Müllers Welt Sind die Deutschen (immer noch) zu faul?

1355 Stunden - so wenig arbeitet der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer pro Jahr. 300 Stunden weniger als vor 20 Jahren. Rund 450 Stunden weniger als in den USA, 600 Stunden weniger als in Polen. Doch einiges spricht dafür, dass die Deutschen wieder fleißiger werden. Diskutieren Sie mit!

"Sind die Deutschen zu faul?" - unter dieser Überschrift erschien vor einigen Jahren ein Artikel von mir im manager magazin ( siehe: "Die deutschen frönen immer mehr dem Müßiggang"). Und die Antwort lautete sinngemäß: Ja, im Durchschnitt schon. Nirgends in der westlichen Welt werde so wenig gearbeitet. Die frustrierten Deutschen zögen sich aus einer arbeitsfeindlichen Umwelt zurück ins Private und verharrten in "freizeitorientierter Schonhaltung" (der Münchner Wirtschaftspsychologe Dieter Frey).

Selten habe ich auf eine Geschichte so viel Resonanz bekommen, überwiegend zustimmende übrigens. Nun stelle ich mir die Frage: Stimmt die Diagnose auch heute noch? Oder hat sich diese Gesellschaft zwischenzeitlich grundlegend geändert?

Um die Antwort vorwegzunehmen: Nach meinem Eindruck machen die Bundesbürger einen Mentalitätswandel durch - weg von der Freizeitgesellschaft, zurück zur Arbeitsgesellschaft. Früher hätte man von "deutschen Tugenden" gesprochen.

Wichtigstes Indiz: Flächendeckend steigen die Arbeitszeiten.

Die 35-Stunden-Woche, einst das große Symbolthema der Gewerkschaftsbewegung, ist längst Geschichte. Dass Gewerkschaftsführer die Metaller in Ostdeutschland in einen Streik um die 35-Stunden-Woche trieben und die Werktätigen in ganz Deutschland gar mit der 32-Stunden-Woche beglücken wollten, dass sie die Beschäftigten bei voller Rente mit 60 in den Ruhestand schicken wollten - all das scheint nur noch wie ein blasse Erinnerung an längst vergangene Zeiten, auch wenn es erst ein paar Jahre her ist.

Der Zeitgeist hat sich fundamental gewandelt. Arbeitszeitverkürzung ist kein Thema mehr. Aus einem einfachen Grund: Die Beschäftigten wollen es nicht. Sie haben erkannt, dass sie mit immer weniger Arbeit ihre eigenen Stellen gefährden. Sichere Jobs und steigende Einkommen - dafür sind sie bereit viel und noch mehr zu arbeiten. Sie haben verstanden: Nur wer etwas leistet, kann sich auch etwas leisten.

So funktionierte die Abwärtsspirale

Das zeigt sich längst auch in den Statisken:

  • Die vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit hat sich in deutschen Betrieben auf 39,4 Stunden pro Woche erhöht. Und zwar in praktisch allen Branchen, so eine Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

  • Immer mehr Leute arbeiten oder bieten Arbeit an. Die Beschäftigungsquote ist auf 67,2 Prozent gestiegen. Ein im internationalen Vergleich überdurchschnittlicher Wert.

  • Immer mehr ältere Beschäftigte wollen und finden einen Job. In den vergangenen zehn Jahren ist die Beschäftigung der über 60-Jährigen Beschäftigten nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) um 60 Prozent gestiegen. Den Grund für diese Entwicklung sehen die DIW-Forscher in einem "veränderten Erwerbsverhalten" älterer Beschäftiger – die Leute wollen arbeiten.

  • Mehrere Umfragen für manager magazin unter Hochschulabsolventen ( "Kinder der Krise", 4/2005) und unter jungen Führungskräften ( "Neue Deutsche Welle", 4/2007) zeigen, dass der hochqualifierte Nachwuchs fast unbegrenzt leistungsbereit ist.

Entwicklungen, die hoffnungsfroh stimmen. Denn in den langen Jahren der deutschen Krise war der Rückzug der Deutschen aus der Arbeitswelt eine der Hauptursachen der Misere. Es wurde weniger gearbeitet, dadurch stiegen die Lohnstückkosten. Also investierten die Unternehmen weniger in Deutschland, sondern lieber anderswo. Dadurch wiederum sank das Produktivitätswachstum, stagnierten Löhne, stieg die Arbeitslosigkeit. So funktionierte die Abwärtsspirale in den Jahren der Krise.

Ein neuer Leistungswille

Diese negative Mechanik könnte sich nun umkehren. Und es gibt riesige Leistungspotenziale, die sich aktivieren lassen:

Immer noch liegt die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland so niedrig wie kaum irgendwo sonst in der Welt. Nur 1355 Stunden arbeiten die Arbeitnehmer im Jahr - 300 Stunden weniger als vor 20 Jahren. Rund 150 Stunden weniger als heute in Österreich, 450 Stunden weniger als in den USA, 600 Stunden weniger als in Polen.

Brachliegende Potenziale gibt es insbesondere bei den Frauen und bei den Älteren: Weibliche Beschäftigte arbeiten in Deutschland häufig in Teilzeitjobs (weshalb wir im internationalen Vergleich eine hohe Teilzeitquote verzeichnen). Auch viele Ältere ließen sich noch aktivieren; die Erwerbsquote unter den 60- bis 64-Jährigen liegt bei gerade mal einem Drittel.

Sollte es gelingen, diese Reserven für den Arbeitsmarkt zu mobilisieren, dann kann der Aufschwung noch lange dauern.

Es scheint, als habe ein neuer Leistungswille Einzug gehalten. Gut so. Eine alternde und schrumpfende Gesellschaft wie die deutsche kann nur prosperieren, wenn sie fehlende Jugend durch Fleiß ausgleicht.

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