Angriff aus Asien Die neuen Multis

Die Macht westlicher Unternehmen bröckelt. Neue Global Player aus Schwellenländern sind im Anmarsch. In einer Industrie haben Konzerne aus den BRIC-Staaten die Wachablösung schon geschafft - in der Öl- und Gasbranche. Und das zu einer Zeit, in der die Ressourcen knapper werden und der Bedarf enorm ansteigt.

Jedes Jahr veröffentlicht das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Fortune" eine Liste der 500 größten Unternehmen der Welt, die so genannten Fortune 500. Wer es in diese Liste geschafft hat, darf sich mit Recht Global Player nennen, also ein Unternehmen, das in der Weltliga mitspielt und nicht nur eine lokale oder regionale Größe ist.

Seit Jahren stehen an der Spitze dieser Liste immer die gleichen Namen: ExxonMobil , Wal-Mart , General Motors , Chevron , Ford , ConocoPhillips , General Electric . Unter den Top Ten sind nur US-Konzerne. Insgesamt sind die Fortune 500 fest in westlicher Hand. Amerikaner und Europäer dominieren, dazu kommen einige Japaner und ein paar wenige Koreaner.

Doch wie lange noch werden die westlichen Konzerne so dominieren? Ihre Macht bröckelt. Die Konzerne aus den BRIC-Staaten sind im Anmarsch. Sie werden attackieren. "Eine Revolution in der globalen Geschäftswelt ist im Gange", konstatiert das Beratungsunternehmen The Boston Consulting Group (BCG) in seiner Studie "The New Global Challengers".

Eine weltweite Arbeitsgruppe von acht BCG-Beratern hat 100 Unternehmen aus den Emerging Markets ausfindig gemacht, die das Zeug zu einem neuen Multi haben. Die meisten kommen aus den BRIC-Staaten: 44 aus China, 21 aus Indien und 12 aus Brasilien. Nur Russland mit gerade mal sieben Unternehmen sei "stark unterrepräsentiert", urteilen die Berater.

Mit diesen neuen, meist unbekannten Konzernen ist in den kommenden Jahren zu rechnen. Sie werden zu Konkurrenten unserer westlichen Konzerne, und sie werden auf unsere Märkte vordringen. Am aggressivsten gehen dabei die Chinesen vor. Die Regierung in Peking ist mit dem wirtschaftlichen Status quo nicht zufrieden. Sie will nicht, dass ihr Land nur die billige Fabrik für westliche Konzerne ist. Sie will, dass auch chinesische Unternehmen nach draußen gehen und globale Konzerne werden. Deshalb hat ihnen die Regierung im Jahr 2000 befohlen: Zou Chu Qu - Schwärmt aus!

In Russland machen sich die meist noch jungen Oligarchen ans Werk, jene Multimilliardäre, die während der Privatisierung in den 90er Jahren steinreich geworden sind und sich inzwischen riesige Firmenimperien aufgebaut haben. Da ist Putins Lieblingsoligarch und Aluminiumkönig Oleg Deripaska (Vermögen: 7,8 Milliarden Dollar), ob seiner rüden Geschäftsmethoden "der Hai" genannt. Oder der Ölmagnat Vagit Alekperow (elf Milliarden), der "russische Rockefeller". Oder der graubärtige, eher unauffällig operierende Öl- und Stahlbaron Viktor Vekselberg (zehn Milliarden), der von seinem Zweitdomizil am Zürichberg Ausschau nach europäischen Unternehmen hält.

Auch Amerika tut sich schwer

Die noch unbekannten Konzerne - gleich, ob aus China, Indien oder Russland - werden zunehmend Unternehmen im Westen kaufen oder sich an ihnen beteiligen. Für viele im Westen ist es ein Umstand, an den sie sich erst gewöhnen müssen.

Vor allem die Amerikaner, die selbst gerne auf globale Einkaufstour gehen, tun sich schwer, die neuen Konkurrenten im eigenen Land zu akzeptieren. Als zum Beispiel im Sommer 2004 die chinesische Ölfirma CNOOC  für rund 19 Milliarden Dollar den kalifornischen Ölkonzern Unocal kaufen wollte, sagten die Amerikaner "No way".

