Deutsche Banken Absurder Provinzialismus

Deutschlands Banken sind in der globalen Finanzwelt tief gesunken. Eine Neuordnung der Branche ist längst überfällig. Banker und Politiker stehen ihr im Weg. Sorgt eine feindliche Übernahme für den nötigen Schnitt?
Von Wolfgang Kaden

Hamburg - Den Namen Hartmut Möllring muss man nicht unbedingt kennen. Der Mann ist Finanzminister in Niedersachsen, und er ist nebenbei Aufsichtsratsvorsitzender der NordLB. Das Geldhaus gehört dem Land und den dortigen Sparkassen und wurde jetzt für einen Zusammenschluss von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) umworben.

Es blieb jenem Herrn Möllring vorbehalten, nun in einem Interview zu erklären, dass aus dem Bündnis nichts wird. Der CDU-Politiker verwies auf den Größenunterschied der beiden öffentlich-rechtlichen Banken und verlautbarte, es gäbe "gar keinen Grund, unter die Fittiche eines größeren Partners zu schlüpfen".

Wer hätte anderes erwartet? Hartmut Möllring hat uns mal wieder bestätigt, dass Bankenstrategien, die für die wirtschaftliche Zukunft des Standorts D von einigem Belang sind, in der tiefsten deutschen Provinz entworfen werden. Dass Deutschland in erschreckendem Ausmaß unfähig ist, seine Banken für eine globalisiert Welt aufzustellen.

Seit Jahren verfolgen wir mit wachsender Resignation das Trauerspiel, das uns die deutschen Geldhäuser, öffentlich-rechtliche wie private, bieten: Bei den einen, den Geschäftsbanken, verhinderten und verhindern die jeweiligen Chefs mit ihren übermächtigen Egos die längst fälligen Zusammenschlüsse. Bei den anderen, den staatlichen Geldinstituten, sind es die auf den Erhalt ihrer Pfründe bedachten Politiker, die einer Neuordnung im Wege stehen.

Das Ergebnis ist bekannt. Während sich Deutschlands Industrie international auf den Spitzenplätzen behauptet, wurden die Geldhäuser in den Ranglisten nach hinten durchgereicht. Die Deutsche Bank , die sich noch am besten hielt, war mal die Nummer eins in der Welt und liegt jetzt in der Börsenkapitalisierung auf Platz 23; die Commerzbank  rutschte in den vergangenen zehn Jahren von Platz 27 auf Platz 46; die Hypovereinsbank ist nur noch eine Filiale der italienischen Unicredit ; die Dresdner schlüpfte bei der Allianz  unter.

Feindliche Übernahme droht

Feindliche Übernahme droht

Und nun wird es erst richtig dramatisch. Die feindliche Übernahme einer deutschen Bank, über die seit langem spekuliert wird, könnte bald Realität werden. Der Fall der niederländischen ABN Amro  setzt neue Maßstäbe in Europa.

Mit dem Einverständnis des Managements sollte ABN an die britische Barclays  verkauft werden. Doch dann überbot ein Dreierkonsortium, angeführt von der Royal Bank of Scotland , das Londoner Institut. Das Management von ABN aber favorisiert weiter die Fusion mit Barclays. Erstmals könnte es damit auf dem alten Kontinent zur feindlichen Übernahme eines Geldhauses durch ein Konsortium kommen.

Das wird in der Frankfurter Bankenszene als Fanal empfunden. Und wer weitere Übernahmeopfer sucht, wird schnell in Deutschland fündig werden.

Beispielsweise bei der Commerzbank, die es auf eine Börsenkapitalisierung von rund 24 Milliarden Euro bringt. Sie ließe sich schön zerlegen, in das Bankhaus selber und ihre Tocher Eurohypo , die sicherlich satte zehn Milliarden Euro einbrächte.

Oder bei der Dresdner-Bank-Mutter Allianz, die keinen Beschützer in Form größerer Aktionäre, wie Pensionsfonds, aufweist. Wer den Münchener Konzern filetiert, der kann nicht nur so schöne Vermögenswerte wie die amerikanische Kapitalanlagegesellschaft Pimco oder die Investmentfirma Allianz Global Investors verkaufen. Der erhält mit der Dresdner auch noch jenes private Geldhaus, das nach der Postbank die meisten Filialen in Deutschland betreibt.

Wann wachen die Deutschen auf? Anfang der 90er verschliefen die hiesigen Geldmanager die dramatischen Veränderungen in der globalen Finanzwelt - das vereinigte Deutschland band alle Kräfte, es schien ja im neuen Osten so herrliche Wachstumschancen zu bieten. Dann, oh Wunder, realisierte man in den Frankfurter Bankentürmen, dass die Wettbewerber andernorts durch Fusionen stark geworden waren, und versuchte, es ihnen nachzumachen.

