Globalisierung Pharmamarkt Indien - schwer auf Pille

Während Europas Regierungen versuchen, die Preisspirale im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen, wenden sich Pharmaunternehmen mittlerweile Ländern wie Indien zu, die günstigere Kostenstrukturen und verheißungsvolle Wachstumspotenziale aufweisen. Aus gutem Grund: Die Nachfrage dort steigt massiv.
Von Ashish Singh

Neu Delhi - Als in der ersten Jahreshälfte die Generikasparte des Darmstädter Pharma- und Chemieherstellers Merck  zum Verkauf stand, kamen sich zwei alte Bekannte ins Gehege. Schon während des Bieterverfahrens um die Augsburger Betapharm im Jahr zuvor standen sich Ranbaxy Limited und Dr. Reddy's Laboratories gegenüber. Beide Unternehmen bauen seit einigen Jahren ihre Präsenz auf dem deutschen Markt kontinuierlich aus und zeigen zugleich, dass sie auf internationalen Märkten im Bereich der Generikaherstellung ernst zu nehmende Kräfte darstellen.

Denn Indiens pharmazeutische Industrie ist mittlerweile für die Entwicklung und kostengünstige Herstellung von Arzneimitteln gut positioniert und verfügt über schnell wachsende Kapazitäten im Pharmageschäft.

Nach Angaben der India Brand Equity Foundation (IBEF) wird das Volumen des indischen Pharmamarkts in diesem Jahr auf 9,4 Milliarden US-Dollar geschätzt. Das entspricht einem Jahreswachstum von 7,2 Prozent. Auch Umfragen des Beratungsunternehmens Bain & Company in Zusammenarbeit mit der Organisation of Pharmaceutical Producers of India (OPPI) haben ergeben, dass sich dieser positive Trend in den kommenden Jahren fortsetzen und verstärken wird.

Von 180 befragten Managern weltweit operierender Pharmaunternehmen misst bereits jeder Zweite Indien große Bedeutung bei. Weitere 67 Prozent gehen davon aus, dass die Bedeutung des Subkontinents für die Branche in den nächsten vier Jahren weiter wachsen wird.

Mittelfristigen Annahmen zufolge wird Indiens Binnenmarktvolumen bis zum Jahr 2010 auf rund 17 Milliarden US-Dollar anwachsen. Diese Prognose lässt sich vor allem auf den veränderten Lebensstils der Inder zurückführen, aber auch auf das zunehmende Alter der Gesellschaft. Dabei steigen insbesondere in den Städten die Ausgaben für Medikamente zur Bekämpfung chronischer und sogenannter Lifestyle-Krankheiten wie Asthma oder Diabetes.

Boomender Markt

Boomender Markt

Der starke indische Pharmamarkt garantiert vor allem den lokalen Produzenten, die etwa 80 Prozent des Binnenmarkts kontrollieren, ein festes Standbein. Inzwischen exportiert Indien mehr pharmazeutische Produkte als es importiert. Gut 80 Prozent der Präparate werden in den USA und der EU abgesetzt.

Auf diesen etablierten Märkten profitieren indische Unternehmen hauptsächlich von ihren Kostenvorteilen, die sie über den Verkauf medizinischer Nachahmerprodukte - sogenannter Generika - realisieren. Hierbei handelt es sich um wirkstoffgleiche Arzneimittel, die bereits unter einem lizenzpflichtigen Markennamen vertrieben werden und deren Patentschutz abgelaufen ist. Firmen, die sich auf die Produktion von Generika spezialisieren, haben demnach keine Forschungs- und Entwicklungskosten und können zu sehr viel niedrigeren Preisen als die forschenden Unternehmen anbieten.

Im Kontext der Armutsbekämpfung hat sich diese Problematik verschärft: So gestattete die indische Regierung heimischen Pharmabetrieben jahrzehntelang die Herstellung patentgeschützter Generika im eigenen Land und setzte somit die Rechte am geistigen Eigentum der westlichen Unternehmen außer Kraft.

Die enormen Forschungskosten, die bei einem Medikament bis zu 500 Millionen Euro betragen, stellen ein großes finanzielles Risiko dar, welches bisher nur von den westlichen Konzernen getragen wird. Einerseits genießen forschende Pharmafirmen in der Regel 20 Jahre Patentschutz, um ihre zuvor getätigten F&E-Investitionen wieder einzuspielen und den Gewinn in neue Forschungsvorhaben investieren zu können. Auf der anderen Seite stehen die Regierungen in Entwicklungsländern wegen Krankheiten, wie Aids, Gelbfieber oder Malaria unter politischem Handlungsdruck und greifen gerne auf preisgünstige Generika zurück, um ihrer Bevölkerung die benötigten Medikamente zukommen zu lassen.

Diese Problematik stellt Industrienationen vor eine ethische Frage, auf die bisher noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden wurde und die zu Unsicherheiten innerhalb der Branche beiträgt.

Problematischer Patentschutz

Problematischer Patentschutz

Dementsprechend verwundert es nicht, dass 56 Prozent der vom Berater Bain & Company befragten internationalen Pharmamanager den mangelnden Schutz von geistigem Eigentum in Indien als sehr problematisch erachten. Zudem monieren 52 Prozent die unzureichende Kontrolle über den Parallelhandel, bei dem Präparate in Übereinstimmung mit dem Patent- und Lizenzrecht preiswert in Indien produziert werden, um diese dann ohne die Zustimmung des geistigen Eigentümers in einem Hochpreisland zu verkaufen. Auch die überbordende Bürokratie mit ihren regulativen Ungewissheiten stellt für 46 Prozent der Befragten ein Manko auf dem indischen Markt dar.

