IKB-Krise Rhineland in Flammen

Vor zwei Wochen bezifferte die IKB ihr Risiko aus Geschäften mit US-Hypotheken mit einer einstelligen Millionensumme. Nun muss eine Allianz aus staatseigener KfW und privaten sowie öffentlich-rechtlichen Banken mit einer Hilfsaktion in Milliardenhöhe die Mittelstandsbank vor der Pleite retten. Übrig bleiben viele Fragen und ein beschädigter Aufsichtsrat.
Von Arne Stuhr

Hamburg – Wenn Jochen Sanio, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), normalerweise den Rhein in Flammen erleben will, muss er sich von seinem Dienstsitz in Bonn stromaufwärts bewegen, um das alljährliche Feuerwerksspektakel im Mittelrheintal zu bewundern.

Diesen Sommer brannte es allerdings stromabwärts – und das gleich zweimal. Nahm Sanio am vergangenen Donnerstag noch an der Sitzung des Aufsichtsrats der WestLB teil, um bei der Abberufung von Institutschef Thomas Fischer und Risikovorstand Matthijs van den Adel nichts dem Zufall zu überlassen, reiste er am Wochenende gleich wieder nach Düsseldorf.

Diesmal galt sein Interesse der IKB, wo Sanio am Sonntag an der Sitzung des Aufsichtsratspräsidums teilnahm. Grund des außerplanmäßigen Treffens: Die IKB Deutsche Industriebank  hat sich mit dem Subprime-Virus infiziert. Aus einem Engagement mit schlecht abgesicherten US-Hypothekenkrediten drohen den Rheinländern Milliardenverluste, die die Bank in ihrer Existenz gefährden. Eine Bank hatte wohl bereits ihre Kreditlinie gekündigt.

"Deutschland droht die schlimmste Finanzkrise seit 1931"

Nun soll eine Allianz aus staatseigener KfW und privaten sowie öffentlich-rechtlichen Banken mit einer Milliardenhilfe die Mittelstandsbank vor der Pleite retten. "Wir machen das aus Verantwortung für den deutschen Finanzmarkt", sagte ein Sprecher des Bundesverbands deutscher Banken. "Wir haben großes Interesse an der Stabilität des Finanzplatzes Deutschland", ergänzte der Deutsche Sparkassen- und Giroverband.

Eckpunkte des IKB-Rettungspakets

"In Deutschland droht die schlimmste Finanzkrise seit 1931", soll BaFin-Chef Sanio nach Informationen aus Teilnehmerkreisen während einer Telefonkonferenz am Wochenende gesagt haben.

Bankenexperte Wolfgang Gerke hält das schnelle Eingreifen unter staatlicher Regie - Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) ist Verwaltungsratsvorsitzender der KfW - trotz ordnungspolitischer Bauchschmerzen für richtig. "Wenn die Lage bei der IKB so ernst ist, wie es jetzt den Anschein hat, musste die KfW einspringen", verteidigt der emeritierte Professor für Bank- und Börsenwesen im Gespräch mit manager-magazin.de den Feuerwehreinsatz.

Anonyme Anschuldigungen

Auch Bankenaufseher Sanio hat aus Gerkes Sicht korrekt agiert. "Wenn eine Bank brennt, muss die BaFin handeln", so Gerke.

Bleibt nur die Frage, warum der Aufsichtsrat der IKB den Qualm nicht bemerkt hat. Das Gremium ist durchaus prominent besetzt: Unter anderem Ex-Eon-Chef Ulrich Hartmann, Ex-Tchibo-Chef Dieter Ammer und Ex-BDI-Chef Michael Rogowski wachen über die Bankgeschäfte der Düsseldorfer. Offenbar gab es keinen Einspruch der Granden, als die IKB vor zwei Wochen ihr Risiko aus Geschäften mit US-Hypothekenkrediten mit gerade einmal einer einstelligen Millionensumme bezifferte.

