FC St. Pauli Bier, Bratwurst und Séparées

Seitdem zunehmend branchenfremde Manager in die Chefetagen der Fußballclubs einziehen, hat sich einiges verändert: Der Sport wird gegen den Willen vieler Fans kommerzialisiert. Wie schwer der Spagat zwischen Geldverdienen und Tradition ist, zeigt der Zweitligaaufsteiger FC St. Pauli.

Hamburg – Gespenstische Szenen gab es am Donnerstag am Millerntor, dem Fußballstadion des FC St. Pauli, zu beobachten: Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes entsorgten in grünen Schutzanzügen Tonbehälter mit Giftgas, auf die Bauarbeiter gestoßen waren. Der Neubau der Südtribüne dürfte sich damit weiter verzögern.

Vielen Fans wird das nur recht sein, wird damit die drohende Kommerzialisierung des Vereins noch einmal aufgeschoben. Die VIPs müssen also weiter auf ihre "Séparées" am Millerntor warten, vorerst bleiben deutlich erhöhte Bierpreise im Stadion das Hauptärgernis der Anhänger. Bei anderen Vereinen ist dieser Trend schon längst fortgeschritten, das Sponsoring aus den Stadien zumindest in den oberen Ligen nicht mehr wegzudenken.

Seit einigen Jahren verfolgt ein immer größerer Teil der Zuschauer die Fußballspiele zumeist bestens bewirtet aus VIP-Logen oder von Business-Seats aus – nach der guten alten Stadionwurst fragt hier keiner mehr. Fast jeder Verein hat ein eigenes Maskottchen und wird von Cheerleadern angefeuert, dazu kommunizieren Stadionsprecher in einem "Danke-Bitte"-Dialog auf Kindergartenniveau mit dem gut zahlenden Publikum.

Verkauft wird all dies als familienfreundlich und in neu erbauten Stadien, die fast ausnahmslos Arenen heißen – verbunden mit dem Namenszusatz des Sponsors, was zu Auswüchsen wie beim 1. FC Nürnberg führen kann, wo die Fans seit 2006 ins Easy-Credit-Stadion pilgern. Beim Hamburger SV gewöhnen sich die Anhänger nach dem Umbau des Volksparkstadions und der Umbenennung in AOL-Arena schon an den zweiten neuen Namen - das Buchstabenkonstrukt HSH-Nordbank-Arena.

Je traditionsbewusster der Verein und die Fans, umso härter jedoch der Widerstand. Aus Protest gegen neue orangefarbene Trikots warfen Anhänger des Drittligisten 1. FC Magdeburg jüngst massenweise orange T-Shirts auf das Spielfeld, denn die Traditionsfarben des Vereins sind blau und weiß.

In Österreich wurde der Verein Austria Salzburg sogar in Red Bull Salzburg umbenannt, auch die Vereinsfarben wurden sponsorgerecht gleich ausgetauscht. Auf die heftige Ablehnung, die weit über die Grenzen Österreichs hinaus wahrgenommen wurden, war Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz nicht vorbereitet, ließen sich seine Sponsorenwünsche doch bei neueren Trendsportarten immer problemlos umsetzen. Anders dagegen im Fußball. Hier gehen die Verantwortlichen bereits den eher umgekehrten Weg - wie SAP-Mitgründer Dietmar Hopp, der den von ihm optimierten Verein TSG Hoffenheim kurzerhand in TSG 1899 Hoffenheim umtaufte, um Tradition vorzugaukeln.

Schwarzhändler haben keine Chance

Schwarzhändler haben keine Chance

Die Schwierigkeit, den Ansprüchen des Profifußballs auch im Umfeld gerecht zu werden, ohne treue Fans zu vergraulen und die Marke des Vereins aufs Spiel zu setzen, zeigt sich momentan auch beim FC St. Pauli. Der Club ist bekannt für seine ideenreichen und kritischen Anhänger, für die Kommerz zumeist ein Schimpfwort ist. Cheerleader, Maskottchen und Animationsspielchen gibt es dort nicht.

Schwarzhändler, die versuchen, für wichtige Spiele am ausverkauften Millerntor den zigfachen Preis einzustreichen, werden von den Fans schon mal mit großen Papppfeilen und ironischen Gesängen wie "Er will nur 100 Euro" des Vorplatzes verwiesen. Erlaubt ist hier – egal ob der Gegner Burghausen oder Bayern heißt – nur der normale Preis für die Karte, als kleiner Bonus gestattet sind lediglich Bier plus Bratwurst.

