IAA Materialschlacht unterm Messeturm

Hinter dem schönen Schein steckt schwere Arbeit. Um ihre Neuheiten bei der Internationalen Automobilausstellung ins rechte Licht zu rücken, treiben Hersteller und Importeure einen gewaltigen Aufwand.

Frankfurt am Main - Hinter den Kulissen der Internationalen Automobilausstellung (IAA) tobt eine Materialschlacht, bei der in wenigen Tagen unzählige Container entladen, Kisten bewegt, Böden verlegt, Kabel gezogen und Scheinwerfer aufgehängt werden.

Um zusammen gerade einmal 700 Autos zu präsentierten, werden nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) zur Vorbereitung der Messe in Frankfurt (13. bis 23. September) rund 24.000 Tonnen an Material verbaut, das mit 18.000 Lastwagen auf das Gelände gekarrt und von mehr als 10.000 Messebauern, Schreinern, Dekorateuren und Technikern in Form gebracht wird.

Selbst heruntergerechnet auf die einzelnen Firmen, bleiben diese Zahlen gewaltig. VW zum Beispiel wird nach Angaben von Sprecherin Katharina Kraußlach in Wolfsburg auf einer Standfläche von nahezu 9000 Quadratmetern "das umfangreichste Produktprogramm aller Zeiten" ausstellen. Für die 50 Autos sei eine Inszenierung geplant, in deren Mittelpunkt ein 120 Meter langes Medienband und zwölf große Videowände stehen, die mit Elektromotoren 80 Meter weit über den Stand sausen.

Konzernschwester Audi steht dem in nichts nach: Der Stand erstreckt sich über eine Länge von 90 und eine Breite von 43 Metern. "Rund 35 Kilometer Kabel sorgen dafür, dass alles unter Strom steht", sagt Audi-Sprecher Erik Felber in Ingolstadt und berichtet von einer 60 Tonnen schweren Beleuchtungskonstruktion, die in einer Höhe von 8,45 Meter über dem Stand schwebt und 1400 Scheinwerfer trägt. "Jedes einzelne der 31 Ausstellungsfahrzeuge wird von jeweils acht Strahlern ins rechte Licht gerückt." Damit keine unerwünschten Reflexionen entstehen, planten die Messeexperten die Scheinwerferpositionierung bereits Monate im Voraus auf den Millimeter genau.

Mehr als ein Jahr Planungs- und Vorbereitungszeit

Bei den anderen Herstellern ist der Aufwand kaum geringer. So fährt Ford  nach Angaben von Sprecher Hartwig Petersen 400 Tonnen Stahl, Holz und Glas auf und belegt die gut 3500 Quadratmeter Standfläche zur Hälfte mit Teppich oder Buche-Boden. Nissan  schafft den Messebauern zufolge etwa 250 Tonnen Material nach Frankfurt.

Weil Zeit Geld ist und die Messehallen zum Teil bis kurz vor der IAA belegt sind, ist der Aufbau auch logistisch eine Meisterleistung, sagt VW-Sprecherin Kraußlach: Nach mehr als einem Jahr Planungs- und Vorbereitungszeit geht es in der Nacht zum 1. September los. "Innerhalb von 200 Stunden wird dann eine Fläche verbaut, die in etwa der Größe von anderthalb Fußballfeldern entspricht." Um in dieser kurzen Zeit eine kleine Stadt in die leere Halle zu stellen, seien 320 Lastzüge unterwegs, die das Material "just in time" anliefern. "Und über 1000 Monteure werden im Zwei-Schicht-System sicherstellen, dass der Stand pünktlich am ersten Pressetag übergeben werden kann."

Pferdestärken statt Springreiter

Pferdestärken statt Springreiter

Während sich der VW-Konzern  mit einem Gutteil der größten Messehalle in Europa begnügt, baut die Konkurrenz ihre eigenen Bühnen: So schlägt BMW  auf der Freifläche des Messegeländes eine riesige Zeltkonstruktion auf. "Der Pavillon hat eine Grundfläche von knapp 3300 Quadratmetern und ist mit einer Luftkissen-Membran-Fassade verkleidet", sagt BMW-Sprecher Markus Sagemann in München.

Noch größer dürfte der Aufwand von Mercedes  sein. Zusammen mit Smart und Maybach belegen die Schwaben traditionell die Festhalle, in der sonst Rockkonzerte über die Bühne gehen, Springreiter unterwegs sind oder Eiskunstläufer ihre Kreise drehen. Da Architekten und Designer seit Herbst planen, hat dort nach Angaben von Sprecher Norbert Giesen bereits am 16. Juli der Aufbau begonnen. In 56 Tagen schaffen mehr als 700 Handwerker mit sechs Kränen, 16 Motorsteigen und einem halben Dutzend Gabelstapler auf mehreren Etagen etwa 10.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, von denen die Hälfte mit Teppich und ein Viertel mit Parkett ausgelegt werden müssen. Außerdem werden 150 Kilometer Kabel gezogen und Lampen aufgehängt.

Tonnenweise Prospekte

Mit dem Aufbau ist die Schlacht aber noch nicht geschlagen. Auch während der 13 Messetage geht der Aufwand unvermindert weiter: "Damit die Besucher umfassend beraten werden können, stehen 150 Audi-Mitarbeiter und 70 einheitlich gekleidete Hostessen und Hosts auf dem Stand bereit", sagt Eric Felber. Zur Information liegen Preislisten und Prospekte bereit, von denen Mercedes pro Messe etwa 350.000 Exemplare verteilt. Bei Peugeot  sind es 15 Tonnen Prospekte und bei Nissan zwei Container voll. Außerdem werden Messegäste unter anderem mit Bonbons, Aufklebern, Anstecknadeln, Kugelschreibern und Modellautos beschenkt.

Auch wenn zahlreichen Müllcontainer rund um die Hallen einen anderen Eindruck vermitteln, ist die IAA keine Wegwerfmesse mehr. Der grüne Grundgedanke gilt nicht nur für die Antriebe der Ausstellungsfahrzeuge, sondern auch für das Standmaterial. "Rund 60 Prozent der Standkonstruktion werden wieder eingesetzt", sagt etwa Ford-Sprecher Petersen. Bei Peugeot spricht Romy Häselbarth von einer Wiederverwendungsquote von 70 Prozent. Und auch Mercedes lagert viele Teile des Messestandes laut Norbert Giesen bis zur nächsten IAA ein. Das gilt jedoch nicht für alle Standelemente: Denn kaum schließen in Frankfurt die Pforten, rücken schon wieder die Gabelstapler an, packen Kisten voll und verschicken den halben Stand nach Übersee. Schließlich eröffnet vier Wochen später die Motor Show in Tokio.

Thomas Geiger, dpa

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