Nokia Siemens Networks Schwere Kindheit, wilde Jugend

Was macht eigentlich ein Netzwerkausrüster? Profite, antwortet der neue Player am Markt, Nokia Siemens Networks. Und setzt dann hinzu: aber nicht allzu viele. In die Schlagzeilen geriet das deutsch-finnische Joint Venture nun mit Entlassungsplänen.

Hamburg - Neun Monate, die Zeit einer Schwangerschaft. Das ist die Vorbereitungszeit, die eines der größten Joint Ventures der Telekombranche hatte, bevor es sich dem Markt stellen musste, am 1. April.

Das Kind heißt Nokia Siemens Networks (NSN), trägt also die Namen beider Elternteile. Formell sind auch beide gleich beteiligt: Nokia  wie Siemens  halten je 50 Prozent an dem Unternehmen. Wer das Heft in der Hand hält, das allerdings wird nicht nur hierzulande misstrauisch beäugt. So wurde befürchtet, dass von dem lange geplanten Stellenabbau die deutschen Standorte stärker betroffen sein könnten als die finnischen. Nun machen erste Konkretisierungen die Runde: Von 9000 Streichungen weltweit sollen 2900 auf Deutschland entfallen; Finnland soll nur 1500 bis 1700 Arbeitsplätze einbüßen.

Nachbeben des Schmiergeldskandals

Auch der CEO ist ein Nokia-Mann. Simon Beresford-Wylie, gebürtiger Brite, Historiker, Stanford-Absolvent. Seit 1998 ist er bei den Finnen, zuletzt führte er deren Netzwerk-Sparte. Mit Joint Ventures hat er Erfahrung. Zuvor arbeitete er für den australischen Telekommunikationskonzern Telstra , für den er ein Gemeinschaftsprojekt in Indien hochzog.

Wäre es nach Beresford-Wylie gegangen, hätte sein neues Unternehmen schon im Januar das Licht der Welt erblickt. Doch die Schmiergeldaffäre bei Siemens kam dazwischen. Der Siemens-Anteil an dem Joint Venture besteht hauptsächlich aus Teilen der alten Com-Sparte, die der damalige Konzernchef Klaus Kleinfeld mangels Rentabilität loswerden wollte. Ausgerechnet auf diesen Bereich konzentriert sich aber der Schmiergeldskandal.

Nokia drohte die Sache zu heiß zu werden: Welche Enthüllungen mochten da noch lauern? Schließlich schoss Siemens noch mehr Geld zu, als Risikovorsorge. Brancheninsider sprechen von 300 Millionen Euro, eine Zahl die Beresford-Wylie in Interviews unwidersprochen ließ. Insgesamt sollen die Münchener Vermögenswerte in Höhe von 2,4 Milliarden Euro eingebracht haben.

"Leider nicht wie gewünscht"

"Leider nicht wie gewünscht"

Nun geht es ans Geldverdienen. Nokia ist für Handys bekannt, Siemens für Technik aller Art und Größenordnung. NSN beliefert Betreiber von Mobilfunknetzen mit Hardware: eine riesige, aber unsichtbare Branche, die in alle Winkel des Planeten vordringt und erhebliches technisches Potenzial hat. Beispielsweise haben Berliner Mitarbeiter die UMTS-Technik mitentwickelt.

Beresford-Wylie geht von 2,5 Milliarden Mobilfunkkunden weltweit aus. Wohlgemerkt: Nicht seine Kunden, sondern wiederum deren Kunden - jeder, der ein Handy benutzt. Deren Zahl solle sich bis 2015 verdoppeln. Und weil über die Mobilfunknetze nicht mehr nur gesprochen, sondern auch gesurft werden soll, will man bald vor allem mobile Breitbandanschlüsse verkaufen. Damit wächst der Datenverkehr enorm, laut NSN auf das Hundertfache. Die Netzbetreiber brauchen neue Gerätschaften. Funknetzwerke sind ein Wachstumsmarkt.

Liest man diese Prognosen, ist man über die eigenen Wachstumserwartungen des neuen Unternehmens verdutzt. Schon im Vorfeld waren sie "niedrig". Dann hatte Beresford-Wylie seinen ersten Arbeitstag und setzte sie auf "sehr niedrig". Schon im Frühjahr hatten Gewerkschafter gewarnt, dass sich der Auftragseingang in der Sparte "leider nicht wie gewünscht" entwickelt. Zusätzlich die Schmiergeldaffäre, eher keine gute Werbung.

Mahnendes Beispiel Alcatel-Lucent

Mancher Analyst ist deshalb skeptisch. Der Mobilfunk der dritten Generation wird am Markt nicht wie erhofft angenommen, ebenso wenig Internet-TV. Dafür wächst der Preisdruck durch neue Konkurrenz aus Indien und China. Das ebenfalls junge Joint-Venture von Alcatel und Lucent  könnte ein mahnendes Beispiel sein. Die Integration läuft schleppend, die Verluste sind hoch.

Beschäftigungsgarantie bedroht?

"Bei uns wird es keine Schmiergelder geben"

NSN freilich hofft diese Schwäche nutzen zu können. Doch dafür ist der verspätete Start ungünstig, auch wenn der britische Chef Stein und Bein schwört, deshalb keinen einzigen Kunden verloren zu haben. Ein lachender Dritter profitiert vom angeschlagenen Wettbewerb, Ericsson .

Beresford-Wylie weiß genau, dass er Vertrauen herstellen muss. "Bei uns wird es keine Schmiergelder geben", betont er unermüdlich. Und er sieht massiven Sanierungsbedarf. 1,5 Milliarden Euro sollen bis 2010 eingespart werden, vor allem durch Stellenstreichungen.

Das wird besonders den Bereich Forschung und Entwicklung treffen, vermuten Beobachter. In dieser Branche hat der einen hohen Stellenwert - etwa 17 Prozent des Umsatzes - und hier dürfte es zahlreiche Doubletten im Joint Venture geben.

Leicht wird das allerdings nicht. Noch unter Siemens-Regie hatten die Gewerkschaften eine Beschäftigungsgarantie bis 2009 vereinbart, sodass nur Abfindungs- und Vorruhestandsregelungen in Frage kommen, um Personal freizusetzen.

Wie so 2900 Stellen wegfallen sollen, ist noch unklar, die Gewerkschaften wittern schon Wortbruch.

Beresford-Wylie gibt sich dennoch frohgemut. Bereits im ersten Lebensjahr soll NSN eine "zweistellige operative Marge" erwirtschaften, vor Abzug der Umstrukturierungskosten. Vieles spricht dafür, dass Nokias und Siemens' jüngster Spross eine aufregende Jugend haben wird.

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