Dollar-Krise "Der Euro wird die wichtigste Weltwährung"

Bleibt der US-Dollar das Weltgeld Nummer eins? Wohin fließen künftig die vielen arabischen Milliarden aus dem Ölexport? Sultan Nasser al-Suweidi, Notenbankchef der Vereinigten Arabischen Emirate, sagt im Interview mit manager-magazin.de eine allmähliche Abkehr vom Dollar voraus - und prophezeit dem Euro eine große Zukunft.

Abu Dhabi - Die Pläne der Staaten des Golf-Kooperationsrats (GCC) - dazu gehören die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sowie Saudi-Arabien, Kuwait, Qatar, Bahrein und Oman - eine gemeinsame Währung zu schaffen, sind unter Druck geraten. Kuwaits Notenbank hat kürzlich die Bindung an den Dollar aufgehoben.

Der Regierungschef der VAE, Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum von Dubai, hat diese Woche angekündigt, man wolle die Auswirkungen einer Währungsunion auf die heimische Volkswirtschaft noch einmal gründlich analysieren. Offenkundig liegt das Projekt, das ursprünglich 2010 starten sollte, derzeit auf Eis.

Da die GCC zu den wichtigsten Kapitalexporteuren der Welt gehören, haben währungspolitische Entscheidungen am Golf weitreichende weltwirtschaftliche Bedeutung. Im Interview mit manager-magazin.de sagt der Gouverneur der VAE-Notenbank eine Abkehr der Welt vom Dollar voraus und prophezeit - "Bis 2015 wird der Euro die wichtigste Währung der Welt sein."


mm.de: Herr Gouverneur, immer wieder gibt es Spekulationen über ein Ende der Dollar-Bindung der Golf-Währungen. Kuwait hat diesen Schritt voriges Wochenende vollzogen. Sie selbst haben eine Aufhebung verschiedentlich angekündigt. Wie lange wird der feste Wechselkurs zur US-Währung Bestand haben?

Suweidi: Wir prüfen die Bindung an den Dollar von Zeit zu Zeit. Und wir stellen fest, dass wir 70 Prozent unseres Außenhandels in Dollar oder in Währungen, die ihrerseits an den Dollar gebunden sind, abwickeln ...

mm.de: ... vor allem die asiatischen Währungen ...

Suweidi: Also, was sollen wir tun? Normalerweise bindet man seine Währung an dasjenige Geld, das im Außenhandel dominiert. Bislang ist das für uns der US-Dollar. Wir sind gut damit gefahren. Aber natürlich: Nichts ist endgültig oder ewig. Wir werden die Wechselbindung immer wieder überprüfen. Unsere Dollar-Bindung ist nicht unberührbar.

"Eine Aufwertung wäre sinnlos"

mm.de: Die GCC-Länder haben derzeit sehr hohe Überschüsse und große Kapitalexporteure. Liegt es nicht nahe, die Währung wenigstens gegenüber dem Dollar aufwerten zu lassen? Kuwait ist vorangegangen. Auch die Chinesen lassen den Yuan allmählich stärker werden.

Suweidi: Wir diskutieren diese Themen von Zeit zu Zeit. Aber was würden wir damit erreichen? Wir verkaufen ja nicht Schuhe und Kleidung, aus denen wir Einnahmen in lokaler Währung erzielen. Wir verkaufen Öl und Gas. Und die sind irrelevant für die Wechselkursbindung ...

mm.de: ... weil sie ohnehin in Dollar gehandelt werden ...

Suweidi: Wenn wir aufwerteten, würden wir doch vor allem amerikanische Exporte in unsere Länder erleichtern. Wir verkaufen Produkte, die der Rest der Welt so oder so kauft. Es wäre für uns einfach sinnlos, eine Aufwertung nach chinesischem Vorbild anzustreben.

mm.de: Wenn wir Sie richtig verstehen, hängt die Dollar-Bindung der Golfwährungen vor allem davon ab, ob sich ihre Handelspartner in Asien weiterhin an die US-Währung hängen. Entwickelt sich denn der Euro für Sie zur ernst zu nehmenden Alternative zum Dollar?

Suweidi: Im Jahr 2015 wird der Euro die wichtigste Währung der Welt sein.

mm.de: Warum?

