Daimler ohne Chrysler "Rückkehr zum Premiumhersteller"

Daimler wird nach dem Verkauf von Chrysler wieder ein echter Premiumhersteller, urteilen Analysten. Käufer Cerberus dagegen setzt auf ein höchst ungewöhnliches Bündnis, um Chrysler rasch wieder fit zu bekommen. Gelingt dies, wäre die Ex-Welt-AG erneut blamiert.

Hamburg - Die Scheidung wird teuer. Unter dem Strich zahlt DaimlerChrysler  beim Chrysler-Verkauf viel Geld drauf, da der Großteil der vom Finanzinvestor Cerberus gezahlten 5,5 Milliarden Euro wieder in das Unternehmen investiert werden und Daimler außerdem noch Schulden des Chrysler-Industriegeschäftes übernimmt. Der Verkauf werde das Konzernergebnis um zwei bis drei Milliarden Euro belasten, gestand DaimlerChrysler Chef Dieter Zetsche am Montag.

Aber seis drum. Nachdem Ex-Welt-AG-Lenker Jürgen Schrempp Chrysler im Jahr 1998 für 36 Milliarden Dollar übernommen und seitdem noch einmal geschätzte 10 Milliarden Euro Sanierungskosten in die US-Sparte hineingebuttert hat, kommt es auf ein paar Milliarden mehr oder weniger auch nicht mehr an. So sehen das zumindest einige Analysten.

"Der Preis ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass Daimler die Pensions- und Gesundheitskosten für Chrysler los wird", sagt Uwe Treckmann, Analyst bei der Dresdner Bank. Die Kosten von geschätzten 18 Milliarden Dollar waren eine schwere Hypothek für den Gesamtkonzern, außerdem habe der Sanierungsfall Chrysler wichtige Managementkapazitäten gebunden.

Nun könne Daimler wieder freier agieren und sich auf seine Kernmarke Mercedes-Benz konzentrieren: "Daimler wird von einem Massehersteller wieder zu einem erfolgreichen Premiumhersteller", sagt Treckmann. Der teure Abschied von Chrysler dürfte das Konzernergebnis in diesem Jahr deutlich belasten, doch schon ab 2008 seien "signifikante Verbesserungen" in der Daimler-Bilanz zu erwarten.

"Die hohe Bewertung rechtfertigen"

Mit dem erwarteten positiven Ausblick für 2008 und 2009 könne Mercedes die Börsenbewertung rechtfertigen, die seit Beginn der Trennungsgerüchte deutlich gestiegen ist.

"Mit dem Verkauf des Chrysler-Anteils ist Daimler ein großes Schwankungsrisiko losgeworden - und dies offenbar auch zu einem vernünftigen Preis", ergänzt Marc-René Tonn, Analyst bei M.M.Warburg.

Mit der Marke Chrysler, die sich fast ausschließlich in Nordamerika verkauft, war DaimlerChrysler den starken Schwankungen des US-Pkw-Marktes extrem stark ausgesetzt: Sollte der US-Markt weiterhin Schwäche zeigen, dürfte sich Daimler in seiner Entscheidung bestätigt fühlen.

Wie Cerberus Daimler blamieren kann

Cerberus: Im Bett mit der Gewerkschaft

Und Cerberus? Es ist keine Barmherzigkeit, die den Finanzinvestor zum Kauf von Chrysler treibt. Die Gesellschaft hat den ehemaligen Chrysler-Sanierer Wolfgang Bernhard nicht engagiert, damit dieser seinem Ex-Kollegen Dieter Zetsche einen richtig guten Gefallen tun kann. Cerberus will mit Chrysler Geld verdienen, und das möglichst rasch.

Es wäre für das Daimler-Management hochnotpeinlich, wenn ein Finanzinvestor binnen kurzer Zeit etwas schafft, woran sich ein führender Autokonzern über Jahre vergeblich abgestrampelt hat. "Für Cerberus wird entscheidend sein, von der US-Gewerkschaft UAW ähnlich starke Zugeständnisse zu bekommen, wie sie bereits die Konkurrenten Ford  und General Motors  bekommen haben", sagt Treckmann. Dieses Entgegenkommen böte GM und Ford derzeit einen Kostenvorteil zwischen 600 und 800 Dollar pro Fahrzeug. Chryslers Vereinbarungen mit der UAW laufen im September aus: "Cerberus und die UAW müssten einen Abschluss hinbekommen, der eine neue Richtung einschlägt und die Sanierungsarbeit unterstützt", so der Analyst der Dresdner Bank.

Ausgerechnet eine "Heuschrecke" und eine mächtige US-Gewerkschaft sollen sich also auf schmerzhafte Einschnitte einigen, um die Wende bei Chrysler zu ermöglich. Auch Dieter Zetsche hatte bereits Fabriken geschlossen, Mitarbeiter entlassen und Preise bei Zulieferern gedrückt. Dennoch sind weitere Schritte notwendig: Wenn diese nun einem Finanzinvestor gelingen, der sich mit Wolfgang Bernhard noch rasch Branchen-Know-How eingekauft hat, wäre dies eine kleine Sensation.

Erfolg für Cerberus wäre Blamage für Daimler

So schlecht sind die Chancen für Cerberus nicht. Gewerkschaftschef Ron Gettelfinger hat den Einstieg von Cerberus - ungewöhnlich genug - ausdrücklich begrüßt und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert. Zweitens bekommt Cerberus Chrysler fast geschenkt - der Großteil der Kaufsumme fließt wieder in das Unternehmen hinein. Drittens wird Chrysler bis Jahresende seine Modellpalette deutlich verjüngen - mit neuen Modellen, die viele der berüchtigten Spritschlucker ersetzen, steigen auch die Absatzchancen.

"Sollte sich die Nachfrage auf dem US-Pkw-Markt rasch erholen, dann hat Cerberus ein gutes Timing bewiesen", sagt M.M. Warburg-Analyst Tonn. Er hält es für wahrscheinlich, dass sich Cerberus nach weiteren Partnern außer Daimler umsehen werde, um die Produktionskosten bei Chrysler zu senken. "Cerberus hat mit den Pensions- und Gesundheitskosten von Chrysler ein hohes Risiko übernommen", ergänzt Treckmann. "Falls die Nachfrage in den USA aber wieder anspringt und auch der Ölpreis mitspielt, kann die Rechnung dennoch aufgehen."

In diesem Fall könnte Chrysler, an dem Daimler immerhin noch knapp 20 Prozent hält, bald wieder erfreuliche Zahlen melden. Und der Stuttgarter Konzern hätte bewiesen, dass man nicht nur zum falschen Zeitpunkt kaufen, sondern auch zum falschen Zeitpunkt verkaufen kann.

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