Auch in Europa gibt es noch Ängste, wenn exotische Ausländer eine etablierte Firma kaufen wollen. Schön zu studieren war dieser Fall unternehmerischer Fremdenfeindlichkeit am Beispiel Arcelor , einem der größten Stahlkonzerne der Welt mit Sitz in Luxemburg. Als der steinreiche indische Stahlbaron Lakshmi Mittal für sage und schreibe 26,5 Milliarden Euro Arcelor übernehmen wollte, wehrte sich das Arcelor-Management mit Händen und Füßen und wurde dabei übrigens von einigen europäischen Regierungen unterstützt. Doch vergeblich: Der Inder Mittal gewann die Übernahmeschlacht.

Die Versuche, sich - wie im Falle Mittal  - gegen das neue Phänomen zu stemmen, sind letztlich aussichtslos. Der Siegeszug der aufstrebenden Konzerne aus Indien, China oder Russland lässt sich so nicht aufhalten. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Unternehmer mit exotischen Namen sich künftig unsere Mittelständler kaufen oder sich an unseren etablierten Konzernen beteiligen werden. Dabei wird es mit Sicherheit weitere Aufschreie geben, wenn zum Beispiel Shanghai Automotive den maroden Fiat-Konzern  kaufen sollte - oder hierzulande gar Volkswagen .

In einer Industrie haben die Konzerne aus den Schwellenländern bereits eine Wachablösung der globalen Führerschaft geschafft: In der Öl- und Gasbranche. Früher waren die westlichen Ölkonzerne BP , Chevron , Exxon , Gulf, Mobil Oil, Shell  und Texaco - the seven sisters genannt - überall auf der Welt dabei, wo Öl und Gas aus dem Boden sprudelte. Für viele Menschen waren diese ausschließlich angloamerikanischen Konzerne der Inbegriff der bösen Multis.

In den 60er Jahren, als die Ölkonzerne auf dem Höhepunkt ihrer Macht, aber auch im Zenit der Kritik standen, hatten sie Zugang zu 85 Prozent aller weltweiten Reserven. Heute dagegen sind es nur noch 16 Prozent. "Die Exxons dieser Welt sind nur noch vergleichsweise kleine Player", sagt Gal Luft, Direktor des Institute for the Analysis of Global Security gegenüber "Business Week".

Heute dominieren zunehmend andere Mitspieler, deren Namen vielen noch nicht geläufig sind. Sie heißen Gazprom , Saudi Aramco, NIOC (Iran) oder Pemex (Mexiko) und kommen nahezu alle aus der nicht-westlichen Welt. Sie dominieren die globalen Energiemärkte und bestimmen deshalb zunehmend die Preise von Gas und Öl.

Wann versiegen die Quellen?

Begehrtes Öl - wann versiegen die Quellen?

Der Ölkonzern Shell  hatte im texanischen Houston einst ein Labor, das branchenweit als das beste galt.

Dort forschte in den 50er Jahren ein weltweit anerkannter Geologe, aber auch unbequemer Zeitgenosse namens Marion King Hubbert. 1956 entwickelte er eine These, die seinen Arbeitgeber Shell gar nicht erfreute. Hubbert rechnete nämlich vor, dass die Erdölförderung in den USA 1971 ihren Höhepunkt erreichen würde. Danach werde immer weniger Öl aus dem amerikanischen Boden geholt werden.

Hubbert verschätzte sich - um ein Jahr. Denn nicht 1971, sondern bereits 1970 war die Erdölförderung in den USA auf ihrem Maximum angelangt. Plötzlich spottete niemand mehr über Hubbert. Er war rehabilitiert und galt von nun an als der Vater des Gedankens vom Peak Oil. Was bedeutet das? Nach Erreichen des Peak sind die Hälfte der Ölreserven erschöpft und verbraucht. Danach gibt es immer weniger Öl.

Die spannende Frage, die sich danach stellte, war: Gilt dies auch für die weltweite Ölförderung? Kann man einen Zeitpunkt errechnen, an dem die globale Ölförderung ihren Höhepunkt erreicht hat und danach abflacht?

Hubbert schaffte es nicht mehr, diese Frage zu beantworten. Er starb 1989. Aber seine geistigen Nachfahren machten sich an die Rechenarbeit. Sie gründeten die Association for the Study of Peak Oil & Gas (ASPO). Alles ehrenwerte Leute, meist Veteranen der Ölindustrie wie ihr Gründer Colin Campbell. Der Mitsiebziger arbeitete für die Konzerne BP, Texaco und Amoco. Jetzt lebt er an der irischen Westküste und erklärt dort gerne - wie Buchautor Jeremy Leggett erfahren durfte - in einem Pub seine Gedanken über den Peak.

