Investitionen China und/oder Indien?

Wer heute von den Emerging Markets spricht, meint meist die Dynamik Chinas und Indiens. Beide Länder verbindet ein großes ökonomisches Potenzial, die Entwicklungspfade unterscheiden sich allerdings stark. Wo sollten Unternehmen am besten investieren?
Von Ashish Singh

China und Indien werden zu Recht als die Märkte der Zukunft gehandelt. Gemeinsam vereinen beide Länder knapp 40 Prozent der Weltbevölkerung auf sich. Nach Einschätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank wird allein die Wirtschaftsleistung Indiens im Jahr 2050 die ökonomische Performance Europas übertreffen. Somit würde der Subkontinent im internationalen Vergleich die drittstärkste Volkswirtschaft stellen, nach China und den USA.

Anhand der wirtschaftlichen Vor- und Nachteile beider Länder lassen sich ihre unterschiedlichen Entwicklungspfade aufzeigen. Sowohl das Reich der Mitte als auch der indische Subkontinent verfügen über unterschiedliche Standortvorteile, die sie für internationale Investoren attraktiv machen.

Der chinesische Binnenmarkt gewinnt durch seine pure Masse und Größe an Ausstrahlung und Gewicht. Seit Jahren wächst die Wirtschaft des 1,3-Milliarden-Volkes jährlich um etwa 10 Prozent. Das kommunistisch regierte Land setzt dabei auf die Kräfte der Massenproduktion und verdankt seine hohen Wachstumskennzahlen dem anhaltend starken Export von Billigwaren in den Westen.

Chinas Parteikader verstehen es, die Sogkräfte der Globalisierung zu nutzen und vernetzen das Land auf das innigste mit der internationalen Wirtschaft. Dabei setzen sie einerseits auf das riesige Heer von billigen Arbeitskräften, andererseits wissen sie auch ihre gewaltigen Devisenreserven von bis zu 1000 Milliarden Dollar gewinnbringend zu nutzen.

Längst legt China seinen hohen Handelsüberschuss, der die Basis seiner Devisenüberschüsse bildet, in westliche, vorwiegend US-Staatsanleihen an. Damit garantiert Peking den Industrieländern einerseits niedrige Zinsen und hält andererseits deren Kaufkraft für chinesische Güter stabil.

Die Kunst der sanften Anpassung

Die Kunst der sanften Anpassung

Die Kunst der richtigen Balance im Devisengeschäft ist nicht die einzige Herausforderung, vor der das kommunistische Regime steht. Mittlerweile ordnet es das gesellschaftliche Zusammenleben, die Kultur und die Umwelt dem ökonomischen Aufschwung unter und verfolgt seine tief greifenden, wirtschaftlichen Reformen mit teilweise rigiden Maßnahmen.

Auslöser für dieses Verhalten ist der entfesselte Kapitalismus und die immer noch mangelnde Rechtssicherheit im chinesischen Zentralstaat.

Diese zwei Faktoren führen zu wachsenden ökonomischen, politischen, sozialen und geographischen Disparitäten. In der Zwischenzeit kann nur mehr die zunehmende Prosperität des Landes die autoritäre Führung der Volksrepublik legitimieren und stellt für sie eine politische Überlebensfrage dar.

Eine sanfte Anpassung der Politik an die veränderten Gegebenheiten im Land sowie die Transformation des Reichs der Mitte, hin zu einem Mehrparteiensystem ist zu wünschen. Ob es gelingt, bleibt fraglich. Denn ein etwaiger wirtschaftlicher Abschwung birgt unvorhersehbare Konsequenzen und zeigt letztendlich auf, wie instabil die Lage für Investoren in China ist.

Indien hingegen bietet nicht nur eine beständige, sondern mit 1,1 Milliarden Menschen auch die größte Demokratie der Welt. Seit dem politischen Dominanzverlust der Kongress-Partei (INC) hat sich in Indien die politische Landschaft neu geordnet. Durch die zunehmende Dezentralisierung des Landes konnten sich auch verstärkt Regional- und Kastenparteien etablieren, die eine wichtige Ventilfunktion für innere Konflikte zwischen Hindus und Muslimen übernehmen.

Das demokratische System ist wesentlich lernfähiger als das chinesische Einparteiensystem und der politische Wettbewerb wirkt sich zusätzlich positiv auf die Marktwirtschaft aus.

Indiens Regierung unter Zugzwang

Indiens Regierung unter Zugzwang

Während China einen Großteil seines Wachstums Güterexporten in den Westen verdankt, weist Indien einen einzigartigen Erfolg im Dienstleistungssektor auf. Die gesamte Serviceindustrie generiert mittlerweile 60,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts von 796 Milliarden Dollar. Besonders durch den Boom im Offshoring und Outsourcing findet das Land seit Mitte der 90er Jahre Anschluss an die Weltwirtschaft.

Als Wachstumsquelle Nummer eins gilt weiterhin die internationale Verlagerung von Geschäftsprozessen auf den Subkontinent, mit steigender Tendenz in der Forschung und Entwicklung. Chinas Dienstleistungssektor trägt dagegen circa 40 Prozent zum BIP von 2512 Milliarden Dollar bei.

