Telekom-HV Entscheidungstag für Obermann

Am heutigen Donnerstag muss Telekom-Chef René Obermann den Aktionären erläutern, wie die Telekom wieder auf Touren kommen soll. Zugleich wollen Tausende Mitarbeiter am Tag der Hauptversammlung protestieren. Einen längeren Arbeitskampf kann sich der Konzern nicht leisten: Zu groß ist die Zahl der Baustellen, auf denen Obermann etwas bewegen muss.

Köln - Für den Tag der Hauptversammlung seien bundesweit Warnstreiks geplant, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft Verdi. Der Protest richtet sich gegen die geplante Auslagerung von rund 50.000 Mitarbeitern in drei Gesellschaften unter dem Dachnamen T-Service.

Während der Hauptversammlung in der Kölnarena will Vorstandschef René Obermann für seine Strategie werben. So will er mit dem Kauf neuer Mobilfunkbeteiligungen im Ausland das Wachstum der Telekom absichern.

Im Fokus steht aber vor allem die umstrittene Gründung von T-Service, mit der Obermann die Kosten senken und die Qualität des Kundendienstes verbessern will. Die Gewerkschaft Verdi lehnt die Pläne ab und will am Freitag formal über eine Ausweitung der Streiks entscheiden.

Obermann hat keine Wahl

Der drohende Streik im Personalkonflikt träfe den Konzern zur Unzeit: Kundenflucht und Serviceprobleme dürften sich Experten zufolge noch verstärken, bei einem längeren Arbeitskampf kämen finanzielle Einbußen hinzu. Ein knappes halbes Jahr nach dem Chefwechsel, als René Obermann Kai-Uwe Ricke ersetzte, scheint die Lage bei der Deutschen Telekom verfahrener denn je.

Doch hat Obermann keine Wahl, meinen Analysten - um die Kosten zu senken und das Unternehmen wieder wettbewerbsfähig zu machen, müsse er es auf einen Arbeitskampf ankommen lassen.

"Es wäre ein falsches Signal, wenn das Management jetzt klein beigeben würde", kommentiert Andreas Heinold von der Landesbank Baden-Württemberg. Wenn die Telekom ihre Strukturen nicht rasch anpasse, laufe sie Gefahr, im globalen Konkurrenzkampf vollends den Anschluss zu verlieren. "Der Konzern hat massiven Nachholbedarf in Sachen Reorganisation, aber auch viel Potenzial", lautet die Einschätzung des Experten.

Mehr Arbeit, weniger Gehalt

Das hat Obermann offenbar erkannt. Die interne IT, die ausgerechnet ein Spezialist wie die Telekom Jahre links liegen gelassen hat, soll nun eiligst vereinheitlicht, das Dauerversprechen eines besseren Kundendienstes endlich eingelöst werden. Doch indem das Management gleichzeitig durch weniger Gehalt und mehr Arbeit bei 50.000 Leuten die Effizienz steigern und die Personalkosten drücken will, begibt es sich in einen Teufelskreis: "Ein Streik ist alles andere als gut für die Steigerung der Kundenzufriedenheit und dürfte dem Image der Telekom zunächst weiter schaden", befürchtet Analyst Heinold.

Auch Jochen Reichert von SES Research hält für möglich, dass sich die Kündigung von Telefonanschlüssen noch beschleunigen wird. Allein im ersten Quartal hat die Telekom angeblich weitere 600.000 Festnetzkunden verloren. Doch wenn das Management die Einschnitte beim Personal jetzt nicht vornehme, könne der Konzern auf Dauer nicht mit wettbewerbsfähigen Preisen auftreten, urteilt Reichert.

Abschied von 600.000 Kunden

Abschied von 600.000 Festnetzkunden seit Januar

Die Gefahr, dass die Telekom wegen eines Streiks ein drittes Mal ihr Gewinnziel von jetzt 19 Milliarden Euro senken muss, hält er aber nicht für akut. Das Unternehmen hat hier nach seiner Ansicht eine Manövriermasse von rund einer halben Milliarde. "Es müsste schon sehr viel passieren, um die Guidance in Gefahr zu bringen", sagt Reichert.

"Ich werde erst nervös, wenn sich ein Arbeitskampf flächendeckend über Wochen hinzieht", meint auch seine Kollegin Heike Pauls von der Commerzbank. Der langfristige Kostenvorteil für die Telekom dürfte ihrer Ansicht nach die Einbußen überwiegen. Sogar für "relativ überschaubar" hält Frank Rothauge, Analyst bei Sal. Oppenheim, die möglichen Auswirkungen eines Streiks: Wenn die Callcenter und der technische Kundendienst lahmgelegt seien, könne die Arbeit vorübergehend an externe Dienstleister vergeben werden. Hinzu komme, dass rund die Hälfte der 50.000 Beschäftigten, um die es hier geht, Beamte seien - und die dürften nicht streiken.

Auf der anderen Seite steht für die Mitarbeiter einiges auf dem Spiel, weshalb sie auch bereit sein dürften, streikbedingte Lohneinbußen in Kauf zu nehmen, gibt ein anderer Analyst zu bedenken. Das Management, das ja unbedingt den Service verbessern wolle, müsse aufpassen, die Beschäftigten nicht zu vergraulen. Ein mehrmonatiger Streik würde auch die Telekom vor große Probleme stellen. Verdi gibt sich derweil kämpferisch. Es sei davon auszugehen, dass die Große Tarifkommission am Freitag zur Urabstimmung in den Betrieben aufrufen werde, sagt Gewerkschaftssprecher Jan Jurczik.

Die Telekom habe keinen Grund, die Rechtmäßigkeit eines Arbeitskampfes infrage zu stellen und Verdi dafür haftbar zu machen. "Die Forderung nach einem tarifvertraglichen Sozialplan für die 50.000 Mitarbeiter ist eindeutig bestreikbar", betont der Sprecher. Das habe vorige Woche das Bundesarbeitsgericht in einem vergleichbaren Fall bei der IG Metall entschieden. Im Übrigen habe die Gewerkschaft einen langen Atem. "Die Streikkasse ist gut gefüllt", sagt Jurczyk. "Die reicht länger als das Durchhaltevermögen von Herrn Obermann."

manager-magazin.de mit dpa und dow jones newswires

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.