IKB-Krise "Die komplette Bank verwettet"

Der tiefe Fall der Mittelstandsbank IKB gibt Rätsel auf und macht Beobachter fassungslos. Aktionärsschützer wie auch Anwälte erwägen, Vorstand und Bank zu verklagen. Die entscheidende Frage ist: Wer in der IKB wusste wann über welche Risiken Bescheid - oder hätte darüber informiert sein müssen?

Hamburg - Auf die nach Fehlspekulationen schwer angeschlagene Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB  könnte eine Klagewelle zurollen. Aktionärsschützer und Anwälte prüfen nach Informationen von manager-magazin.de, Strafanzeige gegen den Vorstand zu erstatten und die Bank zu verklagen. Im Zusammenhang mit den am 20. Juli vorgelegten Quartalszahlen und der zehn Tage später folgenden Gewinnwarnung schließen sie nicht aus, dass der Vorstand den Kapitalmarkt falsch, grob fahrlässig oder sogar vorsätzlich falsch über die tatsächliche Lage der Bank informiert habe.

Zur Erinnerung: Die IKB hatte am 20. Juli über ein gutes erstes Geschäftsquartal berichtet und in diesem Zusammenhang Sorgen über mögliche Auswirkungen der US-Immobilienkrise auf die IKB als unbegründet zurückgewiesen. In einer Mitteilung der Bank hieß es, die von den Ratingagenturen Standard & Poor's und Moody's als gefährdet eingestuften US-Immobilienkredite würden die Bank lediglich mit einem "einstelligen Millionenbetrag" betreffen.

In der Nacht zum 30. Juli gab die Bank dann eine Gewinnwarnung mit dem Hinweis heraus, die Refinanzierung des von der IKB gemanagten Fonds "Rhineland Funding" sei gefährdet und die IKB liefe Gefahr, aus ihren Liquiditätslinien für "Rhineland Funding" in Anspruch genommen zu werden.

"Wir halten es für unrealistisch, dass der Vorstand vor dem 20. Juli nichts von den drohenden Risiken und den sich abzeichnenden Problemen gewusst haben kann. Wir vermuten, dass diese Schwierigkeiten schon früher bekannt waren und diese Informationen von den Verantwortlichen womöglich unterdrückt und nicht weitergegeben worden sind", erklärte Bernd Jochem von der auf Kapitalanlagerecht spezialisierten Münchener Kanzlei Rotter Rechtsanwälte. Eine andere Kanzlei äußerte sich am Freitag ähnlich gegenüber manager-magazin.de.

DSW prüft Klage gegen IKB-Vorstand

Den Münchener Anwälten liegen "zahlreiche Anfragen" von Anlegern vor, die nach dem 20. Juli auf Basis der vorliegenden Informationen "gezielt" Aktien der im MDax  notierten Bank gekauft haben. Der Wert ihres Investments hat sich mittlerweile halbiert. Sollte sich abzeichnen, dass die IKB den Kapitalmarkt falsch informiert habe, werde die Kanzlei gegen den Vorstand der Bank Strafanzeige erstatten, sagte Jochem. Auch Schadenersatzklagen seien möglich.

"Das ist eine Katastrophe für die Aktionäre. Die Anleger haben in eine als seriös und konservativ geltende Bank investiert - eine Adresse, der man als letzte in Deutschland zugetraut hätte, dass sie in eine solche Schieflage geraten könnte", sagte Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) im Gespräch mit manager-magazin.de. Besonders tragisch ist für die Investoren, dass am 23. Juli die Analysten mehrerer Banken den Titel noch zum Kauf empfohlen haben.

"Wir prüfen eine Klage gegen den Vorstand", sagte Kurz, räumte allerdings ein, dass den Aktionärsschützern derzeit noch "belastbare Informationen" fehlten. Zunächst sei festzustellen, wann Vorstand und Aufsichtsrat der Bank von der bedrohlichen Lage wussten oder hätten wissen müssen. Erst dann sei abzusehen, ob sich daraus eine Schadenersatzklage gegen das Unternehmen ableiten ließe.