Doch nun geht es um mehr beim FC St. Pauli, einem Verein, der noch nie Deutscher Meister oder Pokalsieger wurde und trotzdem eine treue Anhängerschaft hat. Nach vier Jahren in der oft trostlosen Regionalliga gelang der Aufstieg in die Zweite Bundesliga – statt Ahlen oder Emden erwartet der Hamburger Stadtteilclub nun Traditionsvereine aus Köln, Kaiserslautern oder Mönchengladbach.

Mit der sportlichen Leistung allein war es jedoch nicht getan. Die Auflagen für den Profifußball sehen ein modernes Stadion vor, das Millerntor galt jedoch schon vor Jahren als marode, wird aber gerade deshalb von den heimischen Fans heiß geliebt. Doch jedem ist klar, dass es auf Dauer so romantisch nicht weitergehen kann, eine neue Spielstätte muss her.

Präsident Corny Littmann, im Hauptberuf Theaterbesitzer, ging das lang diskutierte Projekt ernsthaft an und nutzte seine guten Verbindungen in die Politik. Der Traum des Hamburger Senats, einmal die Olympischen Sommerspiele an die Elbe zu holen, machte vieles einfacher, denn ein zweites modernes Stadion würde einer Bewerbung der Hansestadt gut zu Gesicht stehen. Der Zuschuss der Stadt Hamburg belief sich auf 5,5 Millionen Euro.

Vom Traum zum Albtraum

Vom Traum zum Albtraum

Statt eines Neubaus war schnell klar, dass das Millerntor für insgesamt 32 Millionen Euro in vier Etappen umgebaut werden soll. Das neue Stadion soll demnach erst 2014 fertig sein – die Bauabschnitte werden abhängig gemacht vom sportlichen und damit auch finanziellen Erfolg. Ein weiser Plan, dachte man – im Dezember 2006 wurde deshalb zunächst die Südtribüne in einer großen Inszenierung des Showfachmanns Littmann abgerissen – 2000 Fans waren dabei und träumten von der neuen Tribüne, die schon im Sommer eingeweiht werden sollte.

Doch die Geschichte entwickelte sich zu einem Albtraum – einige lange Monate passierte auf der vermeintlichen Baustelle nämlich gar nichts. Lediglich die Zuschauerkapazität war um einige Tausend Plätze deutlich gesunken. Der Verein verliert seitdem eine Menge Einnahmen und auch Sympathien bei den Anhängern, die draußen bleiben müssen, denn momentan können St.-Pauli-Fans Heimspiele nur verfolgen, wenn sie im Besitz einer Dauerkarte sind.

Trotzdem stieg der Verein im Mai im Spiel gegen Dynamo Dresden auf, 15.000 Zuschauer in dem seit Monaten einem Hufeisen ähnelnden Stadion und 60.000 auf der nahen Reeperbahn feierten ein großes Fest. Und obwohl in den Medien noch immer hämisch vom "Littmann-Loch" die Rede ist, wurde der Theatermann vom Aufsichtsrat, mit dem er lange zuvor im Streit lag, kürzlich erneut als Kandidat für das Amt des Präsidenten benannt.

Teile der Anhängerschaft sind jedoch gegen ihn, viel wird bei der Wahl im November vom Vorankommen bei der Südtribüne abhängen. Immerhin konnten die Bauarbeiten im Sommer endlich beginnen - bis zum plötzlichen Baustopp nach dem Fund des Giftgases. Deutlich sichtbar sollte sich die neue Heimat vieler Fans zur Jahreshauptversammlung allerdings schon zeigen - gerade jetzt, wo auch das beliebte Clubheim dem Abrissbagger zum Opfer fallen soll.

Erste Diskussionen gibt es darüber hinaus auch zum Thema Stadionname. Bleibt es beim Millerntor? Widersteht der Verein hier den Verlockungen des schnellen Geldes, um seine Tradition als der "etwas andere Club" zu bewahren? Oder laufen die braunweißen Kiezkicker bald im Pokerroom - dem Namen eines der neues Sponsoren - auf?

Die Verantwortlichen lassen sich derzeit nicht in die Karten blicken, doch sie wissen, dass die Fans Namen wie die bundesweit verbreiteten Osnatel-Arena oder Commerzbank-Arena auf keinen Fall akzeptieren würden – allenfalls Astra-Kiste in Anlehnung an den lokalen Bierlieferanten würde wohl noch durchgehen.

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