahrer. Dazwischen befindet sich der Motor, ein Diesel mit zwei oder drei Zylindern.

Das ist alles recht gewöhnungsbedürftig. Auch gibt Heilmaier zu, dass auf den hinteren Sitzen nur Kinder "bis etwa 1,40 Meter Größe" bequem unterkommen. Die merkwürdige Anordnung dient den zwei übergeordneten Zielen des Autos: Wenn der höchste Punkt des Wagens in der Mitte ist - und nur dort können Insassen aufrecht sitzen -, lässt sich der Luftwiderstand optimieren. Und mit der Wannenkonstruktion der Fahrgastzelle, die nicht durch eine Tür unterbrochen wird, sollen viele Stahlverstrebungen unnötig sein, die andere Autos schwer machen - ohne Abstriche bei der Sicherheit, wie die Konstrukteure versprechen.

Kampf dem Schnickschnack

Kampf dem Schnickschnack

Mit 1,14 Metern Bauhöhe duckt sich die flott gestylte Karosse des Loremo unter dem Wind weg und mit 3,80 Metern Länge ist der Wagen sehr kompakt. Ein kleiner Stauraum findet sich unter der vorderen Haube, ansonsten ist im Heck überall da Kofferraum, wo nicht gerade ein Kind sitzt. Ideal ist der Wagen also für zwei Personen, auch für Ein-Kind-Familien hält man den Wagen für alltagstauglich.

Ansonsten sparen sich die Konstrukteure jede Menge Schnickschnack, der heute üblich ist. Komplexe Kunststoff-Innenverkleidungen wurden durch Teppiche ersetzt, aufwendige Sitzkonstruktionen durch leichte Schalen. "In modernen Autos finden Sie heute bis zu 200 kleine Stellmotoren", kritisiert Heilmaier die Konkurrenz, und findet, dass nicht jede elektrische Verstellmöglichkeit von Spiegeln und Sitzen wirklich ein Komfortgewinn sei. Dagegen soll der Loremo Airbags und Radio an Bord haben, Klimaanlage und Navigationssystem sind gegen Aufpreis vorgesehen.

Überhaupt der Preis. Auch hier sollen Fehler der Vergangenheit vermieden werden. Der Drei-Liter-Lupo scheiterte wohl auch an seinem hohen Neupreis: Rund 15.000 Euro für einen 3,50 langen Kleinwagen erschien vielen als ein zu hoher Preis fürs Sparen.

Heilmaier will den Preis für das Einstiegsmodell deutlich unter dieser Grenze halten. Für etwa 11.000 bis 15.000 Euro soll man den Wagen mit einem Zwei-Zylinder-Motor und 20 PS bekommen, der sich mit zwei Litern Sprit begnügt und 160 Stundenkilometer in der Spitze fährt. Zwischen 15.000 und 20.000 Euro will das Modell GT auch sportliche Ambitionen befriedigen: drei Zylinder, 50 PS und 220 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit und trotzdem nur drei Liter Durchschnittsverbrauch.

Finanzierung "nicht voll gesichert"

Test mit "Popometer"

Ob all das eine massentaugliche Mischung ist, könnte sich in nicht allzu ferner Zukunft erweisen. 2009 soll die Produktion einer Kleinserie im Ruhrgebietsstädtchen Marl beginnen, das die Firma mit großzügigen Landessubventionen aus Bayern weglocken konnte.

Ein bisschen Kompromissbereitschaft müssen Käufer alles in allem also mitbringen. Heilmaier zielt daher auf Kunden, die nicht nur nach einem Auto suchen, sondern nach einem "Ausdruck eines bestimmten Lebensstils": öko und sexy. Während für Pendler, Handwerker oder Manager einer größeren Unternehmensflotte mit dem niedrigen Verbrauch Vernunftgründe den Ausschlag geben, sollen sich andere vom eigenständigen Design angezogen fühlen. Das zumindest ist der Wunsch der Väter - während Skeptiker das ungewöhnliche Äußere als größtes Manko des Autos ansehen.

Der Loremo verbinde Ökologie mit Fahrspaß, wirbt Heilmaier. Das habe sich zu seiner Erleichterung auch bei den Fahrtests vor einer Woche bewahrheitet. Laut Berechnungen habe man das zwar vorher vermutet. Einen wirklichen Eindruck von Beschleunigung und Kurvenlage könnten die aber nicht vermitteln. "Der kritischste Test", und da schmunzelt er, "ist deshalb immer der mit dem eigenen Popometer."

Finanzierung "nicht vollständig gesichert"

Es bleibt spannend, ob der Loremo je in Serie geht. 2,3 Millionen Euro sind vom Land Nordrhein-Westfalen zugesagt. Die Finanzierung des Projekts ist dennoch nicht vollständig gesichert, gibt Heilmaier zu. An der Loremo AG sind neben den Gründern andere Privatpersonen und die malaysische Cosmo beteiligt, die im Fall einer Großserienfertigung wohl Einfluss auf den Standort hätte - zum Nachteil von Marl. Derzeit erwägt der Freistaat Bayern ein Rückholangebot; die Entscheidung soll noch im September fallen.

Den Wettbewerb der Innovationsförderer stachelt Loremo an: "Wir haben noch nirgends eine Tür hinter uns zugemacht", sagt Heilmaier vieldeutig. Dennoch dient der Auftritt auf der IAA wohl vor allem einem Zweck: der Investorenwerbung.

Loremo in Bildern: Zukunft des Automobils?

Mehr lesen über Verwandte Artikel