Deutsche mit Dresdner, Commerzbank mit Dresdner, Hypovereinsbank mit Commerzbank - alle erdenklichen Kombinationen wurden probiert, alle ohne Resultat. Die Zusammenschlüsse scheiterten regelmäßig an den beteiligten Bankfürsten, die den Sprung über die eigenen Egos nicht schafften. Fusionierte Vorstände haben nun mal weniger Plätze zu bieten. Die Geldgewaltigen, die sich seit Jahrzehnten als die wahre Elite der deutschen Wirtschaft verstanden, schrumpften auf ein sehr überschaubares Format.

Managementversagen en gros

Managementversagen en gros

Es war Managementversagen en gros. Doch halt! Die Banker sind es nicht allein, die für den unrühmlichen Zustand der Branche haftbar zu machen sind. Es klingt zwar wie eine billige Exkulpation der Geldprofis - aber in hohem Maße mitverantwortlich ist auch eine andere Spezies: die der politischen Elite. Die nämlich weigert sich beharrlich und über alle Parteigrenzen hinweg, den bislang gut abgeschotteten öffentlich-rechtlichen Bereich für die Privaten zu öffnen.

Sparkassen, Landesbanken und (die nicht öffentlich-rechtlichen) Genossenschaftsbanken wickeln hierzulande gut die Hälfte der Bankgeschäfte ab - Geschäfte, die andernorts von den privaten Großbanken getätigt werden und denen eine solide Kapitalbasis verschaffen.

Die Öffentlich-Rechtlichen - die es mit diesen Privilegien, in solcher Anhäufung und mit solcher Machtfülle nirgendwo sonst auf der Welt gibt - beschneiden einerseits die Ertragschancen der privaten Banken. Andererseits sind sie so zersplittert, dass sie trotz ihres enormen Potenzials - zusammengeschlossen wären Sparkassen und Landesbanken die größte Bank der Welt - in der internationalen Szene keine Rolle spielen.

Dieser Zustand eines absurden Provinzialismus ist unhaltbar. Anderswo wird längst gehandelt, nicht nur, wie im Fall ABN/Royal Bank of Scotland, in Großbritannien und in den Niederlanden. In Italien verleibt sich die gefräßige Unicredit die kleinere Capitalia ein. In Frankreich prüft die Société Générale eine Übernahme der BNP Paribas; der Aufkauf, wahrscheinlich feindlich, würde eine Bank schaffen, die mit einem Börsenwert von derzeit 145 Milliarden Euro in der Weltliga ganz oben mitspielen würde.

Zu Recht verweist der Chef der Stuttgarter LBBW, Siegfried Jaschinski, im neuen manager magazin darauf, dass ein Industriestandort wie Deutschland nicht abhängig werden darf von Kreditentscheidern, die irgendwo in London oder New York domizilieren; dass dieses Land aus wohlerwogener Interessenwahrung eine "starke Großbank" braucht, "die tief in der deutschen Unternehmenslandschaft verwurzelt ist". Die Deutsche Bank, so Jaschinski richtigerweise, spielt diese Rolle längst nicht mehr, weil sie sich inzwischen vornehmlich als Investmentbank versteht.

Was also ist zu tun? Wenn wir schon von den Bankern in ihrem eigenen Beritt nichts mehr erwarten dürfen, muss die Politik handeln. Entweder wird der öffentlich-rechtliche Bereich durch Änderungen der Gesetze zugänglich gemacht für privates Kapital. Oder die staatlichen Geldhäuser schließen sich zu einer Einheit zusammen, die auch international hohe Schlagkraft besitzt.

Immerhin würden die acht Landesbanken eine Bilanzsumme zusammenbringen, die sie in die Topliga der Bankenwelt katapultierte. Die Staatsbanken schaffen es gemeinsam auf 1,8 Billionen Euro, weit mehr als die britische HSBC  (1,4 Billionen) oder die Deutsche Bank (1,1 Billionen)

Vorerst allerdings müssen wir uns damit abfinden, dass die Möllrings dieser kleinen deutschen Welt, in den 16 Landeshauptstädten und in Berlin, diesen Einschnitt zu verhindern wissen. Es bedarf wohl erst einmal eines feindlichen Übernahmeangebots für eines der großen deutschen Finanzhäuser, um den Realitätssinn in diesem Land nachhaltig zu schärfen.

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