Indiens Marktteilnehmer sind sich dieser Problematiken durchaus bewusst. Deswegen sind Regierung und lokale Pharmaunternehmen bemüht, sich an die globalen Maßstäbe anzupassen. Das zeigt insbesondere die verbesserte Patentschutzgesetzgebung, die 2005 vom indischen Parlament erlassen wurde und die Herstellung von Generika auf lizenzgeschützte Medikamente unter Strafe stellt.

Mittlerweile sehen die meisten indischen Arzneimittelhersteller lukrative Geschäftschancen in der Auftragsproduktion für ausländische Pharmakonzerne. Dieser Markt macht nach IBEF-Angaben weltweit 30 Milliarden US-Dollar aus und wird vermutlich bis 2010 auf 45 Milliarden US-Dollar wachsen.

Dieses Wachstum wird vornehmlich von der Produktionsauslagerung solcher Erzeugnisse getragen, deren Patent kurz vor dem Auslaufen steht. Mit dem Schritt hin zum offensiven Outsourcing erhoffen die originären Anbieter, sich besser gegen preisgünstige Generika am Markt behaupten zu können. Denn in Anbetracht auslaufender Patentrechte besteht auch für internationale Hersteller erhöhter Handlungsdruck: Nach Angaben der deutschen Bundesagentur für Außenwirtschaft werden in den USA dieses Jahr Arzneimittel mit einem Verkaufswert von circa 40 Milliarden und in Europa von rund 25 Milliarden US-Dollar ihren Lizenzschutz verlieren.

Auftragsforschung wächst

Auftragsforschung wächst

Trotz der verheißungsvollen Aussichten steht die indische Pharmaindustrie am Scheideweg. Denn wenn dem Subkontinent daran gelegen ist, der internationale Anlaufpunkt nicht nur für die Produktion qualitativ hochwertiger Generika, sondern künftig auch für patentgeschützte Medikamente und damit verbundener Direktinvestitionen zu werden, dann muss die Billigproduktion um innovative Kräfte ergänzt werden. Schließlich ist auch die Fertigung von patentgeschützten Medikamenten einem intensiven Wettbewerb ausgesetzt und wird verstärkt in Niedriglohnländer verlagert, wie beispielsweise China. Mit der Einführung des Produktpatentschutzes gilt Indien bereits jetzt als ernsthafter Aspirant für die gesamte Auftragsfertigung vieler internationaler Hersteller.

Neben der Auftragsproduktion wird in den kommenden Jahren auch die globale Auftragsforschung an Bedeutung gewinnen. Nach IBEF-Informationen wächst der Markt in Indien mit jährlichen Raten von bis zu 50 Prozent sprunghaft. Schätzungen zufolge wird der Markt für Auftragsforschung in Indien bis 2010 auf etwa zwei Milliarden US-Dollar wachsen.

Mittlerweile haben verschiedene Unternehmen ihre Geschäftsmodelle diversifiziert und mit der Arzneimittelentwicklung begonnen. Wegen der bislang geringen Ausgaben für Forschung und Entwicklung von durchschnittlich 2 bis 3 Prozent des Branchenumsatzes ist die lokale Pharmaindustrie bestens für Forschungskooperationen mit ausländischen Partnern geeignet.

Indien erweist sich ferner bei der Lieferung von aktiven pharmazeutischen Wirkstoffen und Zwischenprodukten für die Pharma- und Biotechindustrie als zugkräftiger Magnet. Überdies sieht sich der Subkontinent auch im Bereich der klinischen Forschung gut gerüstet. Sowohl die Laborausrüstung als auch die Qualifikation des Personals entsprechen zunehmend höchstem internationalen Niveau und ermöglichen Studien in großem Umfang. Die indischen Anbieter sind zuversichtlich, in der klinischen Forschung bis 2010 einen Weltmarktanteil von 10 Prozent zu erlangen und jährlich 250 bis 300 Millionen US-Dollar Umsatz zu generieren.

Boomende Versicherungsbranche

Boomende Versicherungsbranche

Eines der zukunftsträchtigsten Wachstumsfelder im indischen Gesundheitswesen ist die Versicherungsbranche. Mit der verbesserten Einkommenssituation der Menschen in den Städten nimmt das Bewusstsein über das Kostenrisiko im Fall einer ernsthaften Erkrankung zu. Schätzungen zufolge verfügen derzeit nur 4 Prozent der Inder über eine Krankenversicherung. Jährlich wächst der Anteil der Krankenversicherten um stattliche 50 Prozent, wovon in Zukunft insbesondere die privaten Krankenkassen profitieren werden.

Alles in allem lässt sich feststellen, dass indische Pharmaunternehmen belebend auf die Branche weltweit wirken. Besonders die Reform des Patentwesens wird Geldgeber ermutigen und gleichzeitig Finanzierungsmöglichkeiten erweitern.

Indische Generikaproduzenten sind gut beraten, sich einerseits auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren, aber auch in Innovationen zu investieren. Damit internationale Pharmaunternehmen ihre Tätigkeiten auf dem indischen Markt ausweiten, bedarf es der richtigen Rahmenbedingungen hinsichtlich des Patentschutzes sowie Bürokratieabbau.

Laut Deutsch-Indischer Handelskammer sind bereits 20 deutsche Pharmaunternehmen vor Ort vertreten, darunter Bayer Schering, Boehringer Ingelheim und Merckle. Auf Grund der rasanten Marktentwicklung ist für internationale Pharmafirmen spätestens jetzt der Zeitpunkt gekommen, auf dem Subkontinent aktiv zu werden, um die vollen Kostenvorteile und das hohe Potenzial des Binnenmarktes ausschöpfen zu können.

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