Versicherer "Löchrig wie ein Schweizer Käse"

Müssen sich Deutsche wegen der weltweiten Finanzkrise um ihre Lebensversicherung sorgen? Eher nicht, denn direkt sei die Assekuranz kaum im US-Immobilienmarkt investiert, heißt es. Kritiker sagen dagegen: Gefahr könnte von indirekten Investments ausgehen. Doch Details zur Kapitalanlage rückten Versicherer nicht heraus.

Hamburg - Seit die US-Hypothekenkrise auch auf Deutschland übergegriffen hat, vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine Bank, ein Immobilienunternehmen, eine Beteiligungsgesellschaft oder eine größere Sparkasse sich berufen fühlt, mögliche Folgen der Krise für das eigene Geschäft zu negieren oder als gering zu qualifizieren. Das muss man zunächst einmal glauben. Dass die Krise noch lange nicht ausgestanden und vermutlich mit weiteren Schieflagen von Finanzunternehmen zu rechnen ist, hat zuletzt der Fall der SachsenLB gezeigt.

Deutsche Versicherer, die mit zu den größten Investoren am Kapitalmarkt zählen, könnten indes mit einem blauen Auge davonkommen, wenn man Branchenexperten und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) folgen mag.

Gleichwohl bleibt das Unbehagen, dass niemand wirklich weiß, wie stark die Assekuranz auf verschlungenen Wegen zum Bespiel über Dachfonds im US-Immobilienmarkt investiert ist. Die Skepsis speist sich auch aus der Erfahrung, dass die Versicherer selbst Experten unzureichend mit detaillierten Informationen zu ihrer Kapitalanlage versorgen, kritisiert der Branchendienst Map-Report.

Versicherer im Schnitt mit 1,8 Prozent in ABS investiert

Nach Einschätzung der BaFin sind deutsche Versicherer kaum von der Hypothekenkrise in den USA betroffen. Dies hat eine akutelle Umfrage unter 40 Unternehmen ergeben. Die Finanzaufsicht hatte solche Versicherer angeschrieben, die mit mehr als 3 Prozent ihrer Kapitalanlagen in Asset Backed Securities (ABS) investiert sind, erklärt Sprecher Peter Abrahams gegenüber manager-magazin.de. Asset Backed Securities sind mit Sicherheiten hinterlegte Kredite, die durch Verbriefung handelbar gemacht werden. Im Schnitt seien Versicherer hierzulande mit 1,8 Prozent ihrer gesamten Kapitalanlagen in ABS-Produkten und ABS-Fonds investiert gewesen. Die rechtlich zulässige Grenze liegt derzeit bei 7,5 Prozent.

Deutsche Investmentgesellschaften mussten zuletzt eine ganze Reihe von ABS-Fonds einfrieren, da Investoren verstärkt ausstiegen, die Gesellschaften wegen mangelnder Liquidität aber nicht alle Rückgabewünsche erfüllen konnten.

Vor allem drastisch gestiegene Kreditausfälle im Subprime-Sektor des US-Immobilienmarkts, also Darlehen an Kunden mit schlechter Bonität, hatten die Krise an den Finanzmärkten weltweit ins Rollen gebracht. Betraf die Krise zunächst Hypothekenbanken, griff sie später auf Geschäftsbanken und Hedgefonds in den USA über und erreichte schließlich auch deutsche Banken. Das jüngste Beispiel ist die SachsenLB, die ebenso wie die Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB nur durch eine milliardenschwere Finanzspritze aus der Kreditwirtschaft vor dem Schlimmsten bewahrt werden konnte.

"Die deutschen Versicherer sind derzeit nach unserer Erkenntnis nur unbedeutend im US-Immobilienmarkt engagiert. Die US-Immobilienkrise dürfte damit nur geringen Einfluss auf die Unternehmen haben", sagt BaFin-Sprecher Abrahams. Bei etwa der Hälfte der 40 befragten Versicherer habe sich gezeigt, dass sie überhaupt nicht im US-amerikanischen Immobilienmarkt investiert seien. "Bei den anderen war das Engagement zum einen sehr begrenzt und zum anderen viele ihrer Titel mit Staatsgarantien unterlegt sowie mit guten bis sehr guten Ratings versehen", erklärt Abrahams weiter.

Experten müssen sich auf Aussagen verlassen

In der Krise agieren Versicherer offenbar vorsichtig

Auch nach Erkenntnis der Ratingagentur Fitch seien deutsche Versicherer im Gegensatz zu hiesigen Banken im US-amerikanischen Hypothekenmarkt nur geringfügig bis gar nicht engagiert. "Der ganz überwiegende Teil der Versicherer erklärte auf unsere Anfrage, dass sie nicht in mit US-Subprime-Hypothekenkrediten unterlegten Finanzinstrumenten investiert sind", sagt Fitch-Analyst Tim Ockenga gegenüber manager-magazin.de. Fitch hat die rund 50 von ihr gerateten deutschen Versicherer befragt, darunter zahlreiche Lebensversicherer.

