Vattenfall Rüffel aus der Zentrale

Der schwedische Energiekonzern Vattenfall will Konsequenzen aus den Pannen in seinen deutschen Atomkraftwerken ziehen. Vorstandschef Lars Göran Josefsson bedachte die deutsche Tochter mit heftiger Kritik. Er schloss nicht aus, Manager zu entlassen.

Berlin/Kiel - In der heftigen Debatte um die Zwischenfälle im Atomkraftwerk Krümmel tritt Betreiber Vattenfall die Flucht nach vorn an und schließt personelle Konsequenzen für deutsche Manager nicht mehr aus. Der Energiekonzern veröffentlichte im Internet einen umfangreichen Bericht zur Pannenserie im Meiler östlich von Hamburg und räumte unter anderem Kommunikationsprobleme beim Personal ein. Am Montag werden die zuständigen Mitarbeiter des AKW Krümmel in Kiel zu einem Gespräch mit den Aufsichtsbehörden von Bund und Land erwartet.

Der Chef des schwedischen Mutterkonzerns, Lars Göran Josefsson, tadelte heftig das Krisenmanagement der Deutschland-Tochter. Aus der Pannenserie und dem Umgang damit sei eine "Frage des Vertrauens zu Vattenfall" entstanden, sagte Josefsson der "Berliner Zeitung" (Montagausgabe). "Wir waren unfähig, richtig zu kommunizieren." Es habe sich so "eine äußerst unglückliche Situation in Deutschland" entwickelt.

Josefsson schloss personelle Konsequenzen wie eine Entlassung des Kernkraftwerksspartenchefs Bruno Thomauske nicht aus. "Für solche Entscheidungen ist es aber noch zu früh." Die Zentrale von Vattenfall in Deutschland wollte eine entsprechende Meldung des "Tagesspiegels am Sonntag" nicht kommentieren. Auf die Frage, ob er das Krisenmanagement selbst in die Hand genommen habe, sagte Josefsson: "Ich bekomme tägliche Zwischenberichte und verfolge den Fall persönlich."

Josefsson ist der Vorstandsvorsitzende des schwedischen Staatskonzerns Vattenfall AB, dessen deutsche Tochter Vattenfall Europe  die Kernkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel betreibt. Nach einer Notabschaltung beider Kraftwerke Ende Juni hatte Vattenfall zunächst verschwiegen, wie schwerwiegend die Störfälle tatsächlich waren und war deswegen heftig in die Kritik geraten.

Ein Ausstieg aus Krümmel steht für Vattenfall nach eigenen Angaben nicht zur Debatte. Konzernsprecher Johannes Altmeppen sagte zu einem entsprechenden SPIEGEL-Bericht, man sei wegen der gemeinsam betriebenen Atommeiler in Brunsbüttel und Krümmel ständig im Gespräch mit Eon . "Eine Übertragung unserer Kernkraftwerks-Anteile steht nicht auf der Tagesordnung."

Das Magazin hatte berichtet, Vattenfall und Eon führten erste Verhandlungen über eine Übertragung der Krümmel-Lizenz auf den Mitbetreiber Eon. Auch Eon dementierte den Bericht und kritisierte zugleich Vattenfall. "Die Vorfälle der letzten Wochen sind für die Kernkraft und die aktuelle Diskussion alles andere als dienlich", sagte Eon-Sprecher Jens Schreiber.

"Blamables Krisenmanagement"

"Blamables Krisenmanagement"

Vattenfall hatte die 250 Seiten zum Ablauf der Pannen am späten Freitagabend ins Netz gestellt. Auslöser der Kette war ein Trafo- Brand, der einen Stromausfall und automatische Schnellabschaltung zur Folge hatte. Der Bericht erwähnt ein Missverständnis zwischen dem Schichtleiter und dem Reaktorfahrer. Es geht um Ventile, die nach dem Ausfall einer Wasserpumpe den wachsenden Druck im Behälter senken sollten. Der Reaktorfahrer habe zwei Ventile geöffnet und minutenlang offen gelassen, statt sie abwechselnd zu öffnen und zu schließen, wie dies der Schichtleiter wollte. "Dies wurde von dem Reaktorfahrer so nicht verstanden." Ob es eine direkte und klare Anweisung gab, wird nicht explizit erwähnt. Der Druck sei in kurzer Zeit stark abgesackt.

Greenpeace sprach bei einer ersten Bewertung der Schilderungen an die Atomaufsicht von "einer Verkettung von menschlichen und technischen Fehlern" und forderte am Sonntag erneut die endgültige Stilllegung Krümmels. Auch zahlreiche Spitzenpolitiker erhoben heftige Vorwürfe.

SPD-Chef Kurt Beck sieht das Vertrauen in den Vattenfall-Konzern schwer erschüttert. "Wir fühlen uns in unserer Position bestätigt: Eine Verlängerung der Laufzeit der Atomkraftwerke ist nicht verantwortbar", sagte Beck am Samstag am Rande des Landesparteitags der bayerischen SPD in Würzburg. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Die Firma hat hier die Sensibilität eines Bulldozers an den Tag gelegt." FDP-Generalsekretär Dirk Niebel kritisierte in der "Berliner Zeitung": "Das blamable Krisenmanagement des Vattenfall-Konzerns macht mich sprachlos." Er forderte indirekt den Rücktritt von Konzern-Verantwortlichen.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte die Energiekonzerne auf, alte Atomkraftwerke schneller abzuschalten und ihre Restlaufzeiten auf neue Meiler zu übertragen. Wenn alte Atommeiler abgeschaltet würden und jüngere dafür länger liefen, sinke das Risiko und steige die nukleare Sicherheit, sagte Gabriel der "Sächsischen Zeitung".

manager-magazin.de mit Material von dpa und ddp