Deutsche Konzerne Flucht von der Wall Street

Einst strömten sie verzückt an die New Yorker Börse. Nun ziehen sich immer mehr deutsche Konzerne enttäuscht und überfordert zurück - diese Woche BASF und Eon. Die Wall Street hat sich als Millionengrab und nicht kalkulierbares juristisches Risiko entpuppt. Experten erwarten, dass nur wenige deutsche Unternehmen gelistet bleiben.

Hamburg - Ende des 20. Jahrhunderts herrschte Goldgräberstimmung bei deutschen Konzernen. Zu Hause schrieben sie prächtige Gewinne, nun wollten sie sich für den weltweiten Wettbewerb wappnen. Konzerne wie Allianz , Deutsche Bank  und Siemens  richteten ihren Blick nach Amerika - dem Land der vermeintlich unbegrenzten Liquidität. Die Ziele eines US-Börsengangs: Prestige steigern, Geld einsammeln und amerikanische Konkurrenten kaufen.

Daimler  hatte es vorgemacht. 1993 erstmals an der New York Stock Exchange (Nyse)  notiert, fünf Jahre später mit Chrysler fusioniert. Ein Vorbild für viele: Im Jahr 2002 waren bereits 16 Konzerne aus Deutschland an der New Yorker Börse notiert.

Längst ist die Jubellaune der Realität gewichen. Seit die Börsenaufsicht SEC Anfang Juni den Rückzug für ausländische Unternehmen erleichtert hat, gibt es kein Halten mehr. Ende August gab das TecDax-Unternehmen Pfeiffer Vacuum  seinen Abgang bekannt. Diese Woche verabschiedet sich zunächst der Chemiekonzern BASF  von der Wall Street - das Delisting soll am Donnerstag wirksam werden. Am Freitag zieht der Energieriese Eon  nach. Beide Unternehmen liefern fast wortgleiche Erklärungen: Man wolle mit diesem Schritt "Komplexität und Kosten reduzieren".

Flott geht die Flucht von der Wall Street weiter - auch Bayer  hat inzwischen den Rückzug angekündigt. Einen Überblick der deutschen Unternehmen, die an der Nyse gelistet sind (oder waren), bietet eine Fotostrecke von manager-magazin.de.

Fakt ist: Für zahlreiche Konzerne entwickelte sich die Wall Street zum Millionengrab, bei gleichzeitig schwer kalkulierbaren juristischen Risiken für das Topmanagement. "Man hat festgestellt, dass US-Anwälte nicht billig sind", sagt Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanzzentrums, gegenüber manager-magazin.de. Denn wer sich an der Nyse registrieren lässt, unterwirft sich dem rigiden Reglement der US-Behörde SEC - und braucht daher reichlich Rechtsbeistand.

Brenzlig, aufwendig und teuer

Brenzlig, aufwendig und teuer

Die SEC erwartet detaillierte Quartalsberichte und einen separaten Jahresabschlussbericht, erstellt nach den amerikanischen Bilanzierungsregeln (US-GAAP). Und wehe, das Zahlenwerk weist Mängel auf. Für die Richtigkeit haften - anders als in Deutschland - CEO und Finanzvorstand. Sie müssen regelmäßig einen Eid auf die Bilanz schwören.

"Schon ein formaler Fehler kann strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen", analysiert Andreas Cahn vom Frankfurter Institute for Law and Finance (ILF). Mit dem so genannten Sarbanes-Oxley Act haben die Vereinigten Staaten im Jahr 2002 ihre Bilanzierungsvorschriften erheblich verschärft. Vielen deutschen Topmanagern erscheint die Präsenz an der New Yorker Börse seither zu brenzlig, zu aufwendig - und schlicht zu teuer.

Eon beziffert die Kosten - allein für die Erfüllung der Berichtspflichten - auf 10 Millionen Euro. Bayer geht davon aus, durch den Rückzug von der Nyse pro Jahr 15 Millionen Euro zu sparen. Die Deutsche Telekom  spricht von einem zweistelligen Millionenbetrag, den sie jedes Jahr für die Erfüllung der SEC-Anforderungen aufzubringen hat.

"Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Nutzen", resümiert Finanzexperte Gerke. Bedeutende Akquisitionen haben deutsche Unternehmen in den USA nach der - inzwischen wieder geschiedenen - DaimlerChrysler-Ehe nur in begrenztem Ausmaß getätigt. Sowieso lassen sich Übernahmen auch in Cash abwickeln, ohne Notierung an der US-Börse.

Und das Handelsvolumen deutscher Aktien an der Nyse ist kaum der Rede wert. Beispiel BASF: In Frankfurt wurden rund 70 Prozent des weltweiten Aktienhandels abgewickelt, etwa 25 Prozent in London. Der Anteil der New Yorker Börse: knappe 3 Prozent.

Da waren's nur noch elf ...

Da waren's nur noch elf ...

