Wallenberg-Dynastie Alter Schwede

Im Ringen um die Übernahme des Lkw-Herstellers Scania rückt neben MAN-Hauptaktionär Volkswagen auch der zweitgrößte Scania-Anteilshalter, die schwedische Investor AB, immer mehr in den Vordergrund. Dahinter steht die einflussreiche Industriellenfamilie Wallenberg. Doch wer sind diese Wallenbergs?
Von Susanne Schulz

Stockholm - Während im Vordergrund die Jungspunde, der MAN-Vorstandsvorsitzende Håkan Samuelsson und der Scania-Vorstandsvorsitzende Leif Östling, die Muskeln spielen lassen und sich gegenseitig beschimpfen, ziehen die alten Herren im Hintergrund die Strippen. Ferdinand Piëch und Peter Wallenberg senior sind Wirtschaftsmagnaten alter Schule. Sie treffen sich privat, pflegen ihre Männerfreundschaft und vielleicht wird bei so einem Treffen bald das Schicksal der Lkw-Fabriken in München und Södertälje entschieden: Peter Wallenberg stopft sich seine Pfeife, lehnt sich zurück und entscheidet.

Obwohl sich der inzwischen 81-jährige Peter Wallenberg aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen hat und nach eigenen Worten nur noch "beratend" zur Seite steht, wird fast nur er in der schwedischen Presse zitiert. Insbesondere bei strategischen Entscheidungen der Wallenbergschen Beteiligungsgesellschaft Investor AB kann Sohn Jacob nur handeln, wenn er "mit dem alten Mann einer Meinung ist", so der auf die Wallenbergs spezialisierte Wirtschaftshistoriker Håkan Lindgren gegenüber manager-magazin.de.

Dabei wurde Peter Wallenberg wider Willen in die Rolle des "Pater Familias", wie Lindgren ihn nennt, gedrängt. Ursprünglich war dafür sein älterer Bruder Marc vorgesehen. Der nahm sich jedoch 1971 das Leben.

Die als unnahbar geltenden Wallenbergs prägen schon seit Generationen die Entwicklung Schwedens wie keine andere Wirtschaftsdynastie ein ganzes Land geprägt hat. Sie begleiteten den skandinavischen Staat auf seinem Weg vom Agrarland zur Industrienation, indem sie gezielt Unternehmen förderten und finanzierten.

Eine Wirtschaftsdynastie entsteht

Eine Wirtschaftsdynastie entsteht

Noch heute hält die Familie über ihr Investmentvehikel Investor AB und verschiedene Wallenbergsche Stiftungen bedeutende Anteile an Traditionsunternehmen wie Scania , dem Maschinenbauer Atlas Copco , dem Pharmakonzern Astrazeneca , dem Elektrotechnikkonzern ABB , dem Telekomriesen Ericsson , dem Hausgerätehersteller Elektrolux oder der SE-Bank. Seit 1994 engagieren sich die Wallenbergs auch über die auch in Deutschland tätige Fondsgesellschaft EQT im Private-Equity-Geschäft.

Zur Mythenbildung trug vor allem das Geschäftsgebaren der Wallenbergs im Zweiten Weltkrieg bei. Bislang unbekanntes Familienarchivmaterial wurde kürzlich in einer dreiteiligen TV-Dokumentation im schwedischen Fernsehen gezeigt. Regisseur Gregor Nowinski hatte zwei Jahre lang eng mit der sonst eher kamerascheuen Familie zusammengearbeitet. Jacob Wallenberg senior galt ursprünglich als Nazisympathisant, weil er im Zweiten Weltkrieg mit dem für die Rüstungsindustrie arbeitenden Bosch-Konzern Geschäfte gemacht hatte. Dem neuen Material zufolge war er jedoch gemeinsam mit Bruder Marcus an der Widerstandsbewegung im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt.

Eine noch heldenhaftere Rolle spielte der damals in Ungarn stationierte schwedische Diplomat und Cousin der Brüder Jacob und Marcus, Raoul Wallenberg. Er ermöglichte mehreren hundert Juden die Ausreise nach Schweden und rettete ihnen somit das Leben.