"Wenn's dem Esel zu wohl geht, geht er aufs Eis"

Beobachter reagieren fassungslos

Die extreme Schieflage der IKB hat auch die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen. Man beschäftige sich mit dem Fall, es sei aber noch keine Anzeige gegen den Vorstand eingegangen, erklärte ein Sprecher am Freitag. Man stehe mit der IKB und der Finanzaufsicht BaFin in engem Kontakt, um die notwendigen Informationen für eine erste Bewertung zusammenzutragen.

Unabhängig davon, was die Untersuchungen im Details noch ergeben werden, reagieren Beobachter schon jetzt fassungslos auf die größte Krise einer Bank in Deutschland seit langem. "Wenn's dem Esel zu wohl geht, geht er aufs Eis. Dieser Vorstand oder wer auch immer sich für das Unternehmen verantwortlich fühlte, hat die komplette Bank verwettet", erregte sich Kurz im Gespräch mit manager-magazin.de. Zugleich läge für ihn die Vermutung nahe: "Der Vorstand hatte schlicht keine Ahnung, auf welche Risiken sich die Bank da einlässt."

So recht glauben mag man das nicht. Schreibt doch der Vorstand der Mittelstandsbank im Geschäftsbericht 2006/2007: "Die Risikokultur der IKB ist geprägt durch einen konservativen Umgang mit den Risiken des Bankgeschäftes. [...] Um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Risiko und Rendite sicherzustellen, sind Risikomanagement und Risikokontrolle wichtige Kernelemente unseres Geschäftsansatzes. [...] Ein unabhängiger Kontrollprozess gewährleistet eine objektive Prüfung und Überwachung der mit den Aktivitäten verbundenen Risiken, ... über alle Risikoarten und Geschäftsbereiche hinweg. [...] Eckpfeiler der Risikokontrolle ist eine zeitnahe, umfassende und objektive Offenlegung der Risiken gegenüber dem Vorstand, dem Aufsichtsrat, den Aktionären, den Aufsichtsbehörden sowie den Ratingagenturen."

Ob nun im Risikomanagement, an der Vorstandsspitze oder im Aufsichtsrat - wo letztlich die entscheidenden Fehler begangen wurden, Verantwortliche zu spät reagiert haben oder womöglich bewusst falsch informiert worden ist, sollen die Ermittlungen von Finanzaufsicht und Staatsanwaltschaft zu Tage fördern. Zwei Aufsichtsratsmitglieder wollten sich gegenüber manager-magazin.de zu der jüngsten Entwicklung nicht äußern.

Was steht in den Sitzungsprotokollen?

Wichtige Hinweise, die zur Aufklärung beitragen könnten, versprechen sich die Aktionärsschützer aus den Sitzungsprotokollen des Vorstands und des Aufsichtsrats. "Daran werden sich mögliche Haftungsfragen entscheiden", sagte DSW-Sprecher Kurz.

Vorstandschef Ortseifen musste bereits seinen Stuhl räumen. Eine Antwort auf die Frage aber, warum nicht rechtzeitig gegengesteuert wurde und wer womöglich noch Verantwortung an dem Desaster trägt, könnte sich schwierig gestalten. Beobachter führen dies auch auf das besondere Verhältnis der Bank zu dem von ihr verwalteten Fonds zurück. "Das waren keine konsolidierten Geschäfte, die tauchten in der Bilanz der IKB nicht auf", so DSW-Sprecher Kurz.

Damit sei durchaus denkbar, dass etwa der Aufsichtrat ohne zusätzliche Informationen des Vorstands die Risiken aus dieser Verbindung nicht einschätzen konnte. Darüber hinaus habe man sich womöglich auch davon "blenden" lassen, dass viele Positionen im Fondsportfolio ein Tripple-A-Rating besaßen. "Das nützt aber nichts, wenn der ganze Markt zusammenbricht, dann ist so ein Rating nichts mehr wert", erklärte Kurz.

IKB-Vorstand: Alte und neue Gesichter

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