Chrysler-Verkauf "Daimler begeht Unfallflucht"

Der Verkauf von Chrysler an den Finanzinvestor Cerberus dominiert am Dienstag die Titelseiten. In einer Presseschau dokumentiert manager-magazin.de, wie die internationale und nationale Presse den Daimler-Deal bewertet.

"Neue Zürcher Zeitung"

"Mit der Trennung von Daimler kommt Chrysler in eine Umgebung, die mehr unternehmerischen Spielraum verspricht als der bisherige Großkonzern. (...) Das neue Chrysler-Management muss eine tragfähigere Geschäftsgrundlage erarbeiten, als die Daimler-Leute es vermochten, aber Pessimismus wäre fehl am Platz. Immerhin gibt es japanische Firmen wie Honda oder Toyota, die in den USA erfolgreich arbeiten, warum sollte einer flexiblen Chrysler nicht Ähnliches gelingen?"

"Die Tageszeitung", Berlin

"Daimler begeht Unfallflucht"

New York Times, New York

"Zumindest für Daimler könnte der Verkauf einen möglichen Befreiuungsschlag bedeuten, der dem unternehmen Kraft spendet. Daimler kann sich nun auf seine Zukunft als Luxushersteller konzentrieren, der außerdem noch Lastwagen und Busse baut. Alle drei Segmente - Luxusautos, Trucks und Busse - gehören zu den am schnellsten wachsenden und viel versprechensten in der Autoindustrie. Und auch Mercedes-Benz hat seine jüngste Schwächephase offenbar überwunden. (...) Obwohl Daimler deutlich kleiner wird, wird das Unternehmen bilanziell stärker, mit sehr viel Liquidität und einer klaren Ausrichtung."

"Washington Post", Washington

"Daimler zahlt die Abschleppkosten für Chrysler. (…) Es scheint passend, dass DaimlerChrysler seine US-Sparte ausgerechnet an Cerberus weiterreicht, ein Unternehmen, das nach dem dreiköpfigen Hund am Eingang der Hölle benannt ist. Wenn man über die höllischsten Übernahmen der weltweiten Firmengeschichte nachdenkt, hat Daimler Benz gute Chancen, mit dem Kauf von Chrysler auf der Spitzenposition zu landen. (…) 1998 zahlte Daimler Benz 36 Milliarden Dollar für Chrysler. Jetzt muss Daimler Cerberus sogar noch Geld bezahlen, um Chrysler aus dem Weg zu schaffen. (...) Der Finanzinvestor Cerberus behauptet, sich um die Bergung zu kümmern, statt Chrysler zu zerlegen und weiterzureichen. Wir werden sehen. Was wie eine Hochzeit im Himmel schien, kann sich in eine höllische Angelegenheit verwandeln. Auf Wiedersehen, DaimlerChrysler."

"Große Leistung der Wertvernichtung"

"La Tribune", Paris

"Seit zehn Jahren treibt Chrysler zwischen Charybdis und Skylla und reiht mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms Verluste und Sanierungspläne aneinander. Nach neun Jahren Anstrengungen und Dutzenden verflogener Euro-Milliarden wirft Daimler jetzt das Handtuch. Zur großen Erleichterung seiner Aktionäre, die so leicht nicht vergessen werden, was für eine außerordentlich große Leistung der Wertvernichtung diese große transatlantische Fusion war.

Es war höchste Zeit für den deutschen Konzern, einen Schlussstrich unter diesen amerikanischen Traum zu ziehen, der zum Albtraum geworden war. (...) Für Chrysler dauert der Fluch an. Der neue Aktionär mag der Autowelt fern stehen: Seine Rezepte zur Sanierung des Unternehmens - Kostensenkung und Reorganisation der Produktion - haben für die Beschäftigten etwas Altvertrautes."

"Süddeutsche Zeitung", München

"Daimler verschenkt Chrysler"

"Bild", Hamburg

"Der teuerste Betriebsunfall der Welt"

"Neue Presse", Hannover

"Der Notverkauf soll jetzt für die Stuttgarter das Schlimmste verhüten neben den vernichteten Milliarden bleibt ein schwerer Imageschaden. In den USA wird Cerberus, der neue Chrysler-Eigentümer, wahrscheinlich als erstes zehntausende Beschäftigte feuern. Auch das lehrt das Beispiel wieder einmal: Wenn Visionen zum Größenwahn werden, zahlen immer die Mitarbeiter die Zeche."

"Reich geworden sind die Architekten"

"Abendzeitung", München

"Der Traum vom Weltkonzern aus Stuttgart, er ist ausgeträumt. Den Preis von rund 30 Milliarden zahlen wie immer die Mitarbeiter, die auf der Strecke blieben - und die Kleinaktionäre, die viel Geld verloren. Reich geworden sind die 'Architekten' dieser Katastrophe. (...)

Ob Ex-Mercedes-Chef Edzard Reuter oder sein Nachfolger Jürgen Schrempp - sie gingen mit Millionen nach Hause. Wie die Berater von McKinsey & Co, die in den 70er und 80er Jahren solch unfähigen Managern für teures Geld die 'Diversifikation' andrehten: den Zukauf von Geschäftsfeldern. Ob bei BMW oder Daimler: Die Volksweisheit 'Schuster, bleib bei deinen Leisten' hätte vieles verhindert. (...) Gewiefte Berater haben darin längst den nächsten goldenen Weg entdeckt. Was verkaufen sie ihren Kunden heute? Klar: Konzentriert euch aufs Kerngeschäft!"

"Landeszeitung", Lüneburg

"Der neue Name spiegelt Schiffbruch und Aufbruch gleichermaßen wider. Schlicht Daimler AG soll einer der traditionsreichsten deutschen Konzerne künftig heißen. Das Ende der Autoehe mit Chrysler ist zugleich das Ende des Abenteuers Welt AG - und kommt die Stuttgarter teuer zu stehen. Mit bis zu vier Milliarden Euro wird der Chrysler-Verkauf die Bilanz belasten.

2005 hatte die US-Tochter noch einen Milliardengewinn erzielt. Doch von da an ging es bergab. Die falsche Modellpalette für die Explosion der Benzinpreise in den USA ließ das Sanierungswerk des damaligen Chrysler- und heutigen Konzernchefs Dieter Zetsche implodieren. Ob Zetsche den Sturm übersteht, ist ungewiss. Sicher ist, dass die Scheidung richtig war. Die Stuttgarter können sich wieder auf das konzentrieren, was sie am besten können: gute Autos mit Stern bauen."

manager-magazin.de mit Material von dpa und ddp