Den Grundstein für das Wirtschaftsimperium Wallenberg legte Urahn André Oscar Wallenberg im Jahre 1856, als er die erste Privatbank Schwedens, die Stockholms Enskilda Banken (heute Skandinaviska Enskilda Banken, kurz: SEB) ins Leben rief. Aber erst mit der Gründung der Beteiligungsgesellschaft Investor AB im Jahre 1916 durch André Oscars Söhne hatte der Clan die richtige Form für die Lenkung der Wirtschaft gefunden. Da Banken damals in Schweden die Beteiligung an Unternehmen untersagt wurde, überführten die beiden Söhne, Knut und Marcus Wallenberg, das Familienvermögen in eine Stiftung und folgten mit dem Investmentvehikel dem traditionellen Familien-Credo, "best-in-class"-Unternehmen zu finanzieren und aufzubauen. In Schweden sagt man: Während die Sozialdemokraten den teuren Wohlstandsstaat – das so genannte Folkhemmet (Volksheim) – aufbauten, wurde es von den Wallenbergs finanziert.

Familienmitglieder in Schlüsselpositionen

Familienmitglieder in Schlüsselpositionen

Die Investor AB hält seither stimmmächtige Beteiligungen an den wichtigsten schwedischen Unternehmen. Unterstützt wurden die Wallenbergs dabei von den lange regierenden Sozialdemokraten. Diese hatten gegen Forderungen der EU die in Schweden existierenden sogenannten A-Aktien verteidigt.

Mittels dieser Vorzugsaktien kann die Familie mit wenig Kapital viel Macht in den Rängen ihrer Beteiligungen ausüben. So hält der Clan beispielsweise über die Investor AB und verschiedene Stiftungen nur rund 17 Prozent des Kapitals an Scania , jedoch knapp 31 Prozent der Stimmen. Auch VW verfügt ausschließlich über A-Aktien des Lkw-Herstellers. MAN  hingegen muss sich mit A- und B-Aktien begnügen, wodurch der Münchener Lastwagen- und Maschinenbauer zwar rund 13 Prozent des Kapitals, aber nur knapp 15 Prozent der Stimmen innehat.

Moderne trifft Tradition

Stimmgewalt allein reicht den Wallenbergs jedoch nicht. Traditionell besetzen sie wichtige Managementposten mit - ausschließlich männlichen - Familienmitgliedern. So ist beispielsweise Jacob Wallenberg, der älteste Sohn des heutigen Familienoberhaupts, Aufsichtsratsvorsitzender bei Investor. In den Aufsichtsräten von Scania und Investor sitzt außerdem Bruder Peter Wallenberg junior während dem Aufsichtsrat der SEB Cousin Marcus Wallenberg vorsteht.

Bis 2005 war auch der Chefposten des Flaggschiffs Investor AB mit einem Wallenberg besetzt. Mit Börje Ekholm sitzt nun erstmals kein Familienmitglied dem Vorstand vor. Er hat dem bislang als auf langfristige Investitionen spezialisierten Unternehmen eine schnellere Gangart verpasst. Im Fall Scania hält er sich allerdings der Wallenbergschen Tradition entsprechend bedeckt.

Klar ist nur, dass das Gebot in den Augen der Investor AB bislang zu niedrig war und die Beteiligungsfirma eine größere Rolle bei der Fusion spielen will, so der Stockholmer Analyst der Handelsbanken Magnus Dahlhammar gegenüber manager-magazin.de. "Erstens ist Scania profitabler als MAN und zweitens wollen die Wallenbergs weiterhin das Sagen haben", schätzt Dahlhammar die Situation ein.

Peter Wallenberg senior gibt sich unwissend, wenn es um die mögliche Allianz zwischen MAN, VW und Scania geht. Der schwedischen Wirtschaftszeitung "Dagens Industri" sagte er kürzlich, er glaube, eine Lkw-Fusion sei interessant, aber schwer erreichbar. Gefragt, ob sie denn tatsächlich zustande komme, antwortete er schlicht: "Ich weiß es nicht." Es sei nicht gesagt, dass die zwei Unternehmen zusammenpassten, nur weil sie der gleichen Branche angehörten. Es bleibt also wohl abzuwarten, bis sich die Herren Piëch und Wallenberg wieder einmal zusammensetzen und der alte Schwede seine Pfeife stopft.