Laut Campbell gibt es weltweit rund 45.000 Ölquellen, aber wichtig seien die 400 größten Felder. Allein sie enthalten mehr als 75 Prozent des gesamten bisher gefundenen Öls. Doch es würden immer weniger große Ölfelder entdeckt, die letzten vor über 20 Jahren. Rund 80 Prozent des gegenwärtig geförderten Öls stamme aus Feldern, die vor 1973 entdeckt wurden.

Halbzeit des Ölzeitalters

Colin Campbell berechnete wie Kenneth S. Deffeyes, ein Hubbert-Schüler und Autor des Buches "Beyond Oil", den Peak auf 2005. Der Investmentbanker und Ex-Energieberater von George W. Bush Matthew Simmons will sich nicht auf ein Datum festlegen, sagt aber, die Förderspitze sei "wahrscheinlich nahe".

Für Chris Skrebrowski, Herausgeber der Petroleum Review, liegt er bei 2008 plus/minus zwei Jahre. Die Chinesen taxieren ihn auf 2012. Daniel Yergin vom Beratungsunternehmen Cambridge Energy Research Associates sagt, dass er noch vor 2020 erreicht werden würde.

Die genaue Jahreszahl ist letztlich nicht entscheidend. Viel bedeutender ist die Erkenntnis, dass wir auf diesen Punkt sehenden Auges zusteuern. Aber was bedeutet das? Thomas Seifert und Klaus Werner machen sich in ihrem "Schwarzbuch Öl" darüber Gedanken: "Peak Oil bedeutet, dass wir die Halbzeit des Ölzeitalters erreicht haben. In der ersten Hälfte war Öl billig und ausreichend vorhanden. Nun wird es knapp. Die Preise werden explodieren. Der Ölpeak ist ein unglaublicher Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit."

Die Kassandra-Rufe werden inzwischen auch im US-Kongress gehört. Der Republikaner Roscoe Bartlett hat dort einen Peak-Oil-Arbeitskreis formiert. "Die Welt stand noch nie einem solchen Problem gegenüber", sagt der besorgte Abgeordnete aus Maryland in der "International Herald Tribune".

So dramatisch sehen es natürlich die Gegner der Peak-Theorie nicht. Sie haben ihre eigene Theorie - oder ist es nur ein unerschütterlicher Glaube an das, was nicht sein darf, das schleichende Ende des Ölzeitalters?

Die Optimisten verweisen auf die Kassandra-Rufer, die es auch schon früher gegeben habe und die bislang nie Recht behalten hätten. Ihre These lautet: Es schlummert noch viel Öl, allerdings in relativ unwirtlichen Lagerstätten, entweder tief in der Erde oder in arktischen Gebieten. Doch je teurer das Öl werde, desto mehr würden sich auch diese aufwändigen Explorationen lohnen.

Zudem verweisen sie gerne auf die so genannten Ölsande. Sie liegen vor allem in Kanada. Das Öl sprudelt dort allerdings nicht in flüssiger Form an die Oberfläche, sondern ruht als sandiger Teer im Boden. Seine Exploration ist um ein Vielfaches teurer als die "normale" Ölgewinnung.

Aber selbst die Ölindustrie glaubt offenbar nicht mehr so recht an die Öl-wird-es-noch-lange-geben-Theorie. Für Chevron-Chef David O'Reilly ist die "Ära des easy oil vorüber". Und BP, was eigentlich für British Petroleum steht, benutzt seine Initialen werbemäßig seit ein paar Jahren schon für Beyond Petroleum, also die Zeit nach dem Öl.

Der Kampf um Rohstoffe

Der Kampf um Energie - und andere Rohstoffe

Wenn ein Gut wie das Öl knapp wird, aber auf eine zunehmende Nachfrage stößt, steigen die Preise. Wenn aber ein Gut so knapp wird, dass es selbst zu horrenden Preisen nicht mehr zu bekommen ist, was dann?

Ein neues unerfreuliches Wort wabert durch die politischen Diskussionen: Ressourcenkriege. Der US-Wissenschaftler Michael T. Klare hat den Begriff in seinem 2001 erschienenen Buch "Resource Wars" geprägt. Er besagt nichts anderes, als dass der Welt demnächst militärische Konflikte um knapper und teurer werdende Rohstoffe drohen werden. Zukünftig würden - so Klare - Kriege um jene Rohstoffe geführt werden, die "für das Funktionieren moderner Industriegesellschaften" notwendig seien.

