Bundeswehr Verschossen in die Wehrpflicht

Überzeugte Anhänger der Wehrpflicht sträuben sich mit Händen und Füßen dagegen, den Zwangsdienst abzuschaffen. Der aber kostet die Bundesrepublik jedes Jahr aufs Neue überflüssige Milliarden, sagen Insider - und fordern den sofortigen Wehrdienststopp. Die Kenner sind die Wissenschaftler der Bundeswehr selbst.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Gerät die Wehrpflicht ins Wanken? Nach mehr als 50 Jahren? Plötzlich wollen zumindest die Sozialdemokraten den Zwangsdienst abschaffen, doch die CDU hält prompt dagegen: "Das ist mit den Christdemokraten nicht zu machen", fuhr der CDU-Außenpolitiker Eckart von Klaeden der SPD sofort in die Parade. Dabei kann sich die Bundesrepublik den Wehrdienst gar nicht leisten. Er ist zu teuer. Doch bis heute will kaum jemand die Milliardensummen wahrhaben, die der Bund seinen Bürgern mit der Wehrpflicht tatsächlich aufbürdet.

"Die wahren Kosten der Bundeswehr fallen im offiziellen Militärbudget unter den Tisch", sagt Wolf Schäfer, Professor an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Der Volkswirt hat nachgerechnet: "Alle Belastungen aus der Wehrpflicht eingerechnet, müsste Deutschlands Verteidigungshaushalt von derzeit rund 28 Milliarden Euro um 18 bis 20 Prozent höher ausfallen als er offiziell ausgewiesen wird", schätzt Schäfer.

Nicht aufgeführt würden insbesondere jene volkswirtschaftlichen Alternativkosten, die speziell Wehrpflichtarmeen verursachen. Dazu gehört etwa der Zwangsverzicht der Rekruten auf einen anständig bezahlten zivilen Job. Die Mindereinnahmen der jungen Männer summieren sich im Laufe ihrer Dienstzeit auf durchschnittlich 90.000 Euro pro Wehrpflichtigem, haben Experten ausgerechnet - entgangene Ansprüche gegen Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung eingerechnet.

Während ihrer Wehrdienstzeit werden sie dann auch noch mit mickrig wenigen Euro abgespeist: "Mit der gegenwärtigen Besoldung ist kein junger Mann zufrieden", gibt Andreas Ahammer zu, Vorstand im Bundeswehrverband.

Die Bundesrepublik schlägt so Jahr für Jahr Hunderte Millionen Euro ziviler Wertschöpfung in den Wind, von denen den Deutschen zumindest ein Teil als Steuereinnahme zugute kommen würde. Stattdessen schröpft der Bund die Wehrpflichtigen weiter. "Die Differenz zwischen dem mickrigen Wehrsold und den üblichen Marktlöhnen ist nichts anderes als eine verdeckte Einkommensteuer, die den jungen Wehrpflichtigen zusätzlich auf die Rechnung geschlagen wird", sagt Harald Trabold, Professor an der Fachhochschule Osnabrück.

Teurer als andere Nato-Armeen

Teurer als andere Nato-Armeen

Im Bundeshaushalt steht davon nichts. Dort werden nur jene Kosten der Armee aufgeführt, die der Bund direkt zahlen muss: Aktuell rund 28 Milliarden Euro, etwa für Sold, Unterkünfte und Gerätschaften der Truppe. Doch selbst bei der Analyse dieser offenen Kosten schneidet die Wehrpflicht-Bundeswehr nicht unbedingt besser ab als die Berufssoldatenheere der Nato-Partner.

Zwar stünde zu erwarten, dass die Personalkosten in einer reinen Berufsarmee höher ausfallen als bei einem Einsatz von Wehrpflichtigen. Schließlich müsste der Bund seinen Berufssoldaten mehr zahlen als den Zwangsrekrutierten. "Doch Berufssoldaten sind arbeitsteilig spezialisierte Fachkräfte, die mehr leisten können als Wehrpflichtige", so Wehrpflichtforscher Trabold. "Nicht zuletzt deshalb kommen beispielsweise Briten und Amerikaner in ihren Streitkräften mit verhältnismäßig weniger Leuten aus. Das gleicht die höheren Löhne in Berufsarmeen aus."

