Müllers Welt Fantasien vom großen Knall

Der Frust über die Politik ist groß in der Wirtschaft. Viele Unternehmer und Manager wünschen sich einen radikalen Kurswechsel. Deshalb hoffen sie auf eine tiefe Wirtschaftskrise. Muss Deutschland erst einen Kollaps erleiden, damit wir uns ändern? Oder sind das zynische Gedankenspiele? Diskutieren Sie mit!

Kürzlich erhielt ich folgende Lesermail:

"... Ich teile mit vielen Unternehmern die Meinung, dass unser heutiges System nicht mehr reformierbar ist. Nur nach einem absoluten Zusammenbruch, mit z.B. einer vollkommenen Zahlungsunfähigkeit des Staates, wird ein Neuanfang möglich werden. Deshalb ist ein schneller Kollaps des siechenden Systems, eine Chance für einen Neuanfang. Jede Entscheidung gegen das jetzige 'alte' Deutschland, ist ein Schritt hin zu einem neuen Deutschland. Erst nach dem Kollaps wird auch die normale Bevölkerung erkennen, dass es nicht sinnvoll ist sich von Stümpern leiten zu lassen, die erst viel versprechen, was sie irgendwann dann nicht mehr halten können oder brauchen, weil sie längst ausgeschieden sind."

Unternehmerfrust in einem stillstandverdrossenen Land.

Sicher, es ist nur eine Stimme, aber eine in einer ganzen Reihe von Reaktionen, die ich seit einiger Zeit auf Artikel in manager magazin und manager-magazin.de bekomme - gerade deshalb finde ich dieses Statement beunruhigend.

Offenkundig gibt es in der Wirtschaftselite, gerade im politikfernen Mittelstand (viele Topmanager in Großunternehmen stehen der Politik deutlich näher), inzwischen eine tiefe Unzufriedenheit mit dem deutschen demokratischen System. Der Eindruck, nichts gehe voran in diesem Land, und wenn doch, dann in die falsche Richtung, hat sich festgesetzt in den Köpfen. Extrem langsam, wirtschaftsfeindlich und fortschrittsresistent seien Staat und Politik. Die große Koalition mit ihrer schwerfälligen internen Meinungsbildung, häufig in aller Öffentlichkeit vollzogen, scheint diesen Eindruck nur zu bestätigen.

Nun hegen viele Unternehmer Krisenfantasien. Ein völliges Systemversagen soll nach ihrem Wunsch alles Bestehende hinfortfegen. Nur ein großer Knall - der "Kollaps" (siehe oben) - könne Deutschland retten.

Jede Krise vernichtet Wohlstand

Mir stellen sich in diesem Zusammenhang drei Fragen: Erstens, ist eine solche Zuspitzung der Zustände wirklich wünschenswert? Zweitens, welche politische Ordnung würde nach einem solchen Zusammenbruch wohl entstehen? Und gibt es, drittens, überhaupt ein System, von dem man sich wünschen könnte, dass es das derzeitige ersetzt?

Die Antworten: Nein. Keine gute. Ja.

Genauer:

Ein Systemzusammenbruch ist natürlich nicht wünschenswert. Die Zahlungsunfähigkeit des Staates und/oder die Beseitigung staatlicher Verbindlichkeiten durch Inflation bedeutet ja nichts anderes als eine Enteignung all jener, die ihre Vermögen nicht außer Landes bringen können. Auch andere denkbare systemzersetzende Entwicklungen - Massenarbeitslosigkeit, das Abgleiten weiter Bevölkerungsschichten in Armut, auf den Straßen ausgetragene Verteilungskämpfe (schöne Grüße aus Weimar!) - können nur hartgesottene Zyniker wollen.

Jede Krise vernichtet Wohlstand, begrenzt individuelle Entfaltungschancen der Bürger, schafft menschliches Unglück. Die Behauptung, danach ziehe das Wachstum so stark an, dass die Einbußen rasch aufgeholt würden und deshalb Krisen ein brutales, aber letztlich notwendiges "Stahlgewitter" seien (analog zur Ernst Jüngerschen Sicht auf den Krieg), ist eben bloß dies: eine Behauptung. In Wirklichkeit gibt es in der Wirtschaftsgeschichte nur wenige ökonomische Abstürze, die die Hoffnung auf spätere überkompensierende Gesundung rechtfertigen. Das westeuropäische - und insbesondere das deutsche - Wirtschaftswunder der ersten Nachkriegsjahrzehnte bleibt die große historische Ausnahme.

