Milliardenbau Der Tunnel, der aus der Kälte kommt

Große Bauten haben meistens viel mit Prestige zu tun. So auch bei der geplanten Unterführung zwischen Sibirien und Alaska - mit mehr als 100 Kilometern würde unter der Beringstraße der längste Tunnel der Welt entstehen. Ein realistisches Projekt oder ein größenwahnsinniger Plan?

Hamburg - Ungemütlich waren die Zeiten vor 15.000 Jahren. Eine Eiszeit hatte die Nordhalbkugel im Griff, die Menschen litten unter Kälte und Nahrungsmangel. Die Beringstraße zwischen Sibirien und Alaska war damals zugefroren. Historiker berichten, dass sich tatsächlich Menschen auf diesen Weg machten und so – lange vor Columbus – in Amerika einwanderten.

Heute ist die Beringstraße zum Teil eisfrei - und lädt zu Träumereien ein. Russland will einen Tunnel, der Sibirien und Alaska verbindet. Diese Unterführung wäre mehr als 100 Kilometer lang und damit doppelt so groß wie der bislang längste Tunnel der Welt, der Seikan-Eisenbahntunnel in Japan.

Eine große Herausforderung für die planenden Russen: Denn schon beim 50 Kilometer langen Eurotunnel zwischen Großbritannien und Frankreich gab es von Anfang an Probleme - nicht nur technischer Art, sondern vor allem finanziell.

Ging es beim Eurotunnel jedoch vornehmlich um die verbesserte Reisemöglichkeit für Menschen, geht das Ziel des ambitionierten Projekts für die Beringstraße in eine andere Richtung: Für die besonders in Sibirien mit Bodenschätzen reich ausgestatteten Russen liegt das Hauptaugenmerk auf dem geplanten Transport von Waren und Rohstoffen. So wird auch über das Verlegen von Öl- und Gaspipelines sowie von Datenleitungen innerhalb des Tunnels nachgedacht. Gas und Rohöl konnte so von Sibirien direkt nach Nordamerika fließen.

Anlass für die aktuellen Spekulationen um den Tunnelbau war die kürzlich abgehaltene Konferenz "Megaprojekte in Ostrussland". Das Tunnelprojekt soll "TKM-World Link" heißen und innerhalb von 15 bis 20 Jahren fertiggestellt werden.

Minus 70 Grad und 80 Meter tief

Minus 70 Grad und 80 Meter tief

Die Hauptkosten von insgesamt 50 Millliarden Euro liegen in der Herstellung der Infrastruktur um den Tunnel herum – jeweils Tausende Kilometer trennen die möglichen Tunnelenden von einem nennenswerten Straßen- und Schienennetz. Der Schacht selbst würde dabei lediglich ein Fünftel des geplanten Etats aufzehren.

Hohe Kosten und viele kritische Stimmen aus Politik und Wirtschaft lassen jedoch zweifeln, ob es in absehbarer Zukunft zu einer Umsetzung der Pläne kommen wird. Gesucht werden vor allem private Investoren, die den Tunnel zusammen mit staatlichen Stellen finanzieren sollen. Russland will dabei vor allem die USA und Kanada einbinden. Auch für China, Japan, Korea und sogar Europa könnte dieser neue Transportweg von Interesse sein - eine Beteiligung an dem Projekt wird nicht ausgeschlossen.

Bei bis zu minus 70 Grad Außentemperaturen und 80 Meter unter dem Meeresgrund soll nach ersten Berechnungen ein jährlicher Güterumschlag von 70 Millionen Tonnen erreicht werden – Kritiker halten diese Zahlen jedoch für viel zu optimistisch. Immerhin: Die Tunnellösung soll laut russischem Wirtschaftsentwicklungsministerium zwei Wochen schneller sein als der bisher übliche Seeweg.

Der Ehrgeiz, vor allem der Russen, ist groß: Die Teilnehmer der Konferenz "Megaprojekte in Ostrussland" riefen dazu auf, das Thema auf dem G8-Gipfel in Deutschland zu vertiefen. Ob das passiert, wird sich bereits Anfang Juni in Heiligendamm zeigen. Vielleicht droht den Plänen allerdings das gleiche Schicksal wie bereits vor einem Jahrhundert: Schon damals wollte der russische Zar Nikolas II. eine unterirdische Verbindung nach Alaska bauen – umgesetzt wurde dieser Traum bekanntlich nie.