Metall-Abschluss "Passt in die Landschaft"

Gewerkschafter und Arbeitgeber verständigten sich nach einem 20-stündigen Verhandlungsmarathon auf deutliche Lohnerhöhungen für die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie. Konjunkturexperten sind ebenfalls zufrieden. Der Abschluss sei kein Grund für die EZB, die erwartete Zinserhöhung vorzuziehen.
Von Rita Syre

Frankfurt am Main/Sindelfingen - Die Entwicklung der Löhne und Gehälter steht für die Notenbanker in der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt wegen der potenziellen Inflationsgefahr immer auf der Tagesordnung. Deshalb wird auch der Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie genau analysiert werden.

Die Beschäftigten erhalten von Juni an 4,1 Prozent mehr Geld. Nach zwölf Monaten gibt es eine weitere Erhöhung der Löhne und Gehälter um 1,7 Prozent. Darauf haben sich IG Metall und Arbeitgeber am Freitag in Sindelfingen nach mehr als 20 Stunden geeinigt.

Zudem gibt es eine Einmalzahlung von 400 Euro für April und Mai 2007. Die Laufzeit beträgt insgesamt 19 Monate. Die Einigung für 800.000 Beschäftigte in Baden-Württemberg gilt als Pilotabschluss für die gesamte Branche mit bundesweit 3,4 Millionen Beschäftigten.

Holger Schmieding beunruhigt das Verhandlungsergebnis mit Blick auf etwaige Folgen für die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht. "Der Tarifabschluss erhöht die Kosten der Unternehmen um knapp 4 Prozent. Dies kann die Branche im derzeitigen Boom durchaus verkraften", urteilt der Chefvolkswirt der Bank of America. Zum einen seien die Produktivitätszuwächse in den Unternehmen hoch genug, und zum anderen sei es eine sehr wettbewerbsintensive Branche. Der hohe Konkurrenzdruck verhindert seiner Ansicht nach, dass die Unternehmen die höheren Lohnkosten auf die Preise überwälzen können.

Wegen des Pilotabschlusses für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie müssten also die Notenbanker in Frankfurt keineswegs beunruhigt sein, sagt der Ökonom der amerikanischen Großbank. Das denkt auch Stefan Mütze von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). "Der Abschluss in der Metall- und Elektroindustrie ist verkraftbar und passt in die Landschaft", sagt er kurz und bündig.

Auch der jetzt verhandelte Abschluss beweise, dass in der diesjährigen Verhandlungsrunde "sehr differenzierte" Ergebnisse möglich seien, betont der Helaba-Konjunkturexperte. Er verweist auf die von der Konjunkturentwicklung abhängige Einmalzahlung, die in der vorangegangenen Chemietarifrunde ausgehandelt wurde. Das gebe den Unternehmen die notwendige Flexibilität, und die Arbeitnehmer könnten von der guten Wirtschaftsentwicklung profitieren. Das, fährt Mütze fort, würde zusammen mit der Besserung der Lage am deutschen Arbeitsmarkt auch den Konsum der Deutschen anregen.

"Aber das Thema Tarifverhandlungen bleibt auf der EZB-Agenda", warnt Schmieding. Ganz obenan stehen die Verhandlungen im Dienstleistungsgewerbe, das von der Konjunktur weniger begünstigt ist. Die kritische Grenze verläuft dort nach Ansicht der Bank of America bei Lohn- und Gehaltsabschlüssen von mehr als 3 Prozent. "Sollten wir am Ende der Verhandlungen Abschlüsse von mehr als 3 Prozent sehen, dann wird das eine nennenswerte Preiserhöhung nach sich ziehen", erwartet er. Die Konsequenz liegt nach Ansicht von Schmieding auf der Hand: Dann werde die Europäische Zentralbank früher als bisher am Kapitalmarkt erwartet die Leitzinsen auf mehr als 4 Prozent erhöhen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.