Forscher der Bundeswehruniversität in München gehen noch weiter. Die Experten für Sicherheits- und Militärökonomie ermittelten unter bestimmten Voraussetzungen sogar klare Kostenvorteile für ein Berufsheer. Ihrer Meinung nach könnte der Bund etwa 7 Prozent seines Verteidigungshaushalts sparen, wenn er die Wehrpflicht abschafft - rund zwei Milliarden Euro jährlich.

"Die Vermutung, dass die Bundeswehr als Wehrpflichtarmee billiger sei als eine vergleichbar leistungsfähige Freiwilligenarmee, konnten wir mit unserer Analyse nicht bestätigen", fasst Jürgen Schnell, Professor an der Universität der Bundeswehr in München und ehemaliger Generalleutnant, seine Untersuchung zusammen.

Dass die Bundeswehr ein Kostenproblem hat, ist mittlerweile schon den Nato-Partnern aufgefallen. Das bestätigt ein Auszug aus internen Nato-Daten: Danach wendete die Bundeswehr trotz ihrer angeblich billigen Wehrpflichtigen zeitweilig mehr als 59 Prozent ihres Budgets für die Entlohnung ihrer Soldaten auf, die Briten kamen dagegen mit 42 Prozent ihres Etats aus, die USA mit 38 Prozent.

Veraltete Gerätschaften dank Wehrpflicht

Veraltete Gerätschaften dank Wehrpflicht

"Jedes andere und bessere Ergebnis für die Bundeswehr wäre auch erstaunlich", gibt ein ehemaliger Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums hinter vorgehaltener Hand zu. "Weil Wehrpflicht das Verteidigungsministerium wenig, aber die Betroffenen viel kostete, hat der Bund in der Vergangenheit so viele Wehrpflichtige wie möglich eingesetzt." Entstanden ist so eine Armee zulasten der Ressource Mensch. Das Ergebnis dieses "Overmannings", wie es die Experten nennen, ist nicht nur teuer. Es kann auch gefährlich werden.

Die Bundeswehr hat ihre Investitionen ins Gerät über bald 50 Jahre klein gehalten, weil das Materialdefizit durch zusätzlich einberufene Wehrpflichtige ausgeglichen werden konnte. Nicht zuletzt aufgrund der Wehrpflicht leidet Deutschlands Armee deshalb unter einem gewaltigen Investitionsstau und teils altertümlichem Gerät.

"Schauen Sie sich Deutschlands Luftwaffe an. Die hatte jahrelang noch Starfighter-Flugzeuge der 60er Jahre im Bestand", sagt Professor Schäfer. "Die haben die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt nur noch bei Schießübungen eingesetzt. Als Ziele."

Im Wehretat muss Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) daher mehr und mehr Platz für Waffenkäufe schaffen. Nur: Je mehr Deutschlands Militär mit Hightech-Gerät aufgerüstet wird, "desto weniger kann die Wehraufgabe von Männern mit neun- und zwölfmonatiger Wehrpflicht erfüllt werden", prophezeit selbst der wissenschaftliche Dienst des Bundestags. Denn die teuren und modernen Waffen sind oftmals nicht ohne Weiteres zu bedienen. Die Soldaten brauchen Zeit, bis sie mit ihnen wirklich vernünftig klarkommen. Die kurze Wehrdienstzeit reicht dafür oft nicht.

Deutschlands Wehrpflichtfans scheint das alles nicht zu kümmern. "Die Qualifikationen der tauglich gemusterten Wehrpflichtigen sind vonnöten, damit die Bundeswehr ihren Auftrag erfüllen kann", sagte Karl Lamers (CDU), der stellvertretende Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, der "Sächsischen Zeitung". Und Bundesverteidigungsminister Jung ergänzte im ZDF: "Wir haben uns über 50 Jahre als Wehrpflichtarmee entwickelt in einer guten Verbindung zu unserer Gesellschaft als Armee in der Demokratie."

Auch nach einem halben Jahrhundert soll der Zwangsdienst deshalb nicht ins Wanken geraten. Koste es, was es wolle.

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