Fast in jedem Produkt, das wir benutzen, steckt irgendein Rohstoff. Und deren Nachfrage steigt und steigt, weil sich mit China und Indien zwei gigantische Völker auf den Weg zur Industrialisierung begeben. Sie bauen Brücken, Fabriken, Flughäfen, Häuser, Straßen. All das fordert enormen Rohstoffeinsatz. Leigh Clifford, Chef des australischen Rohstoff-Giganten Rio Tinto , prophezeit: "Wir glauben, dass sie (die Nachfrage aus China) noch lange stark bleiben wird."

Das wird die Preise vieler Rohstoffe weiter nach oben treiben. Dabei wurden schon seit 1999 Edelmetalle (Gold , Silber , Platin) um 125 Prozent, Industriemetalle (Aluminium, Kupfer, Nickel, Zink) um 230 Prozent sowie Öl und Gas um 430 Prozent teurer.

Früher waren die Rohstoffmärkte immer zyklisch, das heißt, es gab enorme Preisschwankungen nach unten wie nach oben. Doch in Zukunft werden die Preise sich nur in eine Richtung bewegen - nach oben. Deutsch-Banker und Anlage-Experte Klaus Martini prophezeit: "Längerfristig müssen wir die Knappheit der Ressourcen ernster nehmen. Es wird diese Grundstoffe nicht mehr zu den heutigen Preisen geben, und das wird den Wohlstand in den entwickelten Ländern beeinflussen."

Enormer Nachholbedarf Chinas

Der teuerste Rohstoff ist das Öl, das Schmiermittel aller Volkswirtschaften. Ohne das schwarze Gold läuft gar nichts. "90 Prozent unserer Transportmittel werden mit Öl angetrieben", schreibt Jeremy Leggett in seinem Buch "Peak Oil", "95 Prozent der Waren in den Geschäften sind unter Einsatz von Öl hergestellt worden."

Doch gerade bei diesem überlebenswichtigen Rohstoff haben wir die fatale Situation, dass sein Angebot - wie eben dargestellt - zurückgeht. Gleichzeitig steigt weltweit die Nachfrage, in den etablierten Industrieländern, aber vor allem in den Newcomer-Staaten China und Indien.

China, bis 1993 Selbstversorger bei Öl, muss immer mehr Öl importieren. 2005 verbrauchte China täglich 6,6 Millionen Barrel Rohöl, 2020 sollen es schon über 13 Millionen Barrel sein. Davon müssen 60 bis 80 Prozent importiert werden.

China hat noch enormen Nachholbedarf beim Ölkonsum. Bislang verbraucht ein Chinese im Schnitt 1,7 Barrel pro Jahr, während ein US-Amerikaner 26 Barrel verschwendet. Nicht auszudenken, wenn die 1,3 Milliarden Chinesen auf US-Niveau kämen - von einer Milliarde Inder erst gar nicht zu reden.

Und auch die USA, mit Abstand weltgrößter Ölkonsument, verbrauchen munter immer mehr Öl und sind deshalb immer mehr auf Importe angewiesen. Laut "Cheney Report" wird der Anteil der Ölimporte am Gesamtverbrauch von 52 Prozent im Jahre 2001 auf 66 Prozent im Jahr 2020 steigen. Damit lägen die Ölimporte der USA im Jahr 2020 um 60 Prozent höher als 2001.

Chinas Durst und Hunger: Importnachfragen nach Rohstoffen*

Rohstoff Derzeit 2020
Eisenerz 148 710
Öl 91 1860
Soja 26 50
Kohle 11 810
Kupfer 3 20
Mangan 3 13
Fleisch 0,3 4
Holz 34 150
* in Millionen Tonnen
(bei Holz Kubikmeter)
Quelle: Deutsche Bank Research:

Dazu kommen als weitere große Ölschlucker das ressourcenarme Japan, das zu 99 (!) Prozent von Energieimporten abhängig ist, und die EU-Staaten, die derzeit "nur" rund 50, aber künftig wohl 70 Prozent ihrer Energie importieren müssen.

Bei all den großen Verbraucherländern steigen also die Ölimporte in den nächsten Jahren mehr oder weniger deutlich. Das wird die globale Ölwirtschaft gravierend verändern.

"Globale Öl-Schutztruppe"

Es wird nicht mehr - wie einst in den Zeiten der ersten, zweiten und dritten Ölkrise - Auseinandersetzungen zwischen den Förder- und den Verbraucherländern geben. Zukünftig werden die Verteilungskämpfe zwischen den großen ölkonsumierenden Nationen stattfinden. USA, EU, Japan, China und Indien werden um die immer weniger werdenden Ölreserven kämpfen - mit allen Mitteln. Also auch mit militärischen?