Aber Chinas Führung ist ehrgeizig und setzt inzwischen nicht nur auf die Kräfte der Massenproduktion, sondern versucht durch neue Diversifizierungsstrategien bei der Qualität der Dienstleistungen an Klasse zu gewinnen. Die verschärfte Wettbewerbssituation bleibt nicht ohne Folgen: Die Konkurrenz zwischen den asiatischen Ländern nimmt allgemein zu und der bereits vorhandene Preisdruck verschärft sich. Mittlerweile sind sogar indische Unternehmer daran interessiert einfache Serviceleistungen wie zum Beispiel Call Center auf die Philippinen auszulagern.

Indiens Regierung gerät unter Zugzwang. Auch ihr liegt es daran die Grundlagen der nationalen Wirtschaft zu verbreitern. Ziel ist es, der Gefahr einer Abhängigkeit vom Offshoring/Outsourcing sowie Dienstleistungssektor vorzubeugen und die Massenproduktion im industriellen Bereich voranzutreiben. Damit der ökonomische Motor des Landes nicht ins Stocken gerät, wurden einstweilen Genehmigungsverfahren verkürzt sowie Zölle und Steuern gesenkt.

Westliche Investoren schätzen aber nicht nur die billige und zugleich qualifizierte Arbeit der Inder, sondern auch die kulturell niedrigen Markteintrittsbarrieren: Die englische Sprache und die Anwendung des angelsächsischen Rechtsystems sind vertraut und müssen, anders als in China, nicht neu eingeübt werden. Internationale Konzerne verlagern ihre Forschung und Entwicklung zunehmend nach Indien.

Hier wissen sie, dass ihre Patentrechte respektiert werden und im Falle der Missachtung rechtsstaatliche Maßnahmen greifen. In China ist das nicht der Fall: Obwohl das Reich der Mitte seit 2001 Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) ist und sich vertraglich verpflichtete, den Schutz des geistigen Eigentums (TRIPS) zu achten, hapert es bei der Durchsetzung der internationalen Normen.

Soziale Spannungen entschärfen

Soziale Spannungen entschärfen

Zwar erließ Peking ein Urheberrecht, das aus dem deutschen Gesetzbuch übernommen wurde, und jüngst billigten die 3000 Delegierten des Volkskongresses das erste Eigentumsgesetz des Einheitsstaats. Dennoch fehlt es der WTO an der notwendigen verwaltungstechnischen Transparenz, um Regelverstöße zu belegen, damit ein erfolgreiches Verfahren gegen China eingeleitet werden kann.

Indien kann aber auf anderen Gebieten von China lernen. In beiden Ländern hält das Bevölkerungswachstum weiter an und verschärft die politischen sowie sozialen Herausforderungen der Armut. Zwar hat sich die Wirtschaftsleistung des Subkontinents in den letzten 15 Jahren verdoppelt und eine fest etablierte Mittelschicht von über 200 Millionen Menschen steigert die Binnennachfrage nachhaltig.

Dennoch hat es der indische Staat im Vergleich zu China verpasst, den Wandel von einer agrarischen zu einer nichtagrarischen Wirtschaft auf eine sichere Basis zu stellen. Durch den frühzeitigen Ausbau ihrer Industrie gelang es den Chinesen genügend Arbeitsplätze auch für gering qualifizierte Menschen zu schaffen. Es hat sich herausgestellt, dass diese Strategie ein probates Mittel ist, um ein gewisses Existenzminimum für die meisten Bürger zu gewährleisten.

Indien dagegen muss der Spagat zwischen High-Tech und Unberührbarkeit erst noch gelingen: Nach Angaben der Weltbank leben 44 Prozent der indischen Bevölkerung von jeweils nur einem Dollar am Tag.

Trotz aller bestehenden Probleme stellen China und Indien für internationale Investoren äußerst verlockende Märkte dar, deren Stärken und Schwächen sich ergänzen. Während China den Weg der Massenindustrialisierung beschritt, setzte Indien – auch wegen der mangelnden Infrastruktur – seine Entwicklung im wissensbasierten Dienstleistungssektor an.

Beide Länder stehen zudem vor der Herausforderung soziale Spannungen zu entschärfen und die konkreten Verbesserungen der Lebensbedingungen ihrer Bevölkerung voranzutreiben. Dazu gehört es unter anderem, umfassende Maßnahmen für den Umwelt- und Klimaschutz zu ergreifen sowie die drängende Korruption in beiden Ländern einzudämmen.

Sowohl Indien als auch China befinden sich auf Rang 70 von 163 Ländern des Index von Transparency International. China wird der Übergang zu einer Dienstleistungsgesellschaft nur dann gelingen, wenn ein Klima der Freiheit die Potenziale der Kreativität offen legt. Indien hingegen benötigt den Mut bestehende Reformen- und Liberalisierungsvorhaben weiter auszubauen, damit die Ökonomie weiterhin robust wachsen kann.

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