Deutsche Telekom Kampf um das Symbol-Unternehmen

Die Krise spitzt sich zu. Zehntausende Telekom-Angestellte wollen ab morgen streiken. 96,5 Prozent der befragten Belegschaft haben dafür gestimmt - und die Gewerkschaft Verdi fühlt sich obenauf: Man könne den Ausstand wochenlang durchhalten. Jetzt appelliert die Telekom-Führung an ihre Angestellten. Und will zurückschlagen.
Von Karsten Stumm

Bonn - Die Deutsche Telekom  bereitet sich auf die größte Krise in ihrer Firmengeschichte vor. Erstmals seit ihrer Privatisierung vor zwölf Jahren steht der bedeutendsten europäischen Telefongesellschaft ein Arbeitskampf bevor, der nicht von Pappe sein wird. Das Telekom-Management wappnet sich ab sofort dafür, dass mehr als 20.000 ihrer 160.000 Angestellten die Arbeit niederlegen werden - mitten in der drückendsten Wettbewerbslage seit Jahren.

"Wir haben den Streik nicht gewollt, aber wenn es sein muss, dann muss es eben sein", verteidigte Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick heute die Marschroute des Unternehmens, die Telekom-Chef René Obermann vorgegeben hat. Er will bis zu 50.000 Angestellte in eine Servicegesellschaft ausgliedern, um in den kommenden Jahren jeweils bis zu 900 Millionen Euro weniger pro Jahr ausgeben zu müssen. "Ich bitte alle Mitarbeiter, vom Topmanagement bis zum Mitarbeiter an der Basis ihren Beitrag zum Erhalt der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu leisten", sagte Obermann heute zu manager-magazin.de. "Werden sie sich Ihrer Verantwortung bewusst."

Tatsächlich steckt die Telekom - und damit eines der bedeutendsten deutschen Unternehmen überhaupt - mächtig in der Klemme. Die gewollte Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes in Deutschland hat zu solch einem harten Wettbewerb hierzulande geführt, dass die Telekom immer schwerer dagegen halten kann. Erst heute musste Telekom-Chef Obermann offenbaren, wieder rund 588.000 Telefonkunden an die Wettbewerber wie etwa Arcor verloren zu haben. "Das macht sich beim Umsatz unserer Festnetzsparte bemerkbar, das sind durchaus relevante Zahlen", gab Obermann heute zu.

Schmerzlich dabei, dass die Telekom in dieser Lage auch noch auf vergleichsweise hohen Personalkosten sitzt. Von den betroffenen 50.000 Telekom-Mitarbeitern, die Obermann nun in eine Service-Gesellschaft auslagern möchte, arbeiten manche gerade einmal 34 Stunden in der Woche, und das zu Löhnen teils weit über dem Branchendurchschnitt. In der Bundesrepublik liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit nach Angaben der Hans-Böckler-Stiftung aber bei 37,2 Stunden, bei den höher qualifizierten Angestellten übersteigt sie locker die 42-Stunden-Grenze.

"Unsere Mitarbeiter verstehen die Angestellten der Telekom nicht, wie die in dieser Lage für eine 34-Stunden-Woche kämpfen können", kommentierte die Auseinandersetzung zuletzt Jürgen Grützner, Geschäftsführer des Branchenverbandes VATM - und damit der oberste Lobbyist der Telekom-Wettbewerber. "Bei uns geht jedenfalls kaum ein Mitarbeiter unter 40 Stunden Wochenarbeitszeit nach Hause."

Kampf um das Symbol-Unternehmen

Kampf um das Symbol-Unternehmen

Entsprechend verhärtet sind jetzt die Fronten zwischen Telekom-Management und Gewerkschaften. Während Telekom-Chef René Obermann das Unternehmen sanieren muss, will die Gewerkschaft Verdi das Erreichte verteidigen - nicht zuletzt, weil die Telekom aufgrund ihrer Größe und ihres Bekanntheitsgrades ein Symbolunternehmen für Verdi-Chef Frank Bsirske ist, ähnlich wie der Autobauer Volkswagen für die IG Metall. Entsprechend gelegen kam der Gewerkschaftsführung heute das Ergebnis der Streikstimmung der betroffenen Telekom-Angestellten.

"96,5 Prozent der stimmberechtigten Beschäftigten haben für den Arbeitskampf gestimmt", sagte Verdi-Bundesvorstand Lothar Schröder heute. "Damit haben wir einen sehr eindeutigen Auftrag erhalten, den wir zügig umsetzen werden." Verdi werde jetzt unmittelbar entsprechende Schritte einleiten.

Was das heißt, ist auch der Telekom-Führung klar. Die eigenen Angestellten wollen ab morgen vor allem das Geschäft ihres Arbeitgebers mit den Großkunden der Telekom lahmlegen. Finanzvorstand Eick kritisierte, dass die Geschäftskundensparte T-Systems von den Ausgliederungsplänen gar nicht betroffen sei. Dagegen betonte Verdi-Bundesvorstand Schröder, der Streik richte sich nicht gegen die Kunden, sondern gegen das Management der Telekom. Jedoch könne es vorkommen, dass Störungen erst verspätet beseitigt und Aufträge mit Verzögerung erledigt wurden. "Es wird Auswirkungen auf die Kunden haben, ob Privat- oder Geschäftskunden", betonte Schröder.

Telekom-Chef-Obermann hat in der Zwischenzeit alle Register ziehen lassen, um den Arbeitskampf so unbeschadet wie möglich zu überstehen. Mit einer Feststellungsklage ließ er überprüfen, ob der Verdi-Streik in allen Facetten überhaupt rechtens ist - nicht ohne auf mögliche Schadenersatzforderungen seines Unternehmens hinzuweisen. Auch innerhalb des Konzerns ließ er prüfen, welche Mitarbeiter die Arbeit ihrer streikenden Kollegen notfalls wenigstens zum Teil erledigen könnten. "Gehen Sie bitte davon aus, dass wir alles versuchen werden, damit der Betrieb weiterlaufen kann", sagte Obermann heute zu manager-magazin.de. "Wir habe Möglichkeiten geschaffen, um notfalls flexibel antworten zu können", ergänzte Eick

Nicht weniger kämpferisch und zuversichtlich zeigte sich heute allerdings auch die Gewerkschaft Verdi. "Was die Telekom auch versucht, man wird den Streik deutlich spüren", sagte Verdi-Verhandlungsführer Lothar Schröder heute. Und notfalls könne man den Ausstand auch lange durchhalten. "Wochenlang", sagte Schröder.

Das werden die Telekom-Aktionäre nicht gerne hören. Wie weit der Arbeitskampf das kommende Quartalsergebnis wohl verhageln wird, wollte Telekom-Finanzvorstand Eick jedenfalls heute nicht spekulieren. Noch halte der größte deutsche Telefonkonzern an seinen Gewinnzielen für das gesamte Jahr fest.