Fest steht: US-Investoren, die in deutsche Unternehmen investieren wollen, brauchen dazu nicht die Nyse. "Wer Aktien von deutschen Unternehmen kaufen will, kann das genauso gut über das elektronische Handelssystem Xetra erledigen", sagt Gerke. So spielt sich der Handel mit deutschen Aktien überwiegend am Heimatmarkt ab - bis heute. Ohnehin hat Europa im Wettbewerb der Finanzplätze stark aufgeholt. "Der europäische Kapitalmarkt ist liquider geworden", sagt ILF-Experte Cahn.

Experten erwarten, dass die Rückzugswelle weiterrollt. Denn seit diesem Frühjahr können ausländische Unternehmen sich komplett deregistrieren lassen - und damit der strikten SEC-Aufsicht entrinnen. "Ich rechne damit, dass noch weitere namhafte Unternehmen diesen Schritt gehen werden", erklärt Rüdiger von Rosen, Geschäftsführer des Deutschen Aktien-Instituts, gegenüber manager-magazin.de. Nach dem Abgang von BASF, Bayer, Eon und Pfeiffer Vacuum werden nur noch 11 Unternehmen an der Nyse notiert sein. Tendenz fallend.

Beispiel Daimler: Zwar betont eine Daimler-Sprecherin, die US-Börsennotierung eröffne dem Unternehmen "Spielräume am nordamerikanischen Kapitalmarkt". Deshalb wolle man am Listing festhalten. Dagegen sagt Finanzexperte von Rosen: "Nach der Trennung von Chrysler ist ein wesentliches Argument entfallen, an der New Yorker Börse zugelassen zu sein." Momentan könne sich der Stuttgarter Autokonzern allerdings schwerlich zurückziehen. Schließlich laufen seit Jahren SEC-Ermittlungen gegen DaimlerChrysler wegen mutmaßlicher Korruptionsfälle.

Nach Informationen von manager-magazin.de dachte auch Siemens über ein Delisting nach - ehe dem Münchener Konzern im Herbst 2006 die Schmiergeldaffäre in die Quere kam. Ein Heer aus internen und externen Ermittlern durchleuchtet Siemens seit Monaten, und übermittelt die Ergebnisse bienenfleißig an die US-Börsenaufsicht. Dem Konzern drohen, sofern die Behörden Gesetzesverstöße nachweisen können, Geldbußen in Milliardenhöhe. Im Extremfall könnte Siemens von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen, Topmanager gar zu Haftstrafen verurteilt werden.

Siemens und die "Anstandsfrist"

Siemens und die "Anstandsfrist"

"Ein Rückzug von der US-Börse steht für Siemens aktuell nicht zur Debatte", sagt ein Siemens-Sprecher. Experten beurteilen das Listing jedoch als Fehler: "Der US-Börsengang hat aus heutiger Sicht nur Nachteile gebracht", sagte Christoph Kaserer, Professor für Finanzmanagement und Kapitalmärkte an der TU München, im Interview mit manager-magazin.de. Ähnlich sieht das auch Finanzexperte Gerke. Er hält es zumindest für denkbar, dass Siemens sich nach Abschluss der SEC-Ermittlungen von der Wall Street verabschiedet: "Man wird allerdings eine Anstandsfrist verstreichen lassen."

Erfolge haben nur wenige deutsche Konzerne an der Nyse erzielt. Aktien-Institutspräsident von Rosen fällt dabei nur SAP ein. "Für das Gros der anderen deutschen Unternehmen stellt sich die Frage", so von Rosen, "ob sich das Engagement noch rechnet."

Der Softwarehersteller SAP  ging 1998 an die New Yorker Börse. Inzwischen werden rund 20 Prozent des durchschnittlichen täglichen Handels mit SAP-Aktien in den USA abgewickelt. "Damit ist SAP die umsatzstärkste deutsche Aktie in den USA", sagt ein Sprecher. Ein Rückzug sei deshalb nicht vorgesehen. Einen langfristigen Wall-Street-Aufenthalt plant auch die ehemalige Infineon-Speicherchipsparte Qimonda  - sie ist ausschließlich an der Nyse gelistet. Dies sei "der attraktivste Kapitalmarkt für Technologiewerte".

Weniger begeistert klingt dagegen der Münchener Elektronikkonzern Epcos . Änderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen in den USA verfolge man genau, teilt ein Sprecher mit. "Sollten sich diese auf das Listing auswirken, wird Epcos zu gegebener Zeit darüber informieren."

Hält der Abwanderungstrend an, dürfte er dem US-Kapitalmarkt zunehmend Schaden zufügen. Denn auch Konzerne aus anderen europäischen Ländern haben bereits den Rückzug von der Nyse eingeleitet - darunter so klangvolle Namen wie Fiat , Danone  oder Telekom Austria. Zwar haben US-Politiker die Zeichen inzwischen erkannt, arbeiten emsig an Kapitalmarktreformen - und stellen eine deutliche Lockerung der Bilanzierungsvorschriften in Aussicht. Möglicherweise jedoch zu spät.

US-Listings: Deutsche Konzerne an der Nyse

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