Presseschau "Sadomasochistische Wähler"

Frankreich hat sich für einen neuen, polarisierenden Präsidenten entschieden. Die europäischen Zeitungen kommentieren den Wahlsieg von Nicolas Sarkozy sehr unterschiedlich.

"Libération", Paris:

"Nicolas Sarkozy ist ein legitimer Präsident, der ohne Umschweife und Zögern gewählt wurde. Das andere Frankreich wird einen Ausgleich bei der Parlamentswahl suchen. Bis dahin schaut es mit bedrücktem Herzen auf seine Niederlage und versucht, trotz allem weiter zu hoffen. Dieser Rückschlag muss die Kräfte der Kreativität und Modernisierung wecken, die sich mit Realismus verbinden müssen."

"De Volkskrant", Den Haag:

"In den meisten europäischen Hauptstädten wird überwiegend zufrieden auf dieses Ergebnis reagiert. Nicht nur, weil Sarkozy ein Referendum über eine neue, stark eingekürzte europäische Verfassung vermeiden will, sondern auch und vielleicht vor allem, weil er sich mehr als Royal als willensstarker Reformer profiliert hat. Sozial- ökonomische Reformen sind bitter nötig in Frankreich, das dem europäischen Alltag noch immer einen schweren Stempel aufdrückt. (...) Sarkozy muss zeigen, dass seine Zusage, 'Präsident aller Franzosen' zu werden, keine hohle Phrase ist und dass Erneuerung Frankreich weiter bringt als die Ängstlichkeit, die sein Vorgänger in den vergangenen Jahren gezeigt hat."

"Le Courrier picard", Paris:

"Sarkozy kann seinem Gegner unendlich dankbar sein, denn dieser hat ihm seine Aufgabe stark erleichtert und seine eigene Niederlage geschmiedet. Er kann auch denen danken, die aus den Rängen der Linken desertiert sind. Wenn er die republikanische Binsenweisheit äußert, dass sein Sieg nicht der Sieg des einen Frankreichs über das andere ist, dann weiß er, dass die Gründe für seinen Sieg widersprüchlich, paradox und sogar - wagen wir es, das zu sagen - sadomasochistisch sind. Frankreich hat eine Linke zurückgewiesen, die es nicht geschafft hat, sich nach ihrem Scheitern 2002 neu zu gründen. Das ganz in Blau gemalte Frankreich macht Nicolas Sarkozy zu einem absoluten Präsidenten (oder Monarchen?)."

"Erfüllung aller Wünsche"

"Basler Zeitung", Basel:

"Kann man mehr versprechen als die Erfüllung 'aller' Wünsche, das Verständnis für 'alle' Sorgen? Alles ist möglich - das Beste, aber auch das Schlimmste. Wer daran denkt, wie eng in der Realpolitik der politische und finanzielle Spielraum für den kommenden Staatschef ist, kann über solch demagogische Verheißungen (und über jene, die diese Illusion abkaufen) nur den Kopf schütteln. Jetzt muss Sarkozy seinen hoffnungsvollen Bürgern beweisen, was wirklich machbar ist."

"Le Figaro", Paris:

"Welch Sieg, welch Schwung! Sarkozys meisterlicher Sieg gehört zu denen, die dauerhaft die Geschichte des Landes prägen. Denn er krönt eine langen Reihe der Rekorde: ein außerordentlich aktiver und erbitterter Wahlkampf, eine massive Wahlbeteiligung und vor allem ein Sieg über die Linke, wie er seit General de Gaulle niemals erreicht wurde. Gestärkt von der Legitimität dieses unbestreitbaren Wahlerfolgs kann der neue Präsident jetzt einen großen Umbau vornehmen. Er muss dabei natürlich darauf achten, die Franzosen zu versöhnen, die der scharfe Wahlkampf gespalten hat. Jahrelang hatte das Land Angst vor dem Wandel und seine Führer waren überzeugt, dass man besser vorsichtig bleibe. Nicolas Sarkozys Wahlsieg wurde getragen vom Wunsch nach Wechsel und von der Sehnsucht, eine neue Seite aufzuschlagen. Er schafft eine neue Lage. Dieser Sieg des 6. Mai ist der Sieg der Veränderung."

