Autobau "Sittenwidrige Knebelverträge"

Die Automobilzulieferer beklagen vor der IAA in Frankfurt einen immer stärkeren Druck der Autohersteller, die nicht nur immer größere Entwicklungsvorleistungen auf die Zulieferer abdrängen, sondern trotz der hohen Investitionen kaum noch langfristige Lieferbeziehungen eingehen wollen.

Düsseldorf - "Der Zulieferer wird in eine ausweglose Situation gedrängt", stellt Professor Wolfgang Meinig, Chef der Forschungsstelle Automobilwirtschaft (FAW) Bamberg, im Gespräch mit den "VDI Nachrichten" unter Berufung auf eine bundesweite Befragung von Zulieferbetrieben fest.

Es sei zunehmend zu beobachten, dass Zulieferer Innovationen bei hohen Kosten entwickeln, die dann anschließend ausgeschrieben und anderweitig vergeben werden, ohne die angefallenen Entwicklungskosten zu übernehmen. Zulieferer befänden sich oft in einem Dilemma: "Entweder er schlägt den Vertrag und damit das Geschäft aus, oder er liefert sich an den OEM (Hersteller, die Red.) und zugleich sämtlichen Mitbewerbern aus", so Meinig. "Uns liegen mehrere dieser absolut sittenwidrigen Knebelverträge vor."

Meinig berichtet von einem besonders krassen Fall, wo ein Interieur-Zulieferer über mehrere Jahre ein komplexes System für einen Hersteller entwickelt habe. Kurz vor Serienstart habe der Hersteller einen Konkurrenten mit der Fertigung beauftragt. Laut Meinig zeigen Befragungen von Zulieferern, dass die Einkäufer der Hersteller mit den größten Zuliefervolumen das rüdeste Verhalten an den Tag legen. Mittlerweile seien die Praktiken aber auch bei Premiumherstellern verbreitet.

Diese Entwicklung bestätigt auch Professor Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive an der FH Bergisch Gladbach, im Gespräch mit den "VDI Nachrichten". "In der Tat gibt es hier große Probleme. In der Branche muss sich wieder eine andere Form der Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Zulieferern einstellen. Die Kultur der Zusammenarbeit ist vom Kostendruck, den die Hersteller ausüben, schwer belastet", so Bratzel.

"Für ein paar Euro weniger werden auch langjährige Kooperationen aufgekündigt. Solch kurzfristig motiviertes Handeln ist Gift für Innovation. Wo Hersteller die Entwicklungen der Zulieferer nicht angemessen honorieren, sinkt deren Motivation zu entwickeln. Und wo Partner ständig wechseln, gibt es keine vertrauensvolle Zusammenarbeit und auch keine tragfähigen menschlichen Netzwerke. Um hier das Ruder herumzureißen, braucht es eine Kulturrevolution."

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