Es scheint so, dass die USA auf diesen Kampf am besten vorbereitet sind. Denn bereits jetzt wandele sich die US-Armee zu einer Art "globaler Öl-Schutztruppe", sagt Michael Klare. Aber auch die so friedfertigen Europäer denken in solchen Kategorien. Siehe das "European Defence Paper" (EDP). Es wurde im Jahre 2004 vom Institut für Sicherheitsstudien in Paris für den EU-Ministerrat erstellt. Darin werde "detailliert ausgeführt, welche militärischen Fähigkeiten und Kapazitäten die EU benötigt, um bis zum Jahr 2010 in der Lage zu sein, allein oder gemeinsam mit den USA Kriege zur Sicherung der eigenen Rohstoffinteressen zu führen", schreibt Andreas Zumach in seinem Buch "Die kommenden Kriege". Der freie Fluss von Rohstoffen wird im EDP als ein vitales Interesse der EU definiert. Die Europäer bekennen sich darin zum ersten Mal zu militärischen Interventionen, um ihre Energieversorgung zu sichern.

Der wichtigste Gegner könnte China werden. So sehen es viele verantwortliche Amerikaner in Washington. Der National Intelligence Council (NIC) sagt voraus, dass "Chinas (und Indiens) Appetit auf Energie zu einem wichtigen Faktor in deren Außen- und Verteidigungspolitik wird". Sie bauten deshalb ihre Seestreitkräfte aus. Vor allem China werde eine aktivere Rolle in der Welt spielen - vor allem dort, wo Öl und Gas vorhanden sind, nämlich im Nahen Osten, in Lateinamerika und Eurasien.

In Peking registriert man aufmerksam die amerikanische Paranoia vor einem energiehungrigen und deshalb zu allem fähigen China. Dort hat man seinerseits Angst vor den Amerikanern. Die Chinesen fürchten, dass ihnen die USA die Ölzufuhr abschneiden könnten, was relativ einfach ist. Denn fast alle Ölimporte der Chinesen kommen per Schiff durch das Nadelöhr in Südostasien, die Straße von Malakka in der Nähe von Singapur. Eine solche Attacke wäre für die chinesische Führung ein Albtraum. Vor allem deshalb rüstet sie ihre Marine auf.

"Will China Go to War Over Oil?", fragen die beiden chinesischen Wissenschaftler Wu Lei und Shen Qinyu in einem Artikel der "Far Eastern Economic Review". Ihre Antwort: Ja, aber nur, wenn ihnen die USA die Ölzufuhr abschneiden sollten. Ansonsten würden keine Konflikte drohen. Denn: "In Wirklichkeit stehen die USA und China bei vielen Energiefragen nicht in direktem Wettbewerb."

Das mag derzeit noch stimmen. Denn noch bezieht China sein Öl aus Ländern, wo die Amerikaner nicht oder kaum vertreten sind - und umgekehrt. Das wird sich jedoch mit steigendem Energiebedarf beider Giganten garantiert ändern.

Und dann sind Konflikte vorprogrammiert.

Felder der Ressourcenkriege

Die Schlachtfelder der Ressourcenkriege

Früher, zu Zeiten des Kalten Krieges, verliefen die Konfliktlinien eindeutig. Die potenziellen Krisenherde waren dort, wo Kommunismus und Kapitalismus sich unmittelbar gegenüberstanden.

Zum Beispiel am Eisernen Vorhang, der West- und Osteuropa trennte. Oder am 38. Breitengrad, der Nord- und Südkorea nach wie vor spaltet.

Heute, in Zeiten potenzieller Rohstoffkonflikte, sind die Gefahrenschauplätze ganz andere. Und sie sind viel zahlreicher als die einst überschaubare Zahl ost-westlicher Krisenherde.

Michael Klare hat unter diesen Aspekten die Erde neu vermessen. Er gab jedem wichtigen Rohstoff einen farbigen Punkt: schwarz für Öl und Gas, blau für Wasser, weiß für Edelmetalle, grün für Holz sowie rot für Eisenerz und Kupfer. Dann klebte er die Punkte dort auf den Globus, wo diese Rohstoffe in größerem Volumen vorkommen.

