Vorstandsposse Utz Claassen und das angebliche EDF-Papier

Der scheidende EnBW-Chef Utz Claassen habe sein Unternehmen heruntergewirtschaftet, heißt es in einem angeblichen Papier des französischen Großaktionärs EDF. Eine Bombe, wenn das vom "Handelsblatt" erwähnte Schreiben tatsächlich existiert. Oder gibt es eine Intrige gegen Claassen?
Von Andreas Nölting

Hamburg - Der Vorstandschef des viertgrößten deutschen Energieversorgers Energie Baden-Württemberg (EnBW ), Utz Claassen, erlebt derzeit wilde Tage. Er wolle seinen Posten nicht über April 2008 hinaus behalten und stehe für eine Vertragsverlängerung nicht zur Verfügung, teilte Claassen am Dienstag der erstaunten Öffentlichkeit mit. "Strukturelle, professionelle, persönliche und familiäre Gründe" hätten ihn zu diesem Schritt geführt, ließ sich der umtriebige und sonst so knallharte Vorstandschef knapp entlocken.

Wer Claassen kennt, der mag diese Meldung kaum glauben. Und so rätseln die Medien, was den EnBW-Chef getrieben haben könnte, seinen Job Knall auf Fall zu kündigen, ohne dass der frühere McKinsey-Berater ein neues, noch besseres Ziel für sein berufliches Schaffen verkündete.

Heute nun versuchte das "Handelsblatt" eine Begründung nachzuschieben. Der französische Großaktionär Electricité de France (EDF), der immerhin 45 Prozent der EnBW-Anteile hält, habe in einem vierseitigen Papier eine vernichtende Bilanz der Amtszeit von Claassen gezogen, schreibt die Wirtschaftszeitung - eine "Abrechnung ohnegleichen". So habe Claassen im Konzern eine "Kultur des Misstrauens und der Intrige" entstehen lassen. Claassen habe das "Unternehmen heruntergewirtschaftet. Es sei bestenfalls noch als baden-württembergischer Regionalversorger zu betrachten."

Eine Bombe - wenn das Papier tatsächlich echt ist. Oder ist das renommierte "Handelsblatt" etwa einer Ente aufgesessen? Die Zweifel an der Echtheit des angeblichen EDF-Papiers sind enorm. Aus Claassens direktem Umfeld heißt es, dass er am heutigen Freitag mit dem EDF-Präsidenten Pierre Gadonneix und Finanzvorstand Daniel Camus in dieser Sache telefoniert habe. Das Telefonat bestätigt auch der EDF-Pressesprecher François Molho.

EDF: "Keine internen Notizen zu Claassen"

Sowohl Gadonneix als auch Camus hätten Claassen eindringlich versichert, dass weder sie noch irgendjemand im Topmanagement der EDF ein derartiges Papier geschrieben hätten. Das angebliche Papier sei eine "Sauerei", habe Gadonneix geschimpft und hinzugefügt: "Wir schießen uns doch nicht selbst in den Fuß." Molho ergänzte gegenüber manager-magazin.de: "Wir haben die ganze Managementkette durchgeprüft: Es gibt keine internen Notizen zu Claassen."

In der kommenden Woche, so heißt es ferner, sei Claassen in Paris und wolle mit dem EDF-Präsidenten essen gehen. Das Treffen sei schon seit Längerem vereinbart gewesen.

Das "Handelsblatt" bestand gegenüber manager-magazin.de dennoch auf der Echtheit des Schreibens und erklärte das Dementi der Franzosen mit taktischen Erwägungen hinsichtlich des Auflösungsvertrags. Im Klartext: Die Franzosen sagen nicht die Wahrheit.

Bleibt noch die Frage, wer das Papier geschrieben haben könnte, wenn es überhaupt existiert. Auch hier gibt es eine abenteuerliche Vermutung: Angeblich sollen frustrierte Ex-Manager der EnBW, die Claassen offenbar nichts Gutes wünschen, das Papier verfasst und gestreut haben.