Deutsche Telekom Pfeifkonzert für Obermann

Die Auseinandersetzung mit Verdi und der Massenexodus bei den Festnetzkunden werfen Schatten auf die Hauptversammlung der Deutschen Telekom. René Obermann musste seine Rede wegen lautstarker Proteste mehrfach unterbrechen. Doch für seine Sanierungspläne erntet der Konzernchef auch Zustimmung.

Köln - Kurz vor 9 Uhr herrscht Ausnahmezustand vor der Kölnarena. Ankommende Aktionäre müssen sich ihren Weg zur Hauptversammlung der Deutschen Telekom durch einen Trupp von mehreren Dutzend Demonstranten bahnen. Sie stehen am Eingang wie mahnende Wächter. "Obermann, wo bleibt die Menschenwürde?" steht auf einem Transparent.

Monteure und Servicemitarbeiter fürchten um ihre Jobs, 50.000 von ihnen sollen nach den Plänen des Telekom-Managements in eigenständige Servicegesellschaften ausgegliedert werden. Das bedeutet: mehr Arbeit, weniger Lohn. "Jeder von uns hat sich einen gewissen Lebensstandard aufgebaut", klagt ein Mitarbeiter, "viele müssen Schulden abbezahlen". Da könne man nicht plötzlich mit weniger Geld auskommen.

Fast unbemerkt am Rand steht der stellvertretende Aufsichtsratschef und Verdi-Mann Lothar Schröder. Gegenüber manager-magazin.de kündigt er vorab Proteste der Gewerkschaft auch auf der Hauptversammlung an. "Es wird deutlich werden, dass wir im Betrieb mit zahlreichen Unzulänglichkeiten zu tun haben", sagt er. Die Telekom wolle ihren Service verbessern, gleichzeitig jedoch die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter verschlechtern. Innerhalb der betroffenen Belegschaft herrsche "absolute Unzufriedenheit". Die Produktivität im Servicebereich müsse steigen, fordert Schröder: "Aber lasst unsere Geldbeutel in Ruhe!"

Die demonstrierenden Telekom-Mitarbeiter brüllen nicht, keine Trillerpfeife ist draußen zu hören. Sie stehen einfach nur da, viele schweigen. Und sie verteilen Flugblätter, auf denen steht, dass die Auslagerungspläne keine Perspektiven schafften. "Im Gegenteil, Service und Qualität der Telekom-Leistungen werden dadurch verschlechtert, sollte es bei dieser falschen Unternehmensentscheidung bleiben. Das weitere Abwandern von Kunden ist die zwangsläufige Folge."

Ruhe vor dem Sturm unter den Demonstranten, Nervosität bei der Telekom. Sicherheitsvorkehrungen wurden getroffen. Selbst Pressevertreter müssen einen Sicherheitscheck durchlaufen, die Taschen werden durchleuchtet. Fast wie am Flughafen. Einziger Unterschied: Getränkeflaschen sind erlaubt.

Gegen 10 Uhr sitzt Verdi-Vertreter Schröder in der Kölnarena, auf der Aufsichtsratsbank direkt neben DGB-Chef Michael Sommer. Das Bollwerk gegen die Sanierungspläne des Telekom-Managements. Da kommt Telekom-Chef René Obermann. Schröder steht auf. Beide schauen sich in die Augen, lächeln, und drücken sich sekundenlang die Hände. Einige Worte werden gewechselt. Noch herrscht keine Eiszeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretern.

In den Minuten vor seiner Rede wirkt Konzernchef Obermann nervös. Er rutscht auf seinem Stuhl herum, räuspert sich mehrfach, zupft am Kragen seines Sakkos. Schröder hingegen lehnt sich lässig zurück. Rund 1000 Mitarbeiter, so schätzt der Verdi-Mann, haben sich unter die Aktionäre gemischt.

Als Obermann – braun gebrannt und plötzlich voller Elan – zum Rednerpult tritt, kommt er schon bald auf das beherrschende Thema zu sprechen: Bis zum Jahr 2010 wolle er 4,2 bis 4,7 Milliarden Euro jährlich an Sach- und Arbeitskosten einsparen. Dafür erhält er zaghaften Applaus, aber auch Pfiffe. Selbst für die Ankündigung, auch bei den Managergehältern Abstriche machen zu wollen, erntet Obermann Protest. Erstmals muss der Telekom-Chef seine Rede unterbrechen. "Warum Sie pfeifen, wenn der Vorstand sparen will, verstehe ich nicht – das wissen Sie wohl besser", poltert Obermann in Richtung der protestierenden Besucher. "Es ist eben schwierig, es allen recht zu machen, gell?".