Suweidi: Weil der Euro schon heute die Währung mit der größten Verbreitung als Bargeld ist. Die Menschen fragen ihn nach. Auch weil Europa ein attraktives Reiseziel ist. Allerdings hat Europa seinen Rechtsraum noch nicht vereinheitlicht, weshalb es dem Kapitalmarkt an Tiefe fehlt. Aber das wird sich ändern. Dann wird der Euro auch als Reservewährung weitere Verbreitung finden.

Und der Euro wird mehr und mehr im internationalen Handel eingesetzt werden. Das gilt definitiv für China. Also: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass in Zukunft 50 Prozent des Welthandels in Euro abgewickelt werden. Als Anlagewährung wird der Euro an Bedeutung gewinnen, ebenso als internationale Transaktionswährung. Dies sind die drei Säulen, auf denen eine Weltwährung steht. Das wird einige Zeit dauern, aber es wird so kommen.

"Gern in Euroland investieren"

mm.de: Sie beklagen, dass die Kapitalmärkte Europas fragmentiert seien. Würden Sie gern mehr in Europa investieren?

Suweidi: Ja, ja, ja. Wir würden gern in Euroland investieren. Aber wenn wir große Institute ansprechen, dann treffen wir auf Widerstand ...

mm.de: Welche Institute meinen Sie?

Suweidi: All die großen Geldinstitute, Deutsche Bank , Dresdner, die Investmentbanken und so weiter. Wir fragen Staatsanleihen und dergleichen nach - gibt es nicht. Entweder gibt es nicht genug Assets, oder man ist nicht interessiert, sie uns zu verkaufen. Das gilt auch für die Regierungen. Ich glaube, die europäischen Länder haben Angst, ihre Volkswirtschaften könnten mit Liquidität geflutet werden, was ihre Volkswirtschaften anheizen und zu Inflation führen würde. Natürlich bekommen wir immer wieder gesagt, wir seien willkommen, aber das ist nur Gerede.

mm.de: Und solange die europäischen Märkte nicht aufnahmefähig genug sind, müssen die Golfstaaten ihre gigantischen Überschüsse vor allem in den USA investieren?

Suweidi: In den USA ist das etwas ganz anderes. Wenn man denen Geld leihen will, da gibt es Treasury Bills und Anleihen in jeder beliebigen Menge und Laufzeit. Was immer man will. Ausländisches Geld trifft da auf eine größere Markttiefe.

Das verschafft dem Dollar immer noch einen Vorteil gegenüber dem Euro. All die unterschiedlichen Regelungen innerhalb Europas - Gesetze, Regulierungen, Steuern, Arbeitsrecht - das sind Probleme, die wir in Amerika nicht haben.

"Ganz andere Größenordnungen"

mm.de: Europa als Ganzes hat eine weitgehend ausgeglichene Leistungsbilanz. Ganz anders Amerika, das Defizite zwischen 800 und 900 Milliarden Dollar jährlich anhäuft. Wer sich so hoch im Ausland verschuldet, hat Ihnen als international investierendem Überschussland natürlich mehr zu bieten.

Suweidi: Europäische Staatsanleihen sind knapp. Da bleibt nur das Fenster der Firmenanleihen offen. Und das ist nicht allzu viel.

mm.de: Hätten Sie denn gern, dass Europa sich höher im Ausland verschuldet, nach amerikanischem Vorbild?

Suweidi: Nicht unbedingt. Aber wir suchen nach Instrumenten, in die wir als Ausländer investieren können. In Europa gibt es für große Anleger bislang keine Skalenerträge: Sie können nicht große Summen in hochliquide Assets stecken. Um das zu ändern, muss der europäische Kapitalmarkt einheitlicher werden - ganz andere Größenordnungen, mehr große multinationale Konzerne, die daran interessiert sind, hochliquide Papiere zu emittieren.

mm.de: Ihr Optimismus für den Euro wird in Europa nicht unbedingt geteilt. Hier gibt es immer wieder Spekulationen, ob nicht einzelne Länder aus der Währungsunion wieder aussteigen könnten.

Suweidi: Nach meinem Eindruck sind die einfachen Leute ganz zufrieden mit dem Euro. Sehen Sie, als wir 1971 die Vereinigten Arabischen Emirate gründeten, haben viele Leute gesagt: Das hält keine fünf Jahre. Heute ist ein Auseinanderbrechen undenkbar.

Oder nehmen Sie das Beispiel der Schweiz, das ist eine Konföderation, die funktioniert. Aber vielleicht wäre es besser gewesen, die Europäer hätten nicht so eine umfassende Währungsunion angestrebt. Vielleicht haben sie die Dinge überstürzt.

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