Siemens Noch mehr Schmiergeld?

Die Prüfung fragwürdiger Beraterverträge bei Siemens ist längst nicht abgeschlossen. Die Kanzlei Debevoise & Plimpton habe erst ein Fünftel von bis zu 10.000 Kontrakten ausgewertet, heißt es in einem Zeitungsbericht. Mit Hochdruck wird die Sparte VDO geprüft - obwohl es dort bisher offenbar kaum konkrete Anhaltspunkte gibt.

München - Allein in der Telekomsparte von Siemens (Com) soll es nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) Beraterverträge "mit einem Volumen von etwa einer Milliarde US-Dollar" geben, auf die Anwälte der US-Kanzlei Debevoise & Plimpton gestoßen seien. Es soll sich allein in dieser Sparte um 2000 "Abkommen" handeln, die derzeit von Debevoise darauf geprüft würden, ob verschleierte oder direkte Bestechungszahlungen vorliegen.

Aus den anderen Sparten des größten Dax-Konzerns kämen weitere bis zu 8000 zu prüfende Beraterverträge hinzu. Von den insgesamt 10.000 Kontrakten sei aber erst ein Fünftel gecheckt worden. Nach Informationen von manager-magazin.de aus unternehmensnahen Kreisen trifft die Zahl von 10.000 Beratervertägen zu, der Löwenanteil davon sei aber angeblich rechtlich unstrittig, was sich bei der Überprüfung schnell ergeben werde. Dennoch müssten die US-Anwälte jedes einzelne der Dokumente akribisch prüfen, was viel Zeit in Anspruch nehme.

Schon sieben von zehn Konzernsparten unter Verdacht

Die "SZ" bezieht sich bei ihren Angaben über die Arbeit von Debevoise auf eine Sitzung des Siemens-Aufsichtsrats am 25. April, in der die vom Konzern beauftragte US-Kanzlei über erste Ergebnisse ihrer Untersuchungen berichtet habe. So sollen die Anwälte dem Kontrollgremium auch mitgeteilt haben, dass bis jetzt sieben von zehn Konzernsparten vom Schmiergeld-Skandal betroffen seien.

Ein Siemens-Sprecher erklärte dazu gegenüber manager-magazin.de: "Wir kommentieren generell keine Details der laufenden internen wie auch externen Untersuchungen rund um die angesprochenen Vorgänge. Wir haben bereits mehrfach öffentlich darauf hingewiesen, dass Siemens  die Untersuchungen auf alle Bereiche des Unternehmens ausweitet. Dies erfolgt sehr sorgfältig und umfassend. Ziel ist es, umfassend Transparenz zu schaffen."

Im jüngsten Zwischenbericht des Konzerns wurde unter dem Stichwort "Rechtsstreitigkeiten" mehrfach betont, dass der Umfang der Untersuchung sowie finanzielle und juristische Konsequenzen derzeit nicht abzuschätzen seien.

"Im Bereich Com wurden zahlreiche Business Consultant Agreements (BCAs) identifiziert", heißt es in dem Konzernpapier weiter. "Wir haben eine Vielzahl von Zahlungen im Zusammenhang mit diesen Verträgen identifiziert, für die wir entweder noch keine hinreichende Geschäftsgrundlage erkennen oder den Empfänger noch nicht hinreichend identifizieren konnten." Zur Klärung analysiere Siemens derzeit auch "Barscheckzahlungen und Kassenauszahlungen", die mit den BCAs in Verbindung stehen könnten.

Die Ausweitung der Untersuchungen von Debevoise bei der Sparte Com auf andere Konzernbereiche habe "derzeit begonnen", heißt es in dem Anfang Februar erschienenen Papier.

Machtkampf im Aufsichtsrat

Mit dem höchsten Druck soll derzeit nach Informationen von manager-magazin.de die Prüfung der Autozuliefersparte VDO vorangetrieben werden. Auslöser für den überproportional hohen Einsatz, mit dem VDO Automotive seitens Siemens und Debevoise geprüft wird, sind allerdings nicht etwa besonders bedrückende Verdachtsmomente. Die Vorbereitungen für den Börsengang der Sparte lägen "voll im Plan", hatte Noch-Vorstandschef Klaus Kleinfeld vor zwei Wochen erklärt. Der Börsengang eines Konzernteils von Siemens, bei dem im Vorwege nicht alle Zweifel aus dem Weg geräumt wären, könnte sich rasch zum Himmelfahrtskommando entwickeln.

Ein solches wollen die Aufsichtsräte bei Siemens auch in einer anderen Frage verhindern - der Besetzung des Chefpostens im Vorstand, der spätestens im September frei wird - länger will Amtsinhaber Kleinfeld nicht bleiben. Der "Tagesspiegel" zitierte Unternehmenskreise mit den Worten, im Aufsichtsrat tobe "ein verdeckter Machtkampf". Die Arbeitgeberseite unter der Führung von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme setzte sich vehement für einen externen Kandidaten ein, Wunschkandidat soll nach wie vor der jetzige Linde-CEO Wolfgang Reitzle sein. Die Arbeitnehmer favorisierten dagegen einen Kandidaten aus den eigenen Reihen, so der Bericht.

Unter den internen Kandidaten gelte Erich Reinhardt, der Leiter der Medizintechnik-Sparte, als Favorit. Der Verein der Belegschaftsaktionäre habe aber drei weitere Namen ins Spiel gebracht, heißt es in dem Bericht: Helmut Gierse, der die Automatisierungs- und Antriebstechnik leitet, Gebäudetechnik-Vorstand Heinrich Hiesinger und Technik-Vorstand Hermann Requardt. Reinhardt und Requardt sind beide auch Mitglieder des Siemens-Zentralvorstands.

manager-magazin.de