Goldman-Sachs-Kolumne Erfreuliches vom Arbeitsmarkt

Im März erreichte die Arbeitslosenquote in Euroland mit 7,2 Prozent den niedrigsten Stand seit 26 Jahren. Sie dürfte weiter rutschen – eine stolze Leistung für einen Wirtschaftsraum, als dessen große Schwäche die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt gilt. Dies hat Auswirkungen auf das Verhalten der EZB.
Von Dirk Schumacher

Da die Löhne und Gehälter weiterhin nur moderat steigen, lautet die Frage nicht, ob die strukturelle Arbeitslosigkeit weiter sinken wird, sondern um wie viel.

Die Trendwende am Euroland-Arbeitsmarkt ist auf drei Faktoren zurückzuführen. Der möglicherweise wichtigste Faktor ist die EU-Aufnahme ehemaliger Ostblockländer und die Globalisierung generell. Die Drohung von Arbeitgebern, die Produktion ganz oder teilweise nach Osteuropa oder in fernere Länder auszulagern, hat die Macht westeuropäischer Gewerkschaften erheblich geschmälert, für ihre Mitglieder höhere Löhne durchzusetzen.

Als Folge davon konnten Arbeitslose, die bisher "zu teuer" waren, wieder in Lohn und Brot gebracht werden. Dies ist insbesondere im verarbeitenden Gewerbe zu beobachten, in dem der Gewerkschaftseinfluss traditionell am stärksten ist. Die Gewerkschaften lassen deshalb auch eine zunehmende Bereitschaft erkennen, im Interesse der Sicherung von Arbeitsplätzen geringere Lohnzuwächse und eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit in Kauf zu nehmen. Außerdem hat eine Zuwanderung von Osteuropa in die Eurozone in bestimmten Branchen wie zum Beispiel dem Baugewerbe das Lohnwachstum gebremst.

Erhebliche Verbesserungen in Euroland

Der zweite Faktor ist, dass Euroland in den vergangenen fünf bis zehn Jahren durch Strukturreformen erhebliche Verbesserungen erreicht hat. Dazu gehört, dass die Steuer- und Abgabenlast in Prozent der Arbeitskosten für die meisten EU-Bürger gesenkt wurde. Dadurch ist es für viele Arbeitslose finanziell wieder interessanter geworden, sich aktiv um einen Job zu bemühen.

Auch Leistungskürzungen und eine Verschärfung der Anspruchsvoraussetzungen für den Bezug von Arbeitslosenunterstützung sowie stärkere Kontrollen haben sicherlich hierzu beigetragen. Schließlich haben auch die Flexibilität hinsichtlich der Arbeitszeiten und - gefördert durch staatliche Reformen – der Einsatz von Teilzeitkräften und befristet Beschäftigten zugenommen.

Mehr Jobs für Frauen

Der dritte Faktor ist eine Erhöhung der Beschäftigungsquote bei Frauen. In den letzten zehn Jahren ist die Erwerbsquote in Euroland deutlich gestiegen. Das heißt auch, dass sich der Arbeitsmarkt besser entwickelt hat, als dies durch den Rückgang der Arbeitslosenquote allein zum Ausdruck kommt. So ist die Arbeitslosenquote in den Jahren 1996 bis 2006 um 2,8 Prozentpunkte gesunken, während sich gleichzeitig die Beschäftigungsquote um 6,4 Prozentpunkte erhöht hat.

Dazu hat vor allem eine rasche Beschäftigungszunahme bei Frauen beigetragen (plus 6,4 Prozentpunkte, verglichen mit plus 3,5 Prozentpunkten bei Männern). Auch die Erwerbsquote bei den 55- bis 64-Jährigen hat in den letzten zehn Jahren um 8,6 Prozentpunkte zugenommen, und das durchschnittliche Renteneintrittsalter hat sich von 2001 bis 2005 um fast ein Jahr erhöht.

Zinserhöhungen der EZB wahrscheinlich

Inflationsstabile Quote geht zurück

Angesichts des Rekordtiefstands bei der Arbeitslosigkeit und der nach wie vor moderaten Lohnzuwächse besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die inflationsstabile Arbeitslosenquote ("non-accelerating inflation rate of unemployment", kurz NAIRU) in Euroland kontinuierlich zurückgegangen ist.

Der IWF sieht diese inzwischen bei 7,3 Prozent und den jährlichen Rückgang bei 0,3 bis 0,4 Prozentpunkten. Die OECD geht von 7,6 Prozent und einem Rückgang um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte pro Jahr aus. Wir sind sogar noch etwas optimistischer als der IWF und veranschlagen die NAIRU auf 7 Prozent und den Rückgang auf derzeit 0,25 bis 0,5 Prozentpunkte jährlich.

Hoffen auf Besserung in Italien

Da die Schätzung der NAIRU mit erheblicher Unsicherheit behaftet ist, konzentrieren sich die Entscheidungsträger in der Geld- und Wirtschaftspolitik zunehmend auf direkte Maßzahlen für die Lohninflation wie die Lohnstückkosten. Diese waren in Euroland im vierten Quartal 2006 gegenüber dem Vorquartal unverändert und sind im ersten Quartal dieses Jahres vermutlich zurückgegangen. Dabei hat sich die Lohninflation in Deutschland anscheinend auf niedrigem Niveau stabilisiert, dürfte aber angesichts der erfreulichen Arbeitsmarktentwicklung und des jüngsten Tarifabschlusses in der Metall- und Elektroindustrie wieder leicht steigen.

Dagegen gibt es in Italien erste Anzeichen für ein nachlassendes Lohnwachstum. Eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit Italiens in puncto Kosten wäre nicht nur für Italien, sondern auch für die Euroland-Inflationsaussichten insgesamt eine gute Nachricht.

Zinserhöhungen der EZB wahrscheinlich

Obwohl sich der Anstieg der Lohnstückkosten und der Preise von Vor- und Zwischenprodukten (wie Öl, Rohstoffe und so weiter) im letzten Jahr sichtlich verlangsamt hat, liegt die Verbraucherpreisinflation in Euroland immer noch bei rund 2 Prozent. Der Grund dafür ist, dass die Unternehmen ihre Gewinnmargen in den letzten Jahren deutlich gesteigert haben. In Verbindung mit kräftigem Nachfragewachstum bilden Gewinnmargen in Rekordhöhe ideale Voraussetzungen für steigende Renditen an den Aktienmärkten.

Unsere Überzeugung, dass sich das Potenzialwachstum Eurolands von 2 Prozent auf 2,25 bis 2,5 Prozent erhöht hat, basiert auf einer sinkenden NAIRU. Unter sonst gleichen Umständen würde ein höheres Potenzialwachstum die zukünftige Inflation reduzieren. Sonst gleiche Umstände sind aber nicht gegeben, weil sich das Bruttoinlandsprodukt Eurolands momentan um 2,5 bis 3 Prozent erhöht.

Dieses Wachstum liegt sogar über unserer Schätzung des Euroland-Potenzialwachstums und sehr wahrscheinlich wesentlich über der vorsichtigeren Schätzung der EZB. Bei einem so starken Wachstum ist schwer vorstellbar, dass die EZB die Zinsschraube nicht weiter anziehen wird.

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