Verspätungen Wie bitte?

Die Staaten der Europäischen Union haben sich auf einen kuriosen Kompromiss geeinigt: Bahnreisende sollen zwar Geld zurückerhalten, wenn ihre Züge erheblich verspätet sind - doch das möglicherweise erst ab 2024. Und in Großstädten dürfen Straßenbahnen weiter straflos vor sich hinbummeln.

Brüssel - Bahnreisende in der Europäischen Union (EU) sollen künftig Entschädigungen erhalten, wenn ein Fernzug mehr als eine Stunde Verspätung hat. Es kann aber bis zum Jahr 2024 dauern, bis diese neue Brüsseler Vorschrift in die Praxis umgesetzt wird. "Staatliche Eisenbahnunternehmen haben die Bedeutung ihrer Fahrgäste - oft Beförderungsfälle genannt - noch immer nicht erkannt", kritisierte der deutsche Grüne Michael Cramer dann auch die Entscheidung, die einer Verschiebung gleichkommt.

Die geplanten Entschädigungen betreffen den internationalen und nationalen Fernverkehr. Bei mehr als einer Stunde Verspätung müssen die Unternehmen ihren Kunden 25 Prozent des Fahrpreises zurückzahlen, bei mehr als zwei Stunden die Hälfte.

Nicht zuletzt auf Druck der Bahnunternehmen wurde den Mitgliedsländern für die Umsetzung dieser Vorschriften eine Übergangsfrist von bis zu 15 Jahren eingeräumt. Diese Frist gilt ab Inkrafttreten der Richtlinie im Jahre 2009. Die Forderung des Europaparlaments, auch im öffentliche Regional- und Nahverkehr einen Erstattungsanspruch zu schaffen, lehnten Europas Verkehrsminister ab.

Die Regierungen hätten "das Anliegen der Bürger den Interessen ihrer Bahnunternehmen untergeordnet", bedauerte der Hamburger Europaabgeordnete Georg Jarzembowski (CDU), einer der Berichterstatter des Parlaments. Nach Angaben des belgischen Liberalen Dirk Sterckx wehrten sich vor allem die neuen Mitgliedsländer in Osteuropa mit ihren oft völlig überalteten Bahnnetzen gegen weiterreichende Erstattungsansprüche.

Das sogenannte dritte Eisenbahnpaket sieht zudem vor, dass beim grenzüberschreitenden Personenzugverkehr ab 2010 die staatlichen Monopole fallen. Die EU-Staaten müssen ihre Bahnnetze dann Anbietern aus anderen Mitgliedsländern öffnen. Die Abreden müssen nun noch formal von Rat und Europaparlament abgesegnet werden. Deutschland will das Vorhaben noch während seiner im Juni auslaufenden EU-Präsidentschaft unter Dach und Fach bringen.

manager-magazin.de mit Material von ap