Heraus kam - so der Untertitel von Klares Buch - "The New Geography of Conflict". Danach war die größte Konzentration der bunten Punkte in einem breiten Band entlang des Äquators zu beobachten. Dazu zählen die nördliche Hälfte Südamerikas (einschließlich des Amazonas-Gebiets), Zentralafrika, der Persische Golf, Süd- und Südostasien.

Klares Schlussfolgerung: "Die heftigsten Kämpfe (um Rohstoffe) könnten innerhalb dieser Zone stattfinden." Alle Gebiete liegen in der so genannten Dritten Welt.

Für am wahrscheinlichsten hält Klare Konflikte in Afrika, besonders in der Sub-Sahara, also südlich der riesigen Wüste. Afrika habe - so Klare - vier sehr wichtige Rohstoffe: Tropenhölzer, Mineralien, Edelmetalle - und natürlich Öl. Südlich der Sahara liegen die größten Ölländer des schwarzen Kontinents: Nigeria, Angola, Sudan, Äquatorialguinea und Gabun.

Insbesondere der Sudan könnte zu einem Zankapfel werden. In keinem anderen afrikanischen Land prallen westliche und chinesische Interessen so extrem aufeinander. Für China ist der Sudan inzwischen ein ganz wichtiger Öllieferant. Für den Westen ist die Regierung in Khartum ein völkermordendes Regime, das zu ächten und zu bekämpfen ist. Man kann sich schon fragen, ob der Sudan auf so großes westliches Interesse und Mitgefühl stoßen würde, wenn es dort nicht so viel Öl gäbe.

Gefährliche Gemengelage

Doch Afrika ist nur ein Schauplatz potenzieller Konflikte. "Auseinandersetzungen um den Zugang zu Energiequellen könnten auch in anderen Ecken der Welt ausbrechen", sagt Klare, "zum Beispiel um das Kaspische Meer und im Südchinesischen Meer."

Im Südchinesischen Meer liegen die so genannten Spratly-Inseln. Sie sind eines der begehrtesten, aber auch umstrittensten Gebiete in Südostasien. In dem Gebiet der mehr als hundert Inseln, Riffe und Sandbänke werden nämlich Öl, Gas und andere Rohstoffe vermutet. Die Spratlys könnten zu einem zweiten Persischen Golf werden, schwärmten bereits die Strategen in Peking. Das macht die unwirtlichen Inseln so attraktiv, aber auch umkämpft. Alle Anrainerstaaten - von Taiwan im Norden bis Malaysia im Süden - haben deshalb bereits ihre Ansprüche auf die bizarre Inselwelt angemeldet. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben fast alle diese Nationen einige Inseln bereits besetzt und dort Militärstützpunkte errichtet.

Weiter nördlich im Ostchinesischen Meer drohen auch Konflikte. Die beiden energiehungrigen Giganten China und Japan liefern sich dort regelmäßig kleine Scharmützel um die Gasvorkommen, die auf hoher See zwischen ihnen vermutet werden. Die Konflikte in Fernost sind vorerst regionaler Natur. Sie könnten auch in Zukunft begrenzbar bleiben, weil sich niemand außerhalb Asiens mit China in dessen Hinterhof anlegen will.

Doch zwei andere rohstoffreiche Regionen haben das Potenzial zur (globalen?) Eskalation - der alte Krisenherd Persischer Golf und das relativ neue Pulverfass Zentralasien. Was die Lage in beiden Regionen so explosiv macht, hat mehrere Ursachen: Dort lagern gigantische Gas- und Ölreserven. Dort haben alle Großmächte ihre Interessen artikuliert. Und dort vermischen sich religiöse und terroristische Motive zu einer höchst gefährlichen Gemengelage.

Ist der amerikanische War on Terror nicht schon längst ein War for Oil? War der Afghanistan-Feldzug für die USA nicht ein willkommener Anlass, um sich in einigen benachbarten zentralasiatischen Republiken festzusetzen? War der Feldzug im Irak womöglich ein vorgeschobenes Argument, um an die irakischen Ölfelder zu gelangen? Und droht jetzt die Wiederholung des gleichen gefährlichen Spielchens mit dem Iran, in dessen Boden riesige Gasvorkommen liegen?

Schon 1989 prophezeite der amerikanische Energie- und Verteidigungsminister James Schlesinger in einer Rede vor der 14. Weltenergiekonferenz düster: "Ein dritter Weltkrieg, sollte er stattfinden, wird wahrscheinlich um die Ölquellen in der Golfregion geführt werden."

Neue Multis: Die Angreifer im Überblick

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