Der Normalfall sieht so aus: Breiter Wohlstand gedeiht im stabilen, friedlichen Raum.

Ich frage mich angesichts dieser düsteren ökonomischen Perspektiven - wie gesagt, zweitens -, welche politischen Hoffnungen wohl die Kollapsbeschwörer hegen. Ich will gar nicht soweit gehen, ihnen heimliche protofaschistische Vorlieben für einen "starken Mann", der die Verknotungen des blockierenden politökonomischen Wirrwarrs per Fausthieb durchzuschlagen im Stande ist, zu unterstellen. Aber dass aus einer ökonomischen Krise ein besseres System erwächst, halte ich schlicht für weltfremd.

Endzeitsehnsucht, Nahtoderlebnis...

Und was ist mit Margret Thatchers neoliberaler, demokratischer Revolution von oben, werden viele jetzt einwenden. Schließlich gilt ihr Handeln immer noch als vorbildlich, weil sie in den 80er Jahren Großbritannien aus jahrzehntelangem Abstiegszynismus riss. In Deutschland ist eine solche Wende undenkbar: Die deutsche Verfassung billigt keiner Instanz eine derartige Machtfülle zu, wie sie der britische Premierminister genießt (der noch nicht einmal durch eine geschriebene Verfassung eingeengt wird).

Ein wahrscheinlicheres Szenario für Deutschland wären argentinische Verhältnisse: Dort wurschtelt man sich halt immer weiter so durch - trotz inzwischen sechs Jahrzehnten ökonomischen Niedergangs, trotz einer langen Reihe von ökonomischen Rückschlägen wie Hyperinflationen, Währungskrisen, Zahlungsunfähigkeit. Hat sich dadurch etwas nachhaltig zum Besseren gewandelt? Kaum. (Immerhin, die Zeiten der Militärdiktatur und des politischen Mordens sind vorüber.)

Bleibt die dritte Frage, ob überhaupt ein anderes politisches System dem derzeitigen vorzuziehen wäre. Da fällt mir in der Tat so einiges ein. Insbesondere die Schaffung eines echten Föderalismus, bei dem die Aufgaben - sowie die Ausgaben und Steuereinnahmen - zwischen Bundesebene und Länderebene klar getrennt sind und die Länder ihrerseits untereinander im Wettbewerb stehen. Das würde den Staat beweglicher und effizienter machen.

Oder auch der Übergang zum Mehrheitswahlrecht: Ich verbinde damit nicht nur die Hoffnung auf klare parlamentarische Mehrheiten, die die derzeitige Zersplitterung des deutschen Parteiensystems überwinden könnten und die Regierungsfähigkeit sichern würden. Ich erwarte auch den Aufstieg eines neuen Politikertypus, der, weil direkt in seinem Wahlkreis gewählt, selbstbewusster für vernünftige Lösungen eintreten könnte als ein Listenkandidat, dessen Karriere ausschließlich vom Goodwill der Führungsspitze seiner Partei abhängt.

Wie werden derartige Veränderungen der demokratischen Spielregeln möglich? Jedenfalls nicht durch einen wirtschaftlichen "Kollaps".

Mir scheint, dass der verbreitete Wunsch nach radikalem Absturz und Neubeginn einer speziell deutschen Gemütsverfassung entspringt, deren Wurzeln mir, offen gesagt, nicht ganz klar sind. Es sind große psychologische Themen, die da im Hintergrund lauern: Endzeitsehnsucht, Nahtoderlebnis, Wiedergeburt, Himmelfahrt, Götterdämmerung ... Den Assoziationen sind keine Grenzen gesetzt.

Was auch immer dahinterstecken mag: Aufgeklärte Geister sollten sich auf derlei Vulgärradikalökonomik nicht einlassen.