Asien-Krise Als die Tiger stürzten

Vor zehn Jahren brach die Wirtschaft mehrerer ostasiatischer Länder zusammen. Die betroffenen Länder haben sich bis heute nicht völlig erholt. Ökonomen rätseln noch über die Gründe. An den Finanzmärkten geht die Angst vor einer Wiederholung um.

Hamburg - Nicht jedes Jubiläum ist ein Grund zum Feiern. Vor zehn Jahren begann in Thailand die Asien-Krise, der größte wirtschaftliche Zusammenbruch der jüngeren Zeit.

Nach massiver Kapitalflucht internationaler Investoren sah sich die thailändische Regierung am 2. Juli 1997 gezwungen, den Wechselkurs der Landeswährung Baht, die bis dahin fest an den Dollar gebunden war, freizugeben. Es folgte eine deutliche Abwertung, woraufhin etliche Banken und Unternehmen ihre Schulden in Dollar nicht mehr bedienen konnten. Firmen bis hin zu großen Konzernen gingen in Konkurs, Sparer verloren ihr Vermögen.

Die Krise erwies sich als ansteckend: Das Muster wiederholte sich in anderen asiatischen Ländern, die eben noch als Globalisierungswunder gegolten hatten. Philippinen, Malaysia, Südkorea, Indonesien - die Tigerstaaten fielen im Laufe weniger Monate um wie Dominosteine.

Die OECD diskutierte gar, das gerade erst in den Club der Reichen aufgenommene Südkorea umgehend wieder formell auszuschließen. In Dollar umgerechnet, fiel das südkoreanische Bruttoinlandsprodukt 1998 um 41 Prozent. Die Leistung der indonesischen Wirtschaft ging sogar um 60 Prozent zurück. Bruttoinlandsprodukt und Aktienmarkt der am schwersten betroffenen Länder haben bis heute noch nicht wieder das Niveau der Zeit vor der Krise erreicht.

Dass die Börsen von Bangkok, Seoul und Singapur zusammenbrachen, gehörte noch zu den geringsten Folgen. Massenarmut breitete sich in den - ohnehin nicht vom Wohlstand verwöhnten - Ländern aus. Indonesien verabschiedete sich unter blutigen Krawallen mit Tausenden Toten von der Suharto-Diktatur.

Die Kettenreaktion reichte weit über den Kontinent hinaus: Der Ölpreis brach ein und riss die russische Wirtschaft ebenso wie mehrere osteuropäische Länder mit sich. Lateinamerika litt darunter, dass Anleger bei Investments in Schwellenländern generell vorsichtig wurden. In all diesen Ländern war die vom Internationalen Währungsfonds (IWF) empfohlene Strategie, Handel und Kapitalverkehr freizugeben und gleichzeitig die Währung zu stabilisieren, nicht mehr zu halten.

Immerhin blieb die von manchen erwartete Weltwirtschaftskrise aus. Die Industrieländer mussten nur einen kurzfristigen Rückgang der Wachstumsraten und einen Mini-Crash an der Wall Street verkraften.

Opfer des Herdentriebs

Opfer des Herdentriebs

Für die internationale Finanzwelt ist das Jubiläum dennoch ein Anlass zum Gedenken. Könnte sich Derartiges wiederholen? Schließlich sind Kapitaleigner auch heute wieder auf attraktive Anlagemöglichkeiten in Schwellenländern aus. Das damit verbundene Risiko bleibt jedoch schwer kalkulierbar. Der IWF hat sich an Prognosemodellen für Währungskrisen versucht, musste aber gestehen, dass "die Vorhersagekraft selbst der besten dieser Modelle begrenzt ist", so die IWF-Forscher Andrew Berg und Catherine Pattillo.

Die Ratingagentur Moody's hat anlässlich des Jubiläums den Stand der ökonomischen Forschung in einer Studie mit dem ehrlichen Titel "Was wir wissen, was wir glauben zu wissen, und was wir nicht wissen" zusammengefasst. Immerhin bekennen sich die Autoren Pierre Cailleteau und Aurélien Mali klar zu einer Hauptursache der Krise: dem "Liquiditätsrisiko", dass ausländische Kapitalgeber plötzlich den Finanzstrom in ein Schwellenland stoppen.