Gemäß der aktuell gültigen Anlageverordnung können deutsche Versicherer wie erwähnt bis zu 7,5 Prozent ihres Sicherungsvermögens in alternative, risikoreichere Investments investieren - also auch in verbriefte und damit handelbare Hypothekenkredite, die sich zum Beispiel in Finanzinstrumenten wie Asset Backed Securities oder Collateralized Debt Obligations (CDO) wiederfinden. Dem neuen Anlagenentwurf des Bundesfinanzministeriums zufolge können es künftig sogar 10 Prozent sein.

Tatsächlich aber, so Ockenga, nutzten die deutschen Versicherer entgegen ursprünglichen Verlautbarungen ihren Anlagespielraum derzeit nicht aus. "Das Engagement der Branche in solche Investments liegt prozentual im Schnitt im niedrigen einstelligen Bereich. Die meisten Unternehmen nutzen bei Weitem ihre Möglichkeiten nicht aus", sagt der Ratingspezialist. In Hedgefonds zum Beispiel könnten deutsche Versicherer bis zu 5 Prozent ihrer Kapitalanlagen investieren, bei den meisten Unternehmen läge diese Quote allerdings deutlich unter 1 Prozent.

Bei indirekten Investments ist die Situation unklar

Die nach wie vor bestehende Zurückhaltung der Assekuranz erklärt sich Ockenga mit einer unter Versicherern bestehenden "Unsicherheit" gegenüber diesen vergleichsweise jungen Anlageklassen. Vielen Versicherern, die ihre Anlagen selbst managten, fehle die Erfahrung mit diesen Investments. Und jene, die über eine entsprechende Expertise im Umgang etwa mit Subprime-Instrumenten verfügten, seien nach bisherigem Kenntnisstand nur sehr gering investiert, wie sie gegenüber Fitch versicherten.

Zu unterscheiden ist allerdings zwischen dem direkten und indirekten Engagement der Versicherer in alternative und somit risikoreichere Investments. Unsicher ist daher, ob Versicherer zum Beispiel indirekt über Dachfonds riskantere Positionen eingegangen sind, die sich auf dem ersten Blick nicht so schnell erschließen.

Hier sei die Situation keineswegs immer klar, auch für die Ratingspezialisten nicht. Die Versicherer verließen sich hier mehr oder weniger auf die Aussagen der Dachfondsmanager. Und Ratinganalysten müssten sich trotz sorgfältiger Kontrolle letztlich auf die Aussagen der Versicherer verlassen, heißt es.

Map-Report bleibt skeptisch

Einzelnen in den Medien bekannt gewordenen "Beschwichtigungsversuchen" von Versicherern traut Manfred Poweleit von Map-Report "nicht wirklich über den Weg". Der Chef des Branchendienstes für die Versicherungswirtschaft hegt vielmehr den Verdacht, "dass jene, die von der Hypothekenkrise betroffen sind, möglicherweise noch gar nicht wissen, dass sie betroffen sind."

Die Unternehmen erklärten zwar, man sei kaum oder gar nicht im US-Immobilienmarkt engagiert. Doch könnten Versicherer eben über Dachfonds mit ihren überwiegend festverzinslich angelegten Wertpapieren auch indirekt in derzeit inkriminierte Papiere wie ABS-Fonds oder andere Kreditderivate investiert sein, ohne dass sie dies genau wüssten. "Es wird mehr blaue Flecken geben, als wir derzeit sehen", prognostiziert Poweleit daher für die deutsche Assekuranz.

Kaum detaillierte Informationen zu Investments

"Informationen löchrig wie ein Schweizer Käse"

Das Problem: Detaillierte Informationen zu ihren Investments rückten die meisten Versicherer nur selten heraus. "Wo die Profis analysieren, haben wir jetzt derzeit die Situation wie bei einem Schweizer Käse: Löcher ohne Ende." In anderen europäischen Ländern dagegen seien Versicherer dazu verpflichtet, bis ins kleinste Detail über ihre Investments Rechenschaft abzulegen.

Erschwerend käme hinzu, dass in manchen Finanz- und Versicherungskonzernen das Management der Kapitalanlagen oft so stark in andere Konzerntöchter ausgelagert sei, dass mitunter "ein Lebensversicherungsvorstand nicht mehr weiß, wie eigentlich das Geld seiner Kunden angelegt ist", sagt Poweleit. Um mögliche Auswirkungen der Subprime-Krise auf die Versicherer beurteilen zu können, müsse man wohl notgedrungen abwarten, wie die nächste Ertragsrechnung der Unternehmen aussehen wird und wie genau die Unternehmen gegebenenfalls schwächere Ergebnisse in der Kapitalanlage begründen werden. Mit einer regelrechten Krise einzelner Versicherer oder einer drohenden Pleite wie etwa der Mittelstandsbank IKB rechnet allerdings auch Poweleit nicht.