Vor allem AR-Primus Hartmann gerät in Erklärungsnot. Wirft es doch kein gutes Licht auf den Multiaufsichtsrat (Deutsche Bank, Eon, Henkel, Lufthansa, Münchener Rück), wenn eine Bank innerhalb weniger Tage von einem erwarteten Gewinn von operativ 280 Millionen Euro in die Zahlungsunfähigkeit abrutscht, und der Chefkontrolleur von nichts gewusst haben soll. Hartmann selbst wollte sich dazu auf Nachfrage von manager-magazin.de nicht äußern. "Kein Kommunikationsbedarf", so sein Sprecher.

Anonyme Anschuldigungen

Andere IKB-Aufseher scheinen das - zumindest anonym - nicht so zu sehen und schieben ihre missliche Lage auf den geschassten IKB-Chef Stefan Ortseifen. "Die Macht des Aufsichtsrats ende bei den Informationen, die man vom Vorstand bekommen würde", hieß es gegenüber manager-magazin.de reichlich dünn aus Aufsichtsratskreisen.

"Es sieht so aus, als hätte der Vorstand die Wirtschaftsprüfer der KPMG und den Aufsichtsrat so geleitet, dass sie die Probleme mit dem Fonds 'Rhineland' nicht sehen konnten", wurde am Donnerstag auch in der "Welt" aus dem Umfeld der Kontrolleure zitiert.

Noch kurz vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung habe Ortseifen seine Kontrolleure nicht über die Probleme informiert. "Der Vorstand ist seinen Informationspflichten nur sehr eigenwillig nachgekommen", hieß es in dem Bericht weiter.

"Ein Dominoeffekt ist denkbar"

Zumindest was die Öffentlichkeit angeht hat der IKB-Vorstand seine Kommunikationsbereitschaft noch nicht verbessert. Der von der KfW als Ortseifen-Nachfolger entsandte Günther Bräunig sieht sich derzeit nicht in der Lage, ein Statement abzugeben. Eine entsprechende Anfrage von manager-magazin.de wurde abgelehnt. Grund der Absage: Zeitmangel.

KPMG wollte sich auf Nachfrage von manager-magazin.de ebenfalls nicht zum Fall IKB äußern. Generell gebe man keine Auskunft zu Mandaten, sagte eine Sprecherin.

Die Ratingagentur Fitch erwägt unterdessen eine Herabstufung des Individualratings der IKB. Im Kern der Analyse von Fitch stehe die Frage, ob das Düsseldorfer Institut ohne das Eingreifen der Kreditwirtschaft und der staatlichen KfW-Förderbank zusammengebrochen wäre, teilte die Agentur am Donnerstag in Frankfurt mit. Derzeit wird die Bonität der IKB auf isolierter Basis mit "C" bewertet. Die übrigen Ratings bestätigte Fitch hingegen aufgrund der Stützungsmaßnahmen. Die IKB-Aktie verlor am Donnerstag zeitweise über 40 Prozent.

"Ein Dominoeffekt ist denkbar"

Die Spitze der staatlichen KfW hat die Milliardenbürgschaft für US-Immobiliengeschäfte der IKB mittlerweile bestätigt. Der Kreditbewillungsausschuss der KfW stützte am Donnerstag bei einem Treffen in Bonn die am vergangenen Sonntag getroffene Eilentscheidung für eine Liquiditätslinie von 8,1 Milliarden Euro. Der KfW-Verwaltungsrat werde nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa im September zu einer Sondersitzung zusammenkommen.

Trotz der erfolgreichen Intervention bei der IKB hält Bankenprofessor Gerke ein Übergreifen der Flammen auf weitere Finanzdienstleister nicht für ausgeschlossen: "Ein Dominoeffekt ist denkbar, da Fälle wie IKB und WestLB gezeigt hätten, dass Banken immer wieder sogenannte Klumpenrisiken zulassen."

Auch Dieter Hein von Fairesearch merkt gegenüber manager-magazin.de an, dass "das Loch bei der IKB zwar gestopft" sei, aber zum Beispiel nicht nur vom US-Hypothekengeschäft Risiken drohten, sondern auch von "anderen Anlagesegmenten und anderen Ländern" (siehe: Kreditklemme - Welche Deals jetzt wackeln) . Wer also noch in eine Schieflage geraten könne, sei daher "völlig offen", so der Bankanalyst.

Aufsichtsräte hört die Signale.

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