"Daily Telegraph", London:

"Nach allen Maßstäben ist dies eine überwältigende Leistung: Nicolas Sarkozy hat die französische Präsidentschaft mit einem bequemen Vorsprung bei einer außerordentlich hohen Wahlbeteiligung gewonnen. Er hat jetzt zweifellos ein Mandat für radikale Veränderungen. Sarkozy ist allerdings nicht der erste, der mit einem Reformticket gewählt wurde. Es ist üblich, dass Kandidaten Veränderungen versprechen. Zuletzt hatte das, in welch allgemeiner Form auch immer, Jacques Chirac getan, der dann zwölf Jahre lang über Stillstand und Korruption präsidierte. Sarkozy hingegen ist ins Detail gegangen. Sein Manifest verspricht ganz spezifische Maßnahmen, um Frankreich aus der Erstarrung zu holen: Privatisierung, ein Einstellungsstopp im öffentlichen Sektor, Steuererleichterungen und ein Ende der 35-Stunden-Woche."

"Brüssel und Berlin werden es schwer haben"

"Landeszeitung", Lüneburg:

"Die Sehnsucht der Franzosen nach der alten Stärke ihrer 'großen Nation' war größer als der Mut zu Neuem. Nicolas Sarkozys Wahlsieg ist insofern logisch. Denn er steht für eine starke Präsidialrepublik, während Wahlverliererin Royal einen Wechsel zur parlamentarischen Republik wollte. Sarkozys Wahlversprechen, das Wachstum anzukurbeln, das Land zu modernisieren und die Franzosen zu versöhnen, kam bei der Mehrheit der Wähler besser an. Denn Frankreichs Wirtschaft lahmt, Schulden und Arbeitslosigkeit sind hoch. Europa wird sich mit Sarkozy auf einen Akteur einstellen müssen, der Konsens nicht um jeden Preis sucht. Einen EU-Beitritt der Türkei lehnt Sarkozy ebenso ab wie einen neuen Anlauf zur EU- Verfassung. Er favorisiert einen einfacheren Vertrag - Brüssel und Berlin werden es nicht einfacher haben."

"Les Dernières Nouvelles d'Alsace", Mulhouse:

"Das ist der Triumph des Frankreichs der Rechten. Es hat eindeutig die Mehrheit und steht vollständig versammelt hinter dem Mann, der unzweideutig und ohne Komplexe die neokonservativen Werte verkörpert, zu deren effizientem und brillantem Anwalt er sich gemacht hat. Die Sozialisten waren unfähig zu einem rechtzeitigen Wandel. Sie bezahlen ihre Zweideutigkeiten und ihren Mangel an Entscheidungen jetzt sehr teuer. Denn während Ségolène Royal lavierte, hat Nicolas Sarkozy Flagge gezeigt. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger wird er keine Angst haben, seine Versprechen zu halten, auch wenn er damit das Land erschüttert. Die Franzosen wissen, woran sie sich halten können. Ob man den neuen Präsidenten liebt oder fürchtet: Mit ihm wird man sich nicht langweilen!"

"Pravo", Prag:

"Frankreich erwartet eine Zeit tiefer Änderungen. Mit der Wahl von Sarkozy gab die Mehrheit der Franzosen einer größeren Liberalisierung der Wirtschaft den Vorzug vor sozialen Aspekten. Während Gegenkandidatin Ségolène Royal in den entscheidenden Momenten ein schwacher Gegner schien, formulierte der neue Mann im Elysee-Palast seine Ziele klar - wenngleich auch er sich am Ende des Wahlkampfs gemäßigt gab."

Quelle: dpa

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