Die Stimmung eskaliert

Die Stimmung eskaliert

Obermann ätzt, aber er behält die Fassung. Die anwesenden Mitarbeiter zunächst auch. Doch die Stimmung eskaliert. Gegen 11.30 Uhr herrscht in der Kölnarena die Atmosphäre eines Fußballstadions.

Auslöser ist Obermanns bereits bekannte Ankündigung: "Einerseits müssen wir die Kosten senken, andererseits müssen und werden wir unseren Kundenservice weiter verbessern". Nur durch die Kombination beider Ziele könnten Arbeitsplätze langfristig gesichert werden. Laute Pfiffe und Buhrufe übertönen die Ausführungen des 44-jährigen Telekom-Lenkers.

Abweichend vom vorbereiteten Redetext ruft Obermann in den Saal: "Alles andere ist an der Realität vorbei!" Verdi wirft der Telekom-Chef Besitzstandswahrung vor – mit Wettbewerbern habe die Gewerkschaft "zu erheblich niedrigeren Bedingungen" Tarifverträge abgeschlossen. Verdi-Vertreter Schröder bleibt im Hintergrund cool, er hat seine Hände wie zum Gebet gefaltet. Aus den Zuschauerrängen dagegen tönen tumultartige Zwischenrufe. "Vielleicht haben Sie ja ein Lösungsangebot", ruft er den Protestlern entgegen – und heizt die Stimmung dadurch weiter an.

Dann geht Obermann näher auf seine Sparpläne hinsichtlich der Vorstandsgehälter ein: Die Topmanager würden in diesem Jahr auf jeweils ein, er selbst auf zwei Monatsgehälter verzichten. Die Stimmung bleibt dennoch aufgeheizt. "Wenn ich zwei Millionen Euro im Jahr verdienen würde, könnte ich auch leicht auf Gehalt verzichten", sagt ein Telekom-Mitarbeiter gegenüber manager-magazin.de.

Doch von vielen anderen Aktionären, die offenbar nicht von den Ausgliederungsplänen betroffen sind, erhält Obermann auch immer wieder Applaus. Dieser wird jedoch von den Pfiffen erstickt. Die zwei Fronten werden sichtbar: Viele hoffen auf einen steigenden Aktienkurs durch die Sanierungsmaßnahmen, während Mitarbeiter um Löhne und Jobs fürchten. So erhält Obermann am Ende seiner einstündigen Rede Beifall und Pfiffe zugleich.

Anschließend rechnet Kornelia Dubbel, Betriebsrätin und Vertreterin von Belegschaftsaktionären, mit dem Telekom-Management ab. Der Vorstand verspreche eine Serviceoffensive bei der Telekom, "und die Mitarbeiter versuchen, diese Versprechen beim Kunden einzuhalten – aber sie stoßen an Grenzen." Personalabbau und ein marodes IT-System hinderten Fachkräfte daran, guten Service zu bieten. Das Management habe nicht erklären können, so kritisiert Dubbel weiter, "warum der Service in einer eigenen Gesellschaft besser sein soll als in der alten."

Dagegen erklärt Klaus Kaldemorgen, Fondsmanager bei der Investmentgesellschaft DWS, Kostenstrukturen der Telekom müssten an die Erfordernisse des Marktes angepasst werden. Das Verhalten der Gewerkschafter, die das Telekom-Angebot an die Servicemitarbeiter abgelehnt haben, bezeichnete er als unverständlich. Es sei ein Anachronismus, für die 34-Stunden-Woche zu streiten – selbst Schüler arbeiteten mehr.

Auch Aktionärsschützer Hans Richard Schmitz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) betrachtet Restrukturierungsmaßnahmen als "unumgänglich". In Richtung der Gewerkschaft sagte er: "Die Zeiten der Sozialromantik sind vorbei". Es sei auch politisch gewollt, dass infolge der Deregulierung Kunden von der Telekom zu Wettbewerbern abwanderten und Kosten gesenkt werden müssten.

Allen Sparmaßnahmen zum Trotz wurde die Dividende auf großzügige 0,72 Euro festgesetzt, damit bietet die Deutsche Telekom die aktuell höchste Dividendenrendite im Dax. Mehr als drei Milliarden Euro werden an die Anteilseigner ausgeschüttet, damit zahlt der Konzern rund 85 Prozent seines Nettogewinns aus. Ein süßes Beruhigungsmittel für die Aktionäre - und eine bittere Pille für die Mitarbeiter.

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