Kritik an Vattenfall "Sensibilität eines Bulldozers"

Die Pannen im Kernkraftwerk Krümmel bringen den schwedischen Energiekonzern Vattenfall in Bedrängnis. Selbst die FDP fordert, den Meiler stillzulegen. Die Branche ist wütend über das Kommunikationsdesaster. Laut einem SPIEGEL-Bericht erwägt Vattenfall schon den Rückzug.

Kiel - Gut zwei Wochen nach den Pannen im Atomkraftwerk Krümmel hat der Betreiber Vattenfall  Kommunikationsprobleme beim Kraftwerkspersonal eingeräumt. Ein am späten Freitagabend veröffentlichter Zwischenbericht für die Atomaufsicht erwähnt ein Missverständnis zwischen dem Schichtleiter und dem Reaktorfahrer.

Es geht um das Bedienen der Ventile, die den wachsenden Druck im Reaktorbehälter senken sollten. Der Reaktorfahrer habe zwei Ventile geöffnet und minutenlang offen gelassen, statt sie abwechselnd zu öffnen und zu schließen, wie dies der Schichtleiter gewollt habe. Dadurch sei der Druck in kurzer Zeit stark abgesackt.

Nach Informationen des SPIEGEL überlegt Vattenfall, die Betreiberlizenz für die Kernkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel abzugeben. In der vergangenen Woche habe es bereits erste Gespräche darüber gegeben, die Lizenz auf Konkurrent und Mitbetreiber Eon  zu übertragen, heißt es in einem Vorabbericht. Der Düsseldorfer Energiekonzern genieße eine höhere Reputation als Betreiber von Kernreaktoren. In Düsseldorf wolle man aber vor einer Entscheidung die Aufarbeitung der Vorgänge in Krümmel abwarten.

Vattenfall-Konzernsprecher Johannes Altmeppen sagte dazu, man sei wegen der gemeinsam betriebenen Atommeiler in Brunsbüttel und Krümmel ständig im Gespräch mit eon. "Eine Übertragung unserer Kernkraftwerks-Anteile steht nicht auf der Tagesordnung." Ein Eon-Sprecher wollte zum SPIEGEL-Bericht keine Stellung nehmen.

Am 28. Juni war der Meiler Krümmel bei Hamburg vom Netz gegangen und steht seither still. Am Freitag hatten sich Polizisten mit einem Durchsuchungsbeschluss Zutritt zu Leitstand und Büros der Anlage verschafft. Die Ermittler befragten den Reaktorfahrer des Unglückstags. Dabei ging es um Rauchverletzungen, die der Mann erlitten haben könnte. Laut Vattenfall war er nicht verletzt worden. Der Betreiber hatte die Herausgabe der Personalien zuvor noch mit einem Verweis auf den Schutz der Person verweigert.

Die Kritik an Vattenfalls Informationspolitik reißt nicht ab. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen warf dem Energiekonzern schweres Fehlverhalten vor. "Die Firma hat hier die Sensibilität eines Bulldozers an den Tag gelegt", sagte der CDU-Politiker in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

"Blamables Krisenmanagement"

"Blamables Krisenmanagement"

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel sagte der "Berliner Zeitung" (Samstag): "Das blamable Krisenmanagement des Vattenfall-Konzerns macht mich sprachlos." Er forderte indirekt den Rücktritt von Konzern-Verantwortlichen. Außerdem sprach sich Niebel dafür aus, den Reaktor stillzulegen. "Wir haben immer gesagt: Unsichere Kraftwerke gehören abgeschaltet", sagte er.

Das Krisenmanagement von Vattenfall hat laut einem Zeitungsbericht bei den Atomstrom-Lieferanten Eon und RWE  große Verärgerung ausgelöst. Das berichtet die "Berliner Zeitung" unter Berufung auf Unternehmenskreise. Eon - Miteigentümer der Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel - fühle sich von Vattenfall ebenso schlecht informiert wie die Behörden. Angesichts der Debatte über die Atom- Sicherheit gebe man der beantragten Laufzeit-Verlängerung für die Meiler Biblis A, Brunsbüttel und Neckarwestheim 1 kaum noch Chancen. "Natürlich wird das jetzt von dem einen oder anderen genutzt, um die Kernenergie zu diskreditieren", sagte eine RWE-Sprecherin zu SPIEGEL ONLINE.

Vattenfall dokumentiert im Zwischenbericht das Geschehen vom Kurzschluss in einem Trafo bis zur Aufarbeitung der Zwischenfälle. Wegen des Ausfalls der Eigenstromversorgung schaltete sich der Reaktor ab. Eine der Wasserpumpen fiel aus. Den Schilderungen zufolge fiel der Pegel im Reaktor-Druckbehälter innerhalb von zehn Minuten deutlich. Dieses Wasser kühlt unter anderem die Brennstäbe. Der Pegel stand zwischenzeitlich bei weniger als 12 Metern und musste wieder auf etwa knapp 14 Meter angehoben werden. Die langfristige Versorgung sei aber gesichert gewesen.

Unterdessen sei der Druck im Behälter merklich angestiegen. Ventile wurden geöffnet, erst automatisch, dann von Hand. Dieses Öffnen führte zu einem Druckabfall im Reaktorbehälter um über zwei Drittel von 65 Bar auf 20 Bar.

manager-magazin.de mit Material von dpa