Müllers Welt Neid ist gut!

Wir sind eine ungerechte Gesellschaft. Das denkt die Mehrheit der Bundesbürger. Und wie zur Bestätigung spitzt sich die Schieflage bei der Verteilung der Einkommen weiter zu, gerade im Aufschwung. Alarmierende Befunde: Der Marktwirtschaft wird ihre Geschäftsgrundlage entzogen. Diskutieren Sie mit!

Reden Sie mal mit einem deutschen Manager über Neid. 90 Prozent werden Ihnen sagen: Schrecklich, diese deutsche Neidgesellschaft. So gleichmacherisch. Wer etwas leistet, der wird nicht geachtet, sondern mit Missgunst bestraft. Und wer besonders effektiv den Shareholder Value steigert, der wird sogar vor Gericht gezerrt (wir erinnern uns an die Einlassungen von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann beim ersten Mannesmann-Prozess).

Weinerliche Klagen. Ich habe dazu zwei Anmerkungen: Erstens müssen es Eliten aushalten, beneidet zu werden. Zweitens ist die zunehmend schiefe Einkommensverteilung in Deutschland bedenklich, weil sie den naturgegebenen Neid in destruktive Bahnen lenkt, statt ihn produktiv zu nutzen.

Der Reihe nach.

Eliten müssen sich in demokratischen Gesellschaften für ihre herausgehobene Position rechtfertigen. Das ist übrigens überall im Westen so. Wir glauben an die Prinzipien der Französischen Revolution ("Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"). Wir sind keine Ständegesellschaft, sondern unserem Selbstverständnis nach eine Meritokratie, in der man wegen seiner eigenen Leistungen nach oben kommen sollte, nicht wegen seiner Herkunft oder seiner Beziehungen.

Wer sich in der sozialen Spitzengruppe tummelt, von dem wird erwartet, dass er diese Gesellschaft voranbringt. Anders gewendet: Jene Eliten, die sich zu Unrecht beneidet fühlen, haben es offenkundig nicht geschafft, andere vom Segen ihres Tuns zu überzeugen.

Im Übrigen liegt das wirkliche Problem in Deutschland nicht in unserem angeblich so neidischen Nationalcharakter. Vielmehr, und das ist viel schlimmer, hat die Mehrheit der Bürger den Glauben an die Meritokratie verloren. Eine Haltung, die wirtschaftliche Probleme bringen wird, weil sie die Leistungsanreize schmälert.

Befunde: Im aktuellen Heft des manager magazins haben mein Kollege Christian Rickens und ich uns mit der "großen Kluft" befasst, jener zunehmenden Distanz zwischen einer privilegierten Minderheit und einer zunehmend frustrierten Mehrheit.

Ernste Probleme

Dieser Gegensatz spitzt sich im Aufschwung zu: Die Ungleichheit steigt jetzt noch rascher (Spitzengehälter legen rapide zu, siehe Pay-Performance-Analyse der Topmanagergehälter in manager magazin 7/07); die Realeinkommensverluste, die die Mittelschichten in den vergangenen Jahren erlebt haben, werden auch jetzt nicht ausgeglichen.

Alarmierend ist vor allem dies: Nur noch ein Drittel der Westdeutschen hält Umfragen zufolge die bestehenden Einkommensunterschiede für gerecht. 1980 waren es immerhin noch mehr als die Hälfte.

Es ist keineswegs so, dass eine Missgunstseuche über uns gekommen wäre. Wenn man die Bundesbürger nämlich fragt, was denn gesellschaftliche Ungleichheit rechtfertige, dann stehen sie ganz auf dem Boden der meritokratischen Tradition: Annähernd 100 Prozent sind der Meinung, dass Bildung, Leistung und Intelligenz zu herausgehobenen Positionen berechtigten. Hingegen lehnt eine sehr große Mehrheit soziale Unterschiede ab, die aus Herkunft, Erbschaft und Seilschaft resultieren.

Ich verstehe diese Ergebnisse so: Die Deutschen finden die herrschenden Unterschiede zunehmend ungerecht, weil sie nicht mehr das Gefühl haben, die soziale Hierarchie sei die Folge individueller Leistung. Die Elite, so der verbreitete Eindruck, rekrutiere sich nach anderen Prinzipien - eben Herkunft, Erbschaft, Seilschaft. Offenkundig erleben viele Bürger die Bundesrepublik als eine zunehmend geschlossene Klassengesellschaft.

Und das ist ein ernstes Problem. Denn wer nicht mehr glaubt, dass er nach oben kommen kann, der fährt rationalerweise seine Anstrengungen zurück. Wenn Leistung und Bildung sich anscheinend nicht mehr lohnen, warum soll man sich dann anstrengen?

Die produktive Kraft, die dem Neid innewohnt, weil sie die Menschen zum ständigen Gleichziehen mit anderen anstachelt, schlägt ins Destruktive um.

Gezähmte Triebe

In einer frustrierten Meritokratie, wie es die Bundesrepublik seit einigen Jahren ist, zeigt der naturgegebene Neid, dieser Urtrieb des Menschen, seine negative Seite. Der Vergleich mit denen, die mehr haben, führt nicht mehr zur Steigerung des individuellen Leistungswillens, sondern zu bloßer Missgunst.

Kurz: Statt sich anzustrengen, wählt man Oskar Lafontaine.

Neid ist gut! Man muss ihn nur zu nutzen wissen. Die Spielregeln - in der Gesellschaft insgesamt, in jedem einzelnen Unternehmen - müssen so gestrickt sein, dass das naturgegebene menschliche Rattenrennen in produktiven Bahnen verläuft.

Grundvorsetzungen dafür sind Durchlässigkeit und Transparenz. Jeder muss das Gefühl haben, seinen Rang in der Hierarchie verbessern zu können (dazu bedarf es gerade auch Bildungs- und Weiterbildungsangeboten). Und jeder muss offenlegen, welche Leistungen ihn zu seiner jeweiligen Position berechtigen.

Ein Gedanke zum Schluss: Ich verstehe die menschliche Kulturgeschichte als eine allmähliche Zähmung unserer Triebe. Eruptive, destruktive Energien werden zu "gemäßigten Leidenschaften" (Thomas Hobbes) gebändigt - durch Bildung, Erziehung, einen zivilisierten gesellschaftlichen Rahmen.

Statt Kriege zu führen, statt zu morden und zu rauben, leben wir unsere wilde Natur auf Märkten aus: Aus Wollust wird Kreativität, aus Angst werden Versicherungen, aus Gier wird Konsum. Und aus Neid wird endloses Wirtschaftswachstum.

Zivilisation schafft Wohlstand - ich wünsche mir, dass das so bleibt.

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