Chemiebranche Reach kostet zwei Milliarden Euro

Die chemische Industrie muss sich nach einem neuen EU-Recht ausrichten. Nach langem Tauziehen ist die Chemikalienverordnung Reach in Kraft getreten. Die zusätzlichen Kosten für die Unternehmen belaufen sich nach Angaben des Verbands der Chemischen Industrie auf mehr als zwei Milliarden Euro.

Frankfurt am Main - Chlor in Putzmitteln, Acrylate in Kinderspielzeug und Nickel in Elektrogeräten: Chemische Substanzen gehören zum Alltag. Doch die Frage, wie gefährlich ein verwendeter Stoff ist, besorgt viele Verbraucher. Am Freitag tritt nun die neue EU-Verordnung Reach in Kraft, die das Chemikalienrecht europaweit neu regelt. Denn bislang sind viele Stoffe nie auf ihre Folgen für die Gesundheit hin überprüft und deswegen auch nicht gekennzeichnet worden. Das gilt vor allem für Produkte, die schon sehr lange auf dem Markt sind.

Die Verordnung Reach, deren Abkürzung für "Registration, Evaluation and Authorisation of Chemicals" steht und neben der Registrierung, Bewertung auch die Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe meint, soll zu besseren Informationen über deren Gefährlichkeit führen. So müssen künftig auch alle Altstoffe - jene, die vor 1981 auf den Markt kamen - mit Herstellungs- und Einfuhrmengen von jeweils mehr als einer Tonne pro Jahr systematisch auf die Gefährlichkeit hin geprüft und bei der neuen Chemieagentur in Helsinki registriert werden. Das Motto "keine Daten, keine Sorgen" soll abgelöst werden von dem Grundsatz "keine Daten, kein Markt".

Schätzungen gehen von 30.000 betroffenen Stoffen aus. Bislang unterlagen nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) nur 3000 neue Stoffe vor der Marktzulassung einer Bewertung der Gesundheits- und Umweltgefahren. Künftig müssen die Unternehmen selbst die Daten für eine solche Bewertung beschaffen. Hersteller und Importeure sind für die Sicherheit ihrer Produkte verantwortlich. Damit ist die Beweislast für die Unbedenklichkeit erstmals umgekehrt.

Eine wesentliche Neuerung von Reach ist zudem, dass neben den Stoffeigenschaften auch die Verwendung betrachtet wird und damit auch die sich daraus ergebende Belastung für den Verbraucher. So müssen die Hersteller Maßnahmen für die sichere Verwendung ihrer Stoffe entwickeln und ihre Abnehmer auch darüber informieren. Für besonders gefährliche, also etwa Krebs erzeugende, Erbgut verändernde oder nur schwer abbaubare Stoffe gilt eine Zulassungs- und Kennzeichnungspflicht.

Die Verordnung sieht auch vor, Tierversuche soweit wie möglich durch alternative und wissenschaftlich akzeptierte Prüfmethoden zu ersetzen, was dem Deutschen Tierschutzbund aber nicht weit genug geht. Es sei zwar gelungen, viele ursprünglich geplante Tierversuche in der endgültigen Fassung der Verordnung zu verhindern. Gleichwohl wurden aber noch nicht alle Tierversuche durch andere Verfahren ersetzt, wie der Tierschutzbund erklärt.

BASF sieht sich gewappnet

BASF sieht sich gewappnet

Nach Einschätzung der chemischen Industrie werden in den kommenden Jahren auf die betroffenen Unternehmen Kosten in Höhe von rund zwei Milliarden Euro für zusätzliche Tests und die Erstellung von Registrierungsdossiers zukommen. Die Registrierkosten eines Stoffes richten sich dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) zufolge nach der Produktions- oder Importmenge. Bei vielen Stoffen seien die Gewinnmarge jetzt schon so gering, dass die Kosten überhaupt nicht aufzubringen seien. Darüber hinaus komme ein erheblicher bürokratischer Aufwand auf die Unternehmen zu.

Allerdings treten die Neuregelungen erst nach und nach in Kraft. Bis 2018 müssen die Chemikalien schrittweise - je nach in Verkehr gebrachter Menge - getestet und registriert sein.

Kritik kommt auch von Verbraucherschützern, die den im Dezember 2006 gefundenen Kompromiss für unzureichend halten. Auch wenn es sichere Alternativen gibt, werden künftig gefährliche Chemikalien in Verbraucherprodukten enthalten sein, wie der Bundesverband der Verbraucherzentralen (Vzbv) warnt. Immerhin sehe Reach eine Auskunftspflicht für Hersteller und Händler über den Einsatz besonders gefährlicher Stoffe vor. Deshalb ruft der Verband die Verbraucher auch auf, von ihrem Recht Gebrauch zu machen und nachzufragen.

Sobald ein Erzeugnis einen besonders Besorgnis erregenden Stoff in einer Konzentration von mehr als 0,1 Prozent enthält, haben Konsumenten das Recht, vom Verkäufer Informationen zu bekommen.

Entsprechende Anfragen müssen spätestens nach 45 Tagen kostenlos beantwortet werden. Außerdem soll es künftig Internet-Datenbanken mit der Risikobewertung eines Stoffes geben.

Die BASF sieht sich für Reach gerüstet. Der Konzern zählt wegen seiner vernetzten Aufstellung und des umfangreichen Produktportfolios zu den am stärksten von betroffenen Unternehmen. Bereits vor drei Jahren sei mit den Vorbereitungen auf Reach begonnen worden, teilte das Unternehmen mit. Die BASF wird im Rahmen der neuen Verordnung etwa 2500 Stoffe registrieren lassen. Bis 2018 rechnet das Unternehmen mit jährlichen Kosten von rund 50 Millionen Euro.

manager-magazin.de mit Material von ap, dpa

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