Demnach sind die asiatischen Volkswirtschaften Opfer eines schlecht funktionierenden globalen Finanzsystems geworden - wenn auch nicht einer gezielten Verschwörung, wie der damalige malaysische Premier Mahathir Mohamad nicht müde wurde, zu behaupten. Denn das Liquiditätsrisiko entsprang einem Herdenverhalten von Investoren, die zuvor massenhaft auf die Ertragschancen in den Tigerstaaten wetteten und auch unprofitable Unternehmen mit Krediten überschwemmten. Die Folgen davon wiegen laut Moody's schwerer als die "Einkaufsliste" hausgemachter Faktoren, wie schlechter Regierung, fehlender Transparenz oder mangelnder Überwachung der Banken.

Doch jenseits dieser Diagnose ist nicht mehr so viel klar, vor allem nicht, ob, wann, wie und wo sich so eine Krise wiederholen könnte - und wie man sie lösen könnte. Gerade die Dynamik der Ansteckung anderer Länder sei nicht genau vorherzusagen. "Die Gefahr kann von unverdächtigen Quellen kommen", schreiben die Experten.

Als die Börse in Bangkok im vergangenen Dezember einbrach, horchten die Akteure an den weltweiten Finanzmärkten auf - allein schon wegen der Adresse. Diesmal wurde der Ursprungsort der Asien-Krise allerdings unter umgekehrten Vorzeichen erschüttert: Die Notenbank der Militärregierung hatte die Kapitalkontrollen verschärft, aus Angst, dass zu viel ins Land strömendes Kapital den Baht verteuern und thailändische Exporte behindern könnte.

Zu viel Offenheit schadet

Zu viel Offenheit schadet

Die Regierungen der Region haben ihre eigenen Lehren aus der Asien-Krise gezogen. Schließlich hat der Ansteckungseffekt der Krise damals nicht alle Nachbarn gleichermaßen getroffen. Das vom freien Kapitalmarkt abgeschottete China kam beinahe ungeschoren davon und konnte die Schwäche der Nachbarn in den Folgejahren zu seinem beispiellosen Aufstieg als wirtschaftliche Führungsmacht der Region nutzen.

Japan rutschte zwar in die Rezession, konnte aber mithilfe der damals größten Devisenreserven der Welt den Yen stabilisieren und eine heftige Währungskrise wie in Südostasien abwenden.

Inzwischen hat China mit mehr als 1,2 Billionen Dollar den mit Abstand größten Vorrat an Fremdwährungen angehäuft. Doch für die kleineren Länder, die zur Sicherheit dieselbe Strategie verfolgen, bedeutet dies einen noch größeren Kraftakt. Malaysias Devisenreserven von gut 82 Milliarden Dollar entsprechen fast zwei Dritteln der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes. Der Washingtoner Ökonom Dean Baker bezeichnet das als "mit die größten dauerhaften Kosten der Asien-Krise", denn das Geld ist fast ohne Ertrag geparkt, anstatt dem Kapitalmarkt zur Verfügung zu stehen. China beginnt erst jetzt, einen Teil seiner Billionen in Aktien anzulegen.

Die zweite Lehre lautet: Zu viel Offenheit schadet nur. Die Wachstumsstrategie hat sich radikal gewandelt. Statt fremdes Kapital mit hohen Zinsen und teurer Währung anzulocken, versuchen die Asiaten, es mit künstlich gedrückten Wechselkursen fernzuhalten.

Auf diese Weise kurbeln sie nicht nur den eigenen Warenexport an; sie haben sogar auf dem Kapitalmarkt die Seite gewechselt und sind unterm Strich zu Kapitalgebern geworden. Diese Situation ist etwas paradox, weil sie bedeutet, dass arme Länder den reichen (vor allem den USA mit ihrem Handelsdefizit) Unmengen an Geld leihen.

"Ironischerweise", meinen die Moody's-Autoren, "hat das andere Probleme geschaffen, zum Beispiel mögliche Spekulationsblasen". Die Risiken sind also anders verteilt als vor zehn Jahren. Aus der Welt sind sie deshalb aber nicht.

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