Müllers Welt Segensreicher Ideenklau

Der Diebstahl geistigen Eigentums durch Konkurrenten aus Fernost ist einer der großen Aufreger der deutschen Wirtschaft. Berechtigte Empörung? Ideenräuber aus China oder Indien könnten für einen Wachstumsschub ohne Beispiel sorgen. Diskutieren Sie mit.

Kürzlich moderierte ich eine Podiumsdiskussion bei einer Mittelstandsveranstaltung der Unternehmensberatung McKinsey. Das Thema: Herausforderungen für deutsche Firmen in China und Indien.

Auf dem Podium: vor Ort aktive Unternehmer und Berater. Es wird Sie nicht überraschen, dass es wieder mal um das große Angstthema der deutschen Industrie ging: den grassierenden Ideenklau. Weil in den beiden aufstrebenden ökonomischen Supermächten geistiges Eigentum nicht sicher sei, weil Wissen auf teils dreiste Weise geklaut werde, gingen deutschen Firmen entscheidende Wettbewerbsvorteile verloren.

Das ist die herrschende Meinung. Der Diebstahl von Ideen, erst recht von patentgeschützten Konzepten gefährde technologische Vorsprünge, ja, er unterminiere die ökonomische Dynamik insgesamt. Das habe ich mir kürzlich auch in einem langen Hintergrundgespräch von den Abwehrspezialisten des Bundesamts für Verfassungsschutz erklären lassen.

Ich habe da meine Zweifel. Vieles spricht dafür, dass der Ideenklau die wirtschaftliche Entwicklung befruchtet.

So verständlich die Empörung ist, die das illegale Aneignen geistigen Eigentums bei seinen rechtmäßigen Besitzern auslöst: Was betriebswirtschaftlich schädlich ist, muss volkswirtschaftlich noch lange nicht schlecht sein.

Neues wird Standard

Aus Sicht des einzelnen Unternehmens sollen sich Investitionen in Forschung und Entwicklung amortisieren. Deshalb strebt es ein "temporäres Monopol" (Joseph Schumpeter) an: Weil der "Pionierunternehmer" etwas kann, was andere nicht können, kann er höhere Preise verlangen und fährt überdurchschnittliche Gewinne ein.

Soweit, so gut.

Die ganzen Früchte der Innovation aber erwachsen erst aus der Imitation, vulgo: aus dem Ideenklau. Indem nämlich andere nachmachen, was ordentliche Margen abwirft, machen sie die Innovation des Pioniers volkswirtschaftlich, also gesellschaftlich, nutzbar. Mit der unangenehmen betriebswirtschaftlichen Folge, dass die Preise und die Gewinne sinken.

Was vormals neu war, wird nun zum Standard. Der Pionierunternehmer muss sich wieder etwas Neues einfallen lassen, um seine Profitabilität zu halten - der Innovationswettbewerb geht in eine neue Runde. Einer der großen Treiber des Wirtschaftswachstums.

Betriebs- und volkswirtschaftliche Interessen stehen also im Widerspruch. Westliche Gesellschaft lösen diesen Konflikt traditionell durch das Patentrecht: Der Staat garantiert bestimmten geistigen Leistungen einen Schutz vor Imitatoren für eine begrenzte Zeit.

Dieser massive Eingriff in die Marktwirtschaft lässt sich nur mit einem einzigen Argument rechtfertigen: dass ohne Patentschutz zu wenig innoviert würde. Der Pionier erhält ein Patent, das ihm eine temporäre Monopolstellung zusichert, die länger Bestand hat, als wenn er keinen Patentschutz genösse. Dafür bringt er - aus purem Eigeninteresse - das Neue in die Welt, von dem letztlich alle profitieren.

Keine Zeit fürs Klagen

Das ist der Deal, der in der Ära der Globalisierung zerstört wird. Klauen chinesische oder indische Firmen ihren westlichen Konkurrenten Ideen, dann bestreiten sie temporäre Monopolstellungen, auch patentgeschützte.

Und darin steckt ein gewaltiges ökonomisches Potenzial: Die Imitationsgeschwindigkeit steigt, was für einen fundamentalen Wachstumsschub sorgen kann - weil neues Wissen nun schneller durch die Welt diffundiert.

Entscheidend ist, wie die Pionierunternehmer auf die neuen Wettbewerber reagieren. Fahren sie ihre Innovationsanstrengungen zurück? Oder drücken sie - jetzt erst recht - aufs Gas?

Interessanterweise lassen sich echte Unternehmer von den neuen Konkurrenten nicht verschrecken, im Gegenteil. Diesen Eindruck habe ich jedenfalls bei der McKinsey-Veranstaltung gewonnen.

Die anwesenden 60 bis 70 Geschäftsführer und Inhaber mittelständischer Industrieunternehmen konnten sich mittels elektronischer Abstimmgeräte zwischendurch in die Diskussion einschalten. Auf die Frage, wie sie auf den Diebstahl geistigen Eigentums reagierten, antwortete die große Mehrheit: Ich gebe Gas; fast Dreiviertel gaben an, ihre F&E-Aktivitäten auszuweiten.

Auch jene Unternehmer, die mit mir auf dem Podium saßen, stimmten keineswegs ein in das verbreitete Lamento über die unfairen Angreifer aus Fernost. Fürs Klagen, so mein Eindruck, hatten sie gar keine Zeit. Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, Offensivstrategien zu ersinnen.