Die Versicherten in Deutschland dürften davon ausgehen, dass die ganz überwiegende Mehrheit der Unternehmen die Versichertengelder zu einem Großteil nach wie vor konservativ anlegt, ist Fitch-Analyst Ockenga überzeugt. Und wenn zum Beispiel ein europäischer Lebensversicherer ein stark fondsgebundenes Policengeschäft betreibe, landeten die Risiken möglicher alternativer Investments ohnehin zu einem Teil beim Policeninhaber und belasteten kaum die Bücher der Versicherer.

Sorgen um indirekte Auswirkungen der Krise

Sorgen bereiten Fitch gleichwohl die indirekten Auswirkungen der Hypothekenkrise, sprich die Liquidität und die Volatilität an den Kapitalmärkten. Der latente Mangel an Liquidität werde Hedgefonds und den M&A-Markt weiter belasten. Mit hohem Fremdkapitaleinsatz geplante Übernahmen oder Fusionen würden künftig erschwert oder schlicht "unmöglich", weil sich Kredite deutlich verteuerten und die Märkte aktuell nicht bereit seien, die verbrieften Risiken aufzunehmen.

Das Problem treffe ebenso die Versicherer - die deutsche Assekuranz gegenüber anderen europäischen Unternehmen allerdings weniger. So seien einzelne Versicherer in Europa über Emissionen "zum Teil stark mit Fremdkapital finanziert". Laufen diese Titel aus, muss das Unternehmen sie unter Umständen refinanzieren. Unter der gegenwärtig angespannten Situation am Finanz- und Kreditmarkt könnte das für einzelne Versicherer zu einem "echten Problem" werden, sagt Ockenga.

Nicht zuletzt leiden auch Versicherer unter schwachen Aktienmärkten, in die sie ja investieren. Die jüngst starken Kursverluste an den Börsen führen Beobachter mit auf Hedgefonds zurück, die Aktienpositionen in nennenswertem Umfang abbauen mussten, um damit mögliche Verluste aus Geschäften mit verbrieften Krediten halbwegs auszugleichen. "Sollten die Aktienkurse infolge solcher Mechanismen stark leiden und sich womöglich Panik den Weg bahnen, hängen die Versicherer natürlich mit drin", sagt Ockenga.

"Manche Versicherer zocken munter rum"

Die Crux der Risikosysteme

Deutsche Versicherer sind derzeit im Schnitt etwa mit 10 bis 12 Prozent ihrer Kapitalanlagen in Aktien investiert. Einzelne finanzstarke Unternehmen halten eine Aktienquote von 20 Prozent und mehr. Die Bedeutung der Assekuranz für die Aktienmärkte ist daher nicht zu unterschätzen - auch in der Krise nicht.

Laut Fitch seien die zu einem Großteil computergestützten Risikomangagementsysteme der Versicherer "sehr ähnlich" aufgebaut. Das heißt: Fällt der Aktienmarkt kräftig, senden die Programme Verkaufssignale an die Anlagestrategen der Versicherer aus. "Sind diese Programme stark automatisiert, kann dies die Abwärtsbewegung am Markt selbstverständlich beschleunigen und die Krise verschärfen", sagt Ockenga. Man dürfe darauf gespannt sein, ob sich die Assekuranzvorstände im Krisenfall dann unter Umständen bewusst gegen die Verkaufsempfehlungen ihrer elektronischen Assistenten entscheiden werden, etwa weil sie die fundamentalen Daten optimistischer einschätzen.

Mit Blick auf die Kapitalanlage der Versicherer sieht Map-Report-Chef Poweleit ein grundlegendes Problem. So werde in manchem großen Versicherungskonzern "munter rumgezockt, weil die Anlagemanager von den Versicherungstechnikern weitgehend getrennt sind".

Gerade in der Lebens- und privaten Krankenversicherung komme es sehr darauf an, zu wissen, wann dem Versicherer wie viel Geld zur Verfügung stehen muss. In noch "gut geführten" Unternehmen, gäben daher die Versicherungstechniker den Kollegen von der Kapitalanlage die Richtung vor. Erstere hätten schließlich den Überblick darüber, wann wie viel Verträge zur Auszahlung anstehen, mit welchen Beitragseinnahmen zu rechnen ist und wie sich die Versicherungsfälle in etwa über das Jahr verteilen. "In den Zockerbuden ist das umgekehrt. Da sagen die Kapitalmanager den Versicherungstechnikern, wo es langgeht. Das ist eine verhängnisvolle Entwicklung", meint Poweleit.

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