Siemens-Führungskrise Schlimmer geht es nicht!

Wohl noch nie hat ein derart prominent besetzter Aufsichtsrat eines global tätigen Konzerns seinen eigenen Chef derart skrupellos demontiert, wie es nun Klaus Kleinfeld erleben musste. Nun ist es nicht mehr undenkbar, dass die einstige Perle der deutschen Industrie schon bald ein Ziel der Finanzraider wird, die das Führungschaos zum Einstieg nutzen.
Von Andreas Nölting

Wer hätte gedacht, dass die schlimme Schmiergeldaffäre im Hause Siemens - der für einen Konzern eigentlich größte denkbare Unfall - so schnell durch einen neuen, umfassenderen Skandal getoppt werden könnte. Nun ist das Undenkbare geschehen, und es brennt lichterloh am Wittelsbacher Platz, dem Münchener Stammsitz des Konzerns. Die Flammen schlagen immer höher, und ein tatkräftiger Feuerwehrmann ist nicht in Sicht.

Tollhaus Siemens. Wohl noch nie hat ein so prominent besetzter Aufsichtsrat eines global tätigen Konzerns mit 475.000 Beschäftigten seinen eigenen Chef derart skrupellos demontiert, wie es nun Klaus Kleinfeld bitter erleben musste. Die Kontrolleure haben seine Vertragsverlängerung, die eigentlich schon als beschlossen galt, unterlaufen und hinter seinem Rücken einen Nachfolger gesucht. Kleinfeld wurde eiskalt demontiert und hat nun seinen Job konsequenterweise hingeschmissen.

Die treibenden Kräfte des Putsches kommen allerdings nicht aus dem Arbeitnehmerlager, wie man es angesichts des harten angloamerikanischen Führungsstils Kleinfelds vermuten sollte, sondern sie repräsentieren die Kapitalgeber und zählen zur Crème der deutschen Wirtschaft: etwa Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Ex-ThyssenKrupp-Lenker Gerhard Cromme.

Warum aber musste Klaus Kleinfeld gehen, was hat die Kontrolleure derart aufgebracht, dass sie Siemens in eine so heftige Führungskrise stürzen und den Wert der Siemens-Aktie am internationalen Kapitalmarkt riskieren?

Diese Frage bleibt auch nach der dürren Ad-hoc-Meldung des Konzerns ("Kleinfeld steht für eine Vertragsverlängerung nicht zur Verfügung") weiter offen. Es existieren mehrere Varianten einer Antwort:

1. Die Kontrolleure haben Hinweise, dass der Noch-Siemens-Chef entgegen aller Beteuerungen und Ermittlungen doch in den Schmiergeldskandal verwickelt ist. Dann aber, so sollte man meinen, hätten die Aufsichtsräte zumindest jetzt Fakten genannt.

Wahrscheinlichkeit: 10 Prozent

2. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC drängt wegen des Schmiergeldskandals auf eine Runderneuerung an der Konzernspitze. Der Siemens-Konzern, dessen Aktie in New York notiert ist, fürchtet ein langwierigen Rechtsstreit mit amerikanischen Juristen und hohe Strafzahlungen. Um der SEC entgegen zu kommen, musste nach Heinrich von Pierer nun auch Kleinfeld gehen.

Wahrscheinlichkeit: 30 Prozent

3. Der bisherige Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer, den nun Gerhard Cromme ablöst, hat seine Demission am vergangenen Freitag mit der Forderung verbunden, auch sein Nachfolger und Ziehsohn Kleinfeld müsse gehen. Grund: Er fühle sich von Kleinfeld im medialen Gewitter des Schmiergeldskandals allein gelassen. Kleinfeld habe sich durch sein Schweigen als Saubermann präsentiert und indirekt alle Schuld auf von Pierer ableiten lassen.

Wahrscheinlichkeit: Eigentlich unglaublich

Auf den Wahrheitsgehalt der letzten Variante deuten allerdings Äußerungen hin, die Deutsch-Banker Ackermann zugeschrieben werden. Er hat angeblich verlauten lassen, dass ein Aufsichtsrat ein solches Verhalten eines Vorstandschefs nicht tolerieren dürfe. Welches Verhalten er meinte, blieb hingegen offen.

Aus Siemens-Kreisen heißt es zudem gegenüber manager-magazin.de, dass von Pierer bereits seit drei Wochen, also noch als amtierender Oberaufseher, einen Nachfolger gesucht habe. Schon damals war von Pierer offenbar klar, dass er nicht mehr lange Aufsichtsratsvorsitzender bleiben werde. Wenn er schon weichen müsse, so mag er gedacht haben, muss Kleinfeld auch gehen.

Nun steht der wohl berühmteste deutsche Industriekonzern ohne einen handlungsfähigen Chef dar und kann keinen Nachfolger präsentieren. Folge: Die Siemens-Aktie wird am morgigen Handelstag tief stürzen und die Hedgefonds-Manager reiben sich die Hände. Es ist nicht mehr undenkbar, dass die einstige Perle der deutschen Industrie schon bald ein Ziel der Finanzraider wird, die das Führungschaos und die fallenden Kurse zum Einstieg nutzen, den Konzern übernehmen und das Konglomerat dann gewinnbringend zerschlagen werden.

Was den prominenten Aufsichtsrat geritten hat, den Konzern einer solchen Gefahr auszusetzen, wird erst Stück für Stück offenbar werden. Ackermann, Cromme und Co. haben der deutschen Konzernlandschaft einen Bärendienst erwiesen.

